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HSV in Liga zwei: Chance und Risiko

Der Hamburger SV sollte den Abstieg vor allem als Neuanfang begreifen. Dem fast mit Ansage in die Zweite Liga getaumelten Traditionsverein kommt entgegen, dass er sich nicht total verzwergen muss.

Hamburger Spieler sind enttäuscht
Nach dem Abstieg: Der HSV steht zusammen
Quelle: reuters

Es ist wohl unvermeidlich, dass sich an dem historischen Tag auch noch Uwe Seeler äußern musste. Wer anders als die lebende HSV-Legende sollte seine tiefe Trauer ausdrücken als der aufrichtige Mittelstürmer, der immer für diesen Verein voranging. Der 81-Jährige hat nach dem nutzlosen Sieg gegen Mönchengladbach gesagt, Hamburg ohne erste Liga könne er sich nicht vorstellen. Und dass er aber auch zur zweiten Liga gehen wolle. Er wünsche sich, dass man sich intensiv darauf vorbereitet: Denn „die wird sehr schwer werden.“

Alles eine Nummer kleiner

Denn es ist nun mal kein Automatismus, dass der HSV (-> Thema in der SPORTreportage am Sonntag ab 17.10 Uhr) die durch die Inthronisierung von Trainer Christian Titz entstandene Aufbruchsstimmung ad hoc in die zweite Liga rettet. Der Abstieg ist ja auch das Ende eines Mythos, dass Missmanagement am „Tor zur Welt“ nie bestraft wird. Es bedarf eines ausgeklügelten Plans, um sich wirtschaftlich und sportlich auf die neuen Herausforderungen einzustellen.

Vieles wird im Verein nun eine Nummer kleiner werden müssen. Abseits vom oft abgehobenen Anspruch. Mittlerweile sind die finanziellen Unterschiede fast größer als die fußballerischen: Der durchschnittliche Umsatz zwischen den beiden Ligen ist mit dem Faktor 5,3 versehen: 35,3 Millionen stemmt der durchschnittliche Zweitligist, 187,5 Millionen ein Erstligist (Saison 2016/17).

Abschreckendes Beispiel: der 1. FC Kaiserslautern

Diese Finanzfalle macht es so gefährlich, weil der HSV eben auch als Folge von Misswirtschaft mit einem absurden Verschleiß an Trainern (18 in zehn Jahren, s.u.) und Managern absteigt. Genau wie im Vorjahr VfB Stuttgart und Hannover 96 ist der HSV verdammt, den Betriebsunfall umgehend zu reparieren. Auch wegen rund 105 Millionen Euro an Verbindlichkeiten.

Wenn der sofortige Wiederaufstieg nicht klappt? Es gibt abschreckende Beispiele, dass ein Abstieg einen Traditionsklub in seinen Grundfesten erschüttert. Und zwar dermaßen, dass auf Jahre nichts Gescheites mehr aufgebaut werden kann. Fortuna Düsseldorf und der 1. FC Nürnberg, die beiden aktuellen Erstliga-Aufsteiger, können davon ein Lied singen.

Sie mussten sich dermaßen gesundschrumpfen, dass sie vom ersten Tag der nächsten Saison wissen, dass sie – zumindest vom Etat her – eigentlich nur halbe Erstligisten sind. Einen ganz besonders tragischen Fall gibt Zweitliga-Absteiger 1. FC Kaiserslautern ab, dessen Konsolidierung im Unterhaus nicht gelang. Nun heißt die nahe Zukunft Dritte Liga.

18 Trainer in zehn Jahren

Christian Titz
Neustart mit Christian Titz
Quelle: dpa
  • Huub Stevens (2. Februar 2007 bis 30. Juni 2008)
  • Martin Jol (1. Juli 2008 bis 26. Mai 2009)
  • Bruno Labbadia (1. Juli 2009 bis 26. April 2010)
  • Ricardo Moniz (26. April bis 23. Mai 2010)
  • Armin Veh (24. Mai 2010 bis 13. März 2011)
  • Michael Oenning (13. März bis 19. September 2011)
  • Rodolfo Cardoso (19. September bis 10. Oktober 2011)
  • Frank Arnesen (10. Oktober bis 16. Oktober 2011)
  • Thorsten Fink (17. Oktober 2011 bis 17. September 2013)
  • Rodolfo Cardoso (17. September bis 24. September 2013)
  • Bert van Marwijk (25. September 2013 bis 15. Februar 2014)
  • Mirko Slomka (16. Februar bis 15. September 2014)
  • Joe Zinnbauer (16. September 2014 bis 22. März 2015)
  • Peter Knäbel (ab 23. März bis 14. April 2015)
  • Bruno Labbadia (15. April 2015 bis 25. September 2016)
  • Markus Gisdol (25. September 2016 bis 21. Januar 2018)
  • Bernd Hollerbach (22. Januar bis 12. März 2018)
  • Christian Titz (seit 12. März)

