Auswirkungen der Bankenkrise

Die Folgen von 2008 sind bis heute spürbar

Verbraucher | Volle Kanne - Auswirkungen der Bankenkrise

Der Finanzcrash, der die Welt im Jahr 2008 erschütterte, wirkt bis heute nach. ZDF-Wirtschaftsexperte Reinhard Schlieker fasst die Folgen für das internationale Finanzsystem zusammen.

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11 min
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Video verfügbar bis 09.05.2017, 08:30

Am 15. September 2008 brachen die Dämme: Die bis dahin vor allem in den Vereinigten Staaten für Entsetzen sorgende Krise des Bankensektors, insbesondere der Immobilien-Finanzierer, schwappt nun endgültig über die restlichen Weltgegenden, die damit in den Sog einer Pleitewelle geraten, dessen Folgen bis heute nicht ganz bewältigt sind.

In den Jahren seit etwa 2002, als sich die Finanzwelt von der vorausgegangenen „Dotcom-Blase“, also der teils grotesken Überbewertung substanzloser, aber phantasievoller Internetfirmen, zu erholen begann, versuchten fast alle Regierungen und Zentralbanken der Industrie- und Schwellenländer, ihre Konjunktur in Schwung zu halten oder wieder in Schwung zu bringen.

Das geschah zumeist mit niedrigen Zinsen, die zu Investitionen und Kreditaufnahmen bewegen sollten – übrigens gibt es da durchaus Parallelen zur heutigen Situation. Die Jagd nach Rendite machte auch vor dem ganz normalen Sparer nicht halt – so legten beispielsweise zahlreiche Deutsche ihre Ersparnisse bei ausländischen Banken an, die höhere Zinsen versprachen. Unrühmlich bekannt geworden ist wenige Jahre darauf zum Beispiel die isländische Kauptthing-Bank, eines der spektakulären Opfer der späteren Weltfinanzkrise.

Boomende Immobilienkredite

Reinhard Schlieker
ZDF-Wirtschaftsexperte Reinhard Schlieker in der Frankfurter Börse Quelle: ZDF

In den Vereinigten Staaten entspann sich ein Wettlauf um Immobiliarkredite: Nachdem drei Präsidenten nacheinander, nämlich George Bush senior, Bill Clinton und danach George W. Bush den Traum des Amerikaners vom eigenen Haus als praktisch konstituierend für das Selbstwertgefühl des Mittelschichtlers erklärt hatten, fühlte sich jeder aufgerufen, den Traum zu verwirklichen – und staatliche wie private Geldhäuser halfen kräftig mit.

Steigende Häuserpreise schienen den Lohn auf dem Fuße folgen zu lassen: Wer sein Eigenheim finanzierte, tat das gern auch mal zu hundert Prozent und lieh sich das Geld für Auto und Urlaub gleich mit. Nach dem Urlaub versprach das eigene Haus ja schon wieder deutlich mehr wert zu sein als bei der Abreise.

Zertifikate als Geldanlage

Die Erfindung des Perpetuum Mobile wäre ein Klacks dagegen gewesen. Die Banken, die aufgrund ihrer Regulierung solche Mengen an Krediten gar nicht hätten vergeben dürfen, bündelten die Risiken in eigenen Wertpapieren, die sie mit hohem Zinsversprechen an die Finanzmärkte brachten. Derlei Konstruktionen verkauften die Investmentbanken weltweit, und natürlich auch in Deutschland, wo kaum jemand wusste, dass ein Zertifikat nichts anderes ist als ein Zahlungsversprechen der herausgebenden Bank, des Emittenten - im Pleitefall also wahrscheinlich wertlos.

In Europa führte die Lehman-Pleite zu einer Fülle von Folgeschäden: Zahlreiche Anleger verloren ihr Geld, Banken mussten ihre Positionen abschreiben und weigerten sich fortan, anderen Banken noch kurzfristig Geld zu leihen, aus Furcht, beim Partner des Geschäfts könnten bedrohliche Risiken schlummern. Die Zentralbanken, darunter die EZB, versuchten gegenzusteuern und sich als Verleiher der höchsten Bonitätsstufe anzubieten, damit der Zahlungsverkehr nicht zusammenbrach. Dennoch drückte die Krise aufs Gemüt nicht nur der Privaten, sondern auch von Unternehmen und vor allem Regierungen. Hastige neue Regulierungen für den Finanzsektor waren die Folge, manche Vorschriften werden erst in den nächsten Jahren noch umgesetzt werden, und nicht alle sind ohne weiteres sinnvoll.

Die Zeit danach

Banken haben aus der Zeit der Krise sicherlich gelernt, und lernen müssen. Viele Geschäfte sind ihnen so nicht mehr erlaubt, riskante Geldvergaben müssen mit einer nachgewiesenen Reserve an eigenem Kapital „unterlegt“ werden, was diese Geschäfte teuerer und weniger lohnend macht.

Manche Maßnahmen der Aufsichtsbehörden und Zentralbanken sind allerdings in sich widersprüchlich: So etwa versucht heute die EZB, die Kreditvergabe in den Ländern der Eurozone anzukurbeln. Gleichzeitig befasst sich eine andere Abteilung der EZB, nämlich diejenige, die mit der Bankenaufsicht betraut ist, damit, allzu leichte Kreditvergaben möglichst zu unterbinden. Ein plastisches Zeichen dafür, wie Verunsicherung und Verwirrung der Finanzkrise in unsere Zeit schwappt.

Strauchelnde Staaten

Die Finanzkrise zeigte auch, dass nicht nur Geldinstitute und Unternehmen, sondern auch ganze Staaten sich billig ein schönes Leben auf Pump gegönnt hatten. Als eine Folge des Zusammenbruchs 2008 gerieten auch einige Länder Südeuropas in schwere Not, dazu etwa Irland mit einem völlig überblähten Finanzsektor und Island mit seinen weltweit tätigen Banken. Noch heute dienen die unnatürlich niedrigen Zinsen, teils sogar unter Null, der Eurozone dazu, den Staaten wie etwa Griechenland den Weg aus der Verschuldung leichter zu machen. Doch offenbar ist dieser Weg trotz allem nicht leicht genug: Die auch von der EZB immer wieder angemahnten Strukturreformen jener Staaten kommen nicht, denn sie wären mit schmerzlichen Einschnitten für die Bürger verbunden. Auch so schon treffen die Verwerfungen natürlich die Schwachen erheblich stärker als die Vermögenden.

Dennoch gab es infolge jener Krise kaum je eine Verstaatlichung oder Rettung von Banken, weil man lediglich die Banken retten wollte. Dahinter stand stets die Furcht vor einem völligen Zusammenbruch des Kapitalverkehrs, des Kreditwesens und schließlich der gesamten Wirtschaftstätigkeit. „Wir haben in einen Abgrund geblickt“, sagte Peer Steinbrück, damals Finanzminister. Dass dies die schwächeren Teile der Bevölkerung, die Arbeitnehmer und kleinen Unternehmer besonders hart getroffen hätte, ist so gut wie sicher. Zähneknirschend gab es Geld für Banken und staatliche Übernahmen, etwa der Hypo Real Estate in Deutschland, oder teilweise der Commerzbank. Dass in den USA einige Investmentbanken vom Staat gerettet wurden, war sicherlich eine umstrittene Maßnahme gewesen. Die ganz große Krise brach aber gerade aus, als eine große Bank, nämlich Lehman Brothers, eben nicht gerettet wurde – erst da wurde aus der Krise die Katastrophe. Für alle.

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