Ärzte und die Pharmaindustrie

Mehr Transparenz bei Pharma-Geldern gefordert

Verbraucher | Volle Kanne - Ärzte und die Pharmaindustrie

Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht erklärt im Gespräch mit Nadine Krüger, warum Ärzte Geld von der Pharmaindustrie bekommen und was sie damit machen.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 28.07.2017, 14:00

Reisespesen, Geld für Studien, Honorare für Verträge: Über ein halbe Milliarde Euro hat die Pharmaindustrie im vergangenen Jahr an Ärzte und medizinische Einrichtungen in Deutschland gezahlt. Kritiker befürchten, die Ärzte würden im Gegenzug die Medikamente der entsprechenden Pharmaunternehmen verschreiben. Eine Datenbank im Internet soll in diesem Bereich für mehr Transparenz sorgen – doch nur 30 Prozent der Ärzte legen darin ihre Nebeneinkünfte offen.

Die Pharmaindustrie hat in diesem Jahr zum ersten Mal offengelegt, wie viel Geld sie an Ärzte ausgeschüttet hat. Auf 575 Millionen Euro summierten sich die Beträge, die für bezahlte Reisen, Studiengelder oder Vortragshonorare gezahlt wurden. Ärzte können in einer Datenbank angeben, wie viel Geld sie selbst entgegengenommen haben, die Angaben sind aber freiwillig. Die Bundesärztekammer fordert schon lange, dass Ärzte zur Angabe ihrer Nebeneinkünfte verpflichtet werden.

Im Schnitt belief sich die von der Pharmaindustrie ausgezahlte Summe auf 1600 Euro pro Arzt. Der Spitzenreiter – zumindest unter jenen Ärzten, die zur Veröffentlichung bereit waren, kassierte 200.000 Euro. Es handelt sich dabei um einen Neurologen, der unter anderem Migräne, Kopfschmerzen und Multiple Sklerose behandelt. „Da werden viele Medikamente verschrieben“, erklärt Medizinjournalist Dr. Christoph Specht. Offenbar sei dieser Arzt ein Opinion Leader gewesen, dessen Verschreibungspraxis andere Ärzte folgten. Deswegen sei er wohl für die Pharmaindustrie interessant gewesen, so seine Einschätzung.

„Einflussnahme seitens der Industrie“

Insgesamt gesehen seien vor allem jene Ärztegruppen betroffen, die häufig Medikamente verschreiben, wie Internisten oder Neurologen. Die Industrie für Medizintechnik, also Hersteller von Implantaten oder Schrittmachern, seien bei der Transparenzoffensive indes gar nicht berücksichtigt worden – obwohl auch sie den Ärzten viel Geld zukommen lasse.

Allein die Tatsache, dass die Ärzte Geld von den Pharmakonzernen bekommen, bedeute zunächst noch keinen Nachteil für den Patienten. „Es schwingt aber mit, dass es eine Einflussnahme seitens der Pharmaindustrie gibt“, sagt Christoph Specht. Es gebe Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass Ärzte, die Geld oder Erstattungen von der Industrie erhalten, neuere und teurere Medikamente verschreiben. Ob diese aber tatsächlich besser seien als alte Medikamente, lasse sich nicht beweisen.

Studien und Fortbildungen

Auch für Anwendungsstudien kassieren Ärzte Geld von Pharmaunternehmen. Dabei handelt es sich um Studien zu Medikamenten, die neu auf den Markt gekommen sind. Christoph Specht skizziert das Prozedere wie folgt: Im Rahmen dieser Studien fülle der Arzt kurz gefasste Fragebögen aus. Dafür erhalte er ein Honorar von dem Pharmaunternehmen. „Ich sehe diese Anwendungsstudien sehr kritisch. Es liegt nahe, dass ein Arzt dadurch ein Interesse hat, ein bestimmtes Medikament zu verschreiben“, erklärt der Medizinjournalist.

Die Kosten für Fortbildungsreisen werden oft von der Pharmaindustrie bezahlt. Dies sei beispielweise bei Assistenzärzten in der Klinik durchaus hinnehmbar, da in diesem Bereich oft das Geld für Fortbildungen fehle, so Specht. Bei niedergelassenen Ärzten sei dieser Umstand allerdings schon zur Gewohnheit verkommen, ergänzt er.

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