Rettungsfallschirm Fernsehgeld

Der HSV hat insofern großes Glück, dass sein Abstieg nach 55 Jahren ununterbrochener Erstliga-Zugehörigkeit in die Phase fällt, in der die Fernsehgelder üppiger sprudeln denn je. Zudem ist über den so genannten Eckpfeiler „Bestand“ eine Säule eingepflegt, die wie ein Rettungsfallschirm wirkt: Der Hamburger SV bekommt nächste Saison rund 21,5 Millionen Euro aus den Medienerlösen. Das ist doppelt so viel der Lokalrivale FC St. Pauli. Und auch noch fünf Millionen Euro mehr als der Vorjahresabsteiger FC Ingolstadt.

Wird außerdem berücksichtigt, dass der Traditionsverein mit Minimum 35.000 Zuschauern im Schnitt kalkulieren kann und ein Portfolio von Sponsoren wie Emirates mit in die Zweite Liga mitnimmt, wird klar: Der Verein hat ordentliche Voraussetzungen für einen geordneten Neustart, wenn junge Spieler wie Tatsuya Ito gefördert und gehalten werden.

Der Gehaltsetat soll beim HSV künftig angeblich rund 33 Millionen Euro betragen (bisher 55 Millionen). Insgesamt dürfte sich der Umsatz von bislang fast 130 auf 85 Millionen reduzieren. Ist das auch mit Einschnitten bei den fast 250 Mitarbeitern verbunden? Viel wird auch davon abhängen, unter welchen Umständen Milliardär Klaus-Michael Kühne zu weiterer Unterstützung bereit ist.

Wer kommt, wer geht?

Großverdiener wie Lewis Holtby mit mehr als drei Millionen Grundgehalt können nicht weiterbeschäftigt werden – oder müssten gewaltige Abstriche machen. Ohnehin stehen die von Trainer Christian Titz aussortierten Walace (23) oder Mergim Mavraj (31) auf der Streichliste. Kapitän Gotuko Sakai darf wie Aaron Hunt ablösefrei gehen. Auch Ersatztorwart Christian Mathenia (26) oder Dauerbrenner Dennis Diekmeier (28), zum Gladbach-Spiel auf die Tribüne geschickt, haben keine Zukunft an der Elbe.

Spannend wird, wie der Klub die dringend nötigen Transfererlöse erzielt: Ein Verkaufskandidat wäre U21-Europameister Gideon Jung (23), der mit einem Marktwert von vier Millionen taxiert wird. Noch deutlich mehr könnten Flügelflitzer Filip Kostic (25) und  Toptalent Jann-Fiete Arp (18) bringen, wenn er wirklich zum FC Bayern wechselt.

Sportvorstand gesucht

Trainer Titz möchte sein auf Ballbesitz gepoltes Offensivspiel auch in der zweiten Liga durchbringen. Schnelligkeit und Technik sind also wichtige Kriterien bei der Spielersuche. Was zur vielleicht wichtigsten Personalie führt: Wer soll neuer Sportvorstand werden? Der auf den Präsidentenstuhl zurückgekehrte Bernd Hoffmann wird die Besetzung zur Chefsache machen.

Die Lösung mit Rouven Schröder (Mainz 05) hat sich zerschlagen, Jonas Boldt (Bayer Leverkusen) dürfte kaum zu bekommen sein. Dass der interimsmäßig zum Sportdirektor aufgestiegene Bernhard Peters mehr Einfluss bekommt, zumal er als Titz-Förderer gilt, versteht sich von selbst. Letztlich wird sich in den nächsten Wochen zeigen, was Hoffmann im Hintergrund vorbereitet hat. Lange genug auf den Worst Case einstellen konnte sich der starke Mann beim HSV ja.

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