Babybeobachtung gegen Demenz

Studie zeigt erste erfreuliche Ergebnisse

Verbraucher | Volle Kanne - Babybeobachtung gegen Demenz

Das Beobachten von Babys beim Spiel mit der Mutter soll bei Demenzkranken Erinnerungen wachrufen und den Krankheitsverlauf verlangsamen. Ein Pilotprojekt findet in einem Osnabrücker Altenheim statt.

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5 min
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Video verfügbar bis 16.02.2017, 11:39

Bei Kindern zeigt es schon Erfolge: Das Beobachten von Babys beim Spiel mit der Mutter wird in Kindergärten und Schulen zur Förderung von Empathie eingesetzt. Nun wird die Methode in einem Osnabrücker Altersheim für Demenzpatienten getestet.

Demenz kennt viele Formen: Wenn alltägliche Vergesslichkeit zu dauerhaftem Vergessen wird, dann lautet die Diagnose häufig Demenz. Doch hinter dem Begriff verbirgt sich viel mehr: Demenz beschreibt eine Vielzahl neurologischer Erkrankungen, die den dauerhaften Verlust geistiger Fähigkeiten bedeuten.

In den meisten Fällen handelt es sich um eine primäre Demenz. Das heißt, die Ursache der Erkrankung liegt im Gehirn. Dort sterben Nervenzellen ab, sodass - je nachdem, welche Teile des Gehirns betroffen sind - verschiedene kognitive oder emotionale Fähigkeiten verloren gehen. Ausgelöst wird die Erkrankung beispielsweise durch eine Fehlleistung des Stoffwechsels (Alzheimer) oder Durchblutungsstörungen (Vaskuläre Demenz). Seltener sind sekundäre Demenzen, bei denen die Krankheit in Folge einer anderen häufig psychischen Erkrankung wie einer Depression auftritt.

Jeder Fall ist anders

Die Symptome einer Demenz, und die Reihenfolge in der sie auftreten, richten sich vor allem danach, welches Hirngebiet betroffen ist. Bei manchen Patienten äußert sich die Erkrankung vor allem in einem schwerwiegenden Gedächtnisverlust – sie können sich Neues nicht merken und verlieren nach und nach ihr Langzeitgedächtnis. In anderen Fällen verändert die Demenz besonders die emotionalen Fähigkeiten der Betroffenen. Sie verlieren beispielsweise ihre Empathie, können Emotionen anderer Menschen nicht einschätzen. Ebenso können Demenzkranke auch ihre motorischen Fähigkeiten oder ihr Sprachvermögen einbüßen.

Üblicherweise ist der Krankheitsverlauf schleichend. Die Symptome verändern und verstärken sich im Laufe der Jahre. Für viele Demenzkranke ist dieser Prozess besonders frustrierend, gerade in den Phasen, in denen sie noch wahrnehmen, was mit ihnen passiert. Viele werden wütend oder aggressiv, andere ziehen sich zurück.

Alter und Vergessen – was hilft?

Im Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an einer Demenz zu erkranken stark. In Deutschland sind rund 1,4 Million Demenzkranke über 65 Jahre alt, die meisten davon sind Frauen. Daher ist der Begriff Altersdemenz weit verbreitet, er bezeichnet jedoch keine eigenständige Erkrankung. Experten vermuten, dass eine Demenz durch die schwindende Leistungsfähigkeit unseres Gehirns im Alter begünstigt werden kann. Für viele Demenzkranke ist dieser Prozess besonders frustrierend, gerade in den Phasen in denen sie noch wahrnehmen, was mit ihnen passiert. Sie werden wütend oder aggressiv, ziehen sich zurück.

In der Regel ist der fortschreitende Verfall des Gehirns nicht heilbar, denn abgestorbene Nerven lassen sich nicht wieder herstellen. Jedoch kann die Demenz medikamentös oder therapeutisch behandelt werden. Bei kognitiven Therapieansätzen wird beispielsweise das Gedächtnis der Patienten trainiert. Andere, meist psychotherapeutische Ansätze versuchen vor allem, die emotionale Ebene der Demenzkranken anzusprechen. Häufig wird versucht, negative Gefühle wie Frustration durch positive Erlebnisse zu ersetzen und so die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen.

Kindheitserfahrungen in der Demenztherapie

Ein Pilotprojekt soll die Bedürfnisse älterer Demenzpatienten in einer speziellen Therapie auffangen. Die Babybeobachtung versucht, die Betroffenen über Erfahrungen aus der Kindheit zu erreichen. Durch die Begegnung mit einem Baby sollen die Demenzkranken alte Kindheitserfahrungen wachrufen und emotionale Verbindung herstellen. Die Forscher gehen davon aus, dass Kindheitserinnerungen bei den Betroffenen besonders tief verschüttