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HSV: Wieder mal Spitz auf Knopf

Mal wieder Nervenflattern, mal wieder Mentalitätsprobleme, mal wieder Trainingslager - auch in der 2. Liga scheint beim Hamburger SV nach anfänglicher Euphorie wieder alles beim Alten. Die SPORTreportage berichtet am Sonntag.

Hannes Wolf am 04.05.19 in Hamburg
HSV-Trainer Hannes Wolf
Quelle: dpa

Eigentlich wähnte sich Lewis Holtby auf alle Härten des Fußballgeschäftes vorbereitet, seit er zu Beginn seiner Karriere bei Schalke 04 von Felix Magath trainiert wurde. "Ich glaube, er wollte mir nur zeigen: die Bundesliga ist kein Pony-Hof", sagte Holtby vor ein paar Jahren in einem Interview.

Gäule durchgegangen

Diese Stärke fehlte ihm offensichtlich, als Trainer Hannes Wolf letzte Woche die Anfangsformation für das Auswärtsspiel bei Union Berlin bekanntgab und Holtby darin nicht vorkam. Der enttäuschte Mittelfeldspieler sagte dem Trainer, dass er dann gar nicht mitfahren wolle.

Wenig später wollte seinen Aussetzer wieder gerade rücken - doch Wolf verbannte ihn bis zum Saison-Ende zur U23. Da Holtbys Vertrag ohnehin nicht verlängert wird, wird einer der dienstälteste HSV-Profi kein Bundesliga-Spiel mehr für den Klub machen. "Die Gäule sind mit mir durchgegangen - leider wurde mir die Tür nicht mehr aufgemacht", sagte Holtby, der nicht der einzige ist, bei dem die Nerven blank liegen.

Leistungsträger enttäuschen

Bis zur Winterpause schaukelte sich der Erstliga-Absteiger mit einer Art "Zweitliga-Euphorie" zur Tabellenführung und sechs Punkten Vorsprung auf den dritten Platz hoch. Der Rest schien ein Schaulaufen zum sofortigen Wiederaufstieg zu werden, den Vorstandschef Bernd Hoffmann sowieso als "alternativlos" bezeichnet hatte. Und mit Wolf hatte man ja jetzt auch einen dieser neue, jungen Trainer, die zu allem fähig scheinen.

Doch seit Frühlingsbeginn ist der HSV aus dem Tritt. Leistungsträger wie Aaron Hunt sind häufig verletzt, andere wie Kapitän Gotoku Sakai und eben Holtby spielen unter Niveau. Hoffnungsträger wie Jann-Fiete Arp zündeten gar nicht.

Trainer Wolf probierte viel (manche sagen, zu viel), die spielerischen Ansätze blieben Stückwerk und hinten setzte zu oft die große Flatter ein. Nach der völlig verdienten Niederlage gegen den direkten Konkurrenten Union Berlin und dem Rückfall auf Platz vier sprach Sportchef Ralf Becker von "einer Katastrophe".

"Bisschen mehr laufen"

Die ist nicht nur Folge schwacher Nerven der Akteure. "Es ist in jedem Fall so, dass ich die maximale Schärfe, die Bereitschaft, sich voll einzubringen, auch hart zu trainieren, in Phasen und auch in Spielen vermisst habe. Das muss man ganz offen sagen. Ich glaube schon, dass wir ein bisschen mehr laufen könnten", konstatierte Trainer Wolf.

2. Bundesliga, 31. Spieltag, 1. FC Union Berlin - Hamburger SV: Pierre-Michel Lasogga (Hamburger SV) enttäuscht
Pierre-Michel Lasogga
Quelle: imago/DeFodi

Kurz gesagt: es fehlt an Mentalität und Mannschaftsgeist. Ein verheerenderes Zeugnis kann man einer Mannschaft, für die es mal wieder um so viel geht, nicht ausstellen. Und doch spricht Wolf einen Mangel an, der den HV schon länger begleitet.

Schon im Dauerabstiegskampf der letzten Jahre hatten zu viele HSV-Spieler zu viel mit sich selbst zu tun, als dass sie ihre Fähigkeiten optimal in das bestehende Gefüge einbringen konnten.

Wille ohne Plan

Fast kein Spieler - von wenigen Ausnahmen abgesehen - wurde im Trikot der Rothosen besser. Und wohl keine andere Bundesliga-Mannschaft musste in den letzten Jahren in der entscheidenden Saisonphase ein teambildendes Trainingslager einschieben wie der HSV, um die nötige Geschlossenheit herzustellen.

Seit Mittwoch bereitete sich die Mannschaft wieder mal im niedersächsischen in Rotenburg an der Wümme auf ein Spiel vor - trotzdem setzte es eine derbe 0:3-Heimniederlage gegen Ingolstadt (es folgen noch die Partien in Paderborn und zu Hause gegen Duisburg). Aus der Motivationslehre weiß man, dass die größte Willenskraft nichts nützt, wenn ein klarer Plan und eine klare Perspektive fehlen. Und da haben die Machtkämpfe, Umbrüche und schnellen Wechsel in der sportlichen Leitung der letzten Jahre ihre deutlichen Spuren hinterlassen.

Führung macht Hoffnung

Hoffnung macht ausnahmsweise der Blick in die Führungsetage, wo Hoffmann und Becker mit Wolf trotz angespannter Situation zusammenstehen und sich auch durch Rückschläge nicht vom Plan eines kontinuierlichen Aufbaus abhalten lassen wollen.

Wenn sie das durchhalten und ein gutes Hänchen bei den notwendigen Verstärkungen mit jungen entwicklungsfähigen Spielern haben, wird sich das irgendwann auch wieder auf dem Platz niederschlagen.

Verstärkung beim Scouting haben sie sich mit dem neuen Sportdirektor Michael Mutzel geholt, der vorher die Scouting-Abteilung der TSG 1899 Hoffenheim leitete - was bekanntlich keine schlechte Adresse für Nachwuchsförderung ist.

Schrumpfkurs droht

Womöglich wird sich in den nächsten drei Wochen zeigen, ob auch ein Nichtaufstieg zu den "Rückschlägen" zählt, die das Vertrauen in Trainer Wolf nicht erschüttern sollen. Käme es zu einem weiteren Jahr in der 2.Liga müsste der Personaletat deutlich reduziert werden, die Rede ist von einer weiteren Schrumpfung um sieben Millionen Euro auf 20 Millionen Euro.

In der ersten Liga könnten der Klub mit dem doppelten kalkulieren. Für die Fokussierung auf das das Saisonfinale ist diese zweigleisige Planung alles andere als ideal: Spieler, wie Douglas Santos oder Pierre-Michel Lasogga wissen nicht, ob der Klub sie weiter bezahlen kann oder will.

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