Glücksgefühle durch Shopping

Kaufsucht kann Menschen in den Ruin treiben

Verbraucher | Volle Kanne - Glücksgefühle durch Shopping

Joachim ist kaufsüchtig - und verliert dadurch fast alles im Leben. Sein Alltag ist vom Kaufen bestimmt - über 300.000 Euro gibt er aus, bevor er die Reißleine zieht. Wie konnte es soweit kommen?

Beitragslänge:
5 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 11.10.2017, 14:00

Kaufsüchtige kaufen nicht, weil sie das gekaufte Produkt brauchen, sondern weil das Kaufen selbst sie glücklich macht. Fünf bis acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland gelten als kaufsüchtig oder extrem gefährdet. Da Kaufsucht zwar eine Krankheit ist, aber nicht offiziell als Suchterkrankung anerkannt ist, gibt es bislang nur wenig Beratungsangebote.

Einen Frustkauf, um Ärger oder Enttäuschungen zu kompensieren, hat jeder schon mal getätigt. Menschen, die unter Kaufsucht leiden, können oft an nichts anderes mehr denken. Am Ende haben sich viele finanziell ruiniert: 100.000 Euro Schulden sind bei Kaufsüchtigen keine Seltenheit.

Doch sind Frustkäufe schon Suchtkäufe? Frustkäufe bezeichnen Psychologen auch als „kompensatorische Käufe“. Sie haben die Funktion, Defizite und Frustrationen kurzfristig auszugleichen und Problemen aus dem Weg zu gehen. Dies geschieht bewusst und ist eine „normale“ Strategie für die Psyche. Wenn allerdings solche Defizite regelmäßig durch Käufe ausgeglichen werden, wenn der Frustkauf zur Gewohnheit wird, befindet man sich unter Umständen schon auf dem Weg in die Kaufsucht.

Wie sieht Kaufsucht aus?

Von Kaufsucht spricht man, wenn Menschen häufig einen Drang haben, unbedingt etwas Bestimmtes kaufen zu müssen – obwohl sie es gar nicht brauchen, schon 20 gleiche Artikel zu Hause liegen haben und es sich gar nicht leisten können. Das Kaufen löst Glücksgefühle aus, verschafft Beruhigung. Im Laufe der Zeit wächst der Druck, einkaufen zu müssen. Es wird häufiger, mehr und teurer eingekauft. Kauft der Betroffene nicht ein, entstehen Entzugserscheinungen. Das ganze Denken dreht sich immer stärker ums Kaufen, viele Betroffene ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück.

Da Kaufsüchtige meist ohne Rücksicht auf ihre finanziellen Verhältnisse einkaufen, kommt es zusätzlich oft zu massiver Verschuldung. Um an Geld zu kommen, schrecken einige auch nicht vor Kriminalität zurück, zum Beispiel Betrug. Dann kann die Kaufsucht sogar zu Gefängnisstrafen führen.

Wie entsteht Kaufsucht?

Süchte entstehen grundsätzlich mehr oder weniger zufällig. Dabei koppelt sich ein zumeist ganz gesundes Verhalten (einkaufen, essen, trinken) mit einer Gefühlssituation, die der Betroffene nicht gut und gesund regeln kann. Bei Kaufsucht könnte es zum Beispiel sein, dass jemand eine Enttäuschung erlebt.

Durch Zufall entdeckt er, dass Kaufen hilft, die Enttäuschung zu lindern. Wiederholt sich das ein paar Mal, entsteht eine Eigendynamik, an deren Ende der Betroffene - unabhängig von der Enttäuschung - immer stärker das Gefühl hat, einkaufen zu müssen.

Was kann ein Betroffener tun?

Das Wichtigste für Betroffene ist, erst einmal zu dokumentieren, wie viel und was sie tatsächlich einkaufen. Da eines der größten Probleme Betroffener Scham ist, sind Selbsthilfegruppen eine gute Möglichkeit, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Sie haben ein ähnliches Schicksal und daher Verständnis für die Situation. Auskunft über Angebote geben die jeweiligen Landesstellen für Suchtfragen und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Da aber der Kaufsucht in 90 Prozent der Fälle eine emotionale Störung, wie zum Beispiel Ängste und Depressionen, zugrunde liegt, ist es wichtig, nicht nur die Sucht zu behandeln, sondern auch die darunter liegende Störung. Dafür ist die Unterstützung eines Psychotherapeuten hilfreich.

Wichtig für die Betroffenen ist es zunächst, sich die Sucht einzugestehen, dass man süchtig ist und dass man mit seiner Sucht etwas kompensieren will. Dann ist der Weg frei für eine Heilung. Betroffene sollten ihre Kredit- und Kundenkarten abschaffen, nur noch mit Einkaufszettel und Bargeld einkaufen gehen, Spontankäufe vermeiden und den Dispositionskredit herabsetzen. Auch Kundenkonten bei Online-Händlern sollten möglichst gesperrt oder gelöscht werden, um auch diesen „Verlockungen“ nicht weiter ausgesetzt zu sein. Ein weiteres Hilfsmittel: nur in Begleitung des Partners einkaufen. Hilfreich ist es auch, Konsumgüter für einige Stunden oder einen Tag zurücklegen zu lassen und die Kaufentscheidung nochmals zu überdenken. Und schließlich hilft auch eine Liste mit allen Beständen aus den favorisierten Einkaufsbereichen (Kleider, Schuhe, Spiele, Bücher), die man stets mit sich führt. So kann ein Blick auf die Liste vor dem Einkauf ganz plastisch vor Augen führen, dass man das „Neue“ gar nicht benötigt.

Wege aus der Kaufsucht

Wie bei jedem Suchtverhalten ist der Weg zweigleisig. Zum einen sollte es darum gehen, das Suchtverhalten zu unterbrechen, zum anderen sollte man darauf hinarbeiten, die Ursachen des Suchtverhaltens zu beseitigen. Dies kann beispielsweise geschehen durch die Erarbeitung eines gesunden Selbstwertgefühls, das Erlernen von Konfliktlösungs- und Selbstbehauptungsstrategien sowie den Aufbau befriedigender Freizeitbeschäftigungen.

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