Die Tour ist re-tour

Die 104. Auflage startet am 1. Juli in Düsseldorf

Der Start für das größte Radrennen der Welt in Deutschland markiert das vorläufige Ende einer zehnjährigen Durststrecke dieses hierzulande durch Doping diskreditierten Sports. Die Düsseldorfer erwarten am Wochenende zum Auftakt der 104. Tour de France bis zu 700.000 Zuschauer, darunter sicher nicht nur deutsche Radsport-Fans.

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Sport | ZDF SPORTreportage - Degenkolb: "Diesmal geht's nicht um mich"

Vor dem Tour-Start: Deutsche Fahrer im Interview

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Schließlich sind ja auch die beiden Radsport-Nationen Belgien und Niederlande nicht weit. Die Altstadt mit "der längsten Theke der Welt" war für diese auch ohne Tour de France schon oft genug eine Reise wert.

Auftakt mit Zeitfahren

Wenn sich am Samstag um 15.15 Uhr der erste Fahrer von der Rampe auf den 14 Kilometer langen Zeitfahrkurs stürzt, hoffen die Organisatoren, dass der Funke der Begeisterung ähnlich zündet wie noch vor 17 Jahren.  Damals, auf südbadischen Straßen, dem Trainingsrevier des zum Volkshelden avancierten Rotschopfs namens Jan Ullrich, staunten selbst die Franzosen über ein geschlossenes buntes und lärmendes Zuschauerspalier am Straßenrand.

"Die Deutschen können Tour" - das ist also bewiesen, frei nach einem in anderem Zusammenhang gebrauchten Satz.  Aber sie mussten das zerstörte Vertrauen erst wieder langsam aufbauen in die neue Generation heimischer Profis: André Greipel, Marcel Kittel, Tony Martin - das sind zusammen 25 Etappensiege seit 2011, zwei trugen schon das symbolträchtige gelbe Kleidungsstück. Dazu der unverdrossen für seinen ersten Sieg kämpfende Klassikerjäger John Degenkolb - diese Vier ragen heraus aus einem 16 Fahrer umfassenden deutschen Kontingent.

Deutsche Fahrer nur in der Gesamtwertung chancenlos

Außergewöhnliche Leistungen werden nie mehr mit derselben blinden Naivität bejubelt werden können wie noch zu Ullrichs Zeiten - das ist auch gut und richtig. Doch abgesehen davon fehlt im deutschen Aufgebot einer, der es auch in der Gesamtwertung mit Froome, Quintana  & Co. aufnehmen könnte.

Diese Königsdisziplin, die in den hohen Bergen ausgefochten werden wird, wird wohl wieder weitgehend ohne deutsche Beteiligung stattfinden. Kleine positive Einschränkung: Emanuel Buchmann, in Diensten des deutschen BORA-hansgrohe-Teams, hat genau das bei der Vorbereitungs-Rundfahrt Dauphiné-Libéré geschafft, mit einem siebten Gesamtrang und dem weißen Trikot des besten Jungprofis. Doch Buchmann, ein stiller Oberschwabe, der lieber Leistung sprechen lässt, soll bei der Tour dem etwas stärker eingeschätzten Bergfahrer Rafal Majka aus Polen zu Seite springen und eigene Interessen (noch) hintanstellen.

104. Tour de France

Zwei in Deutschland lizenzierte Mannschaften, BORA-hansgrohe und Team Sunweb sind dabei - auch das ein starkes Zeichen für die Renaissance des Radsports hierzulande. Doch ausgerechnet diese beiden haben ausländische Kapitäne: BORA den angesprochenen Majka und mit dem Slowaken Peter Sagan die schillerndste Figur im Weltradsport.

Sagans Wechsel zum oberbayrischen Rennstall hat vor der Saison zuerst ungläubiges Staunen, dann große Bewunderung hervorgerufen. Jetzt haben sie den teuersten Profi der Welt, den Weltmeister der letzten beiden Jahre und fünffachen Träger des Grünen Trikots, tatsächlich verpflichten können - und er fühlt sich augenscheinlich wohl dort, wie zwei Etappensiege bei der gerade zu Ende gegangenen Tour de Suisse beweisen.

Der deutsche Meister als Edelhelfer

Neben dem Regenbogentrikot, das Sagan so schnell wie möglich wieder gegen das grüne eintauschen möchte, wird nun auch das ähnlich aussehende Trikot des Deutschen Meisters mit den Schriftzügen der Sponsoren belegt sein:  Marcus Burghardt sicherte es sich am Wochenende in Chemnitz. Der am Vorabend des Tour-Starts 34 Jahre alt werdende Sachse soll Sagan sicher durch das Peloton der 198 Starter pilotieren.

Im Team Sunweb, dem anderen in Deutschland lizenzierten Team, hat man sich mächtig über den Giro d’Italia-Gesamtsieg von Tom Dumoulin aus den Niederlanden gefreut. Die Gesamtwertung bleibt bei der Tour aber zweitrangig in diesem stark niederländisch geprägten Rennstall.

Dafür könnte der schnelle Australier Michael Matthews mehr als einmal den deutschen Sprintern in die Quere kommen. Er stützt sich auch auf zwei deutsche "Arbeitsbienen": Simon Geschke, der Überraschungs-Etappensieger in Pra-Loup 2015 - seine Freudentränen sind unvergessen - hat den kompletten Giro in den Beinen, ist aber als mannschaftsdienlicher Mann dennoch unverzichtbar.

Rick Zabel kennt das Podium

Matthews‘ letzter Windschattenspender vor dem Zielstrich soll der sprintstarke Nikias Arndt sein.  Ähnlich die Rolle von Rick Zabel beim Team Katusha-Alpecin, das in der Schweiz zugelassen ist, aber eine starke "Deutschfärbung"besitzt.

Zabel kennt das Podium in Paris schon, schließlich landete er regelmäßig auf den Schultern seines Vaters Erik, als der vor dem Triumphbogen insgesamt sechs Mal das Grünes Trikot überstreifen durfte. Rick Zabel soll den "poisson pilote" ("Lotsenfisch") des Norwegers Alexander Kristoff spielen, könnte aber bei seiner ersten Tour-Teilnahme manchmal schon schneller sein als sein Kapitän.

Hoffnungen ruhen auf Tony Martin

Die größten deutschen Hoffnungen in Düsseldorf ruhen aber auf Zabels Teamkollegen Tony Martin. "Wenn das nicht ein idealer Parcours ist für den besten Rouleur der Welt, dann weiß ich nicht", so Tour-Direktor Christian Prudhomme im ZDF-Interview. Damit hat er natürlich Recht.

Der vierfache Weltmeister im Zeitfahren ist Favorit auf den 14 Kilometern, einer in etwa gleich langen Distanz wie vor zwei Jahren bei Tourstart in Utrecht. Damals verpasste Tony Martin sein Ziel: das Gelbe Trikot schnappte ihm ein anderer weg, der Australier Rohan Dennis (der diesmal nicht aufgeboten ist). Der Deutsche ließ dennoch nicht locker und holte sich wenige Tage später nach einem Ritt übers Kopfsteinpflaster doch noch das begehrte Kleidungsstück.

Auf solch ein verzögertes Erfolgserlebnis hoffen diesmal die beiden Edelsprinter Greipel und Kittel. Beide werden sich am Rhein im Kampf gegen die Uhr voll reinhängen, um mit möglichst wenig Zeitrückstand auf die zweite Etappe Richtung Lüttich zu gehen. Mit einem Sieg dort und den verbundenen 10 Sekunden Zeitgutschrift könnten sie dann vielleicht sogar ins Gelbe Trikot schlüpfen. 

  • Berichte zum Tour-Auftakt in der SPORTreportage am Sonntag ab 17:10 Uhr

 

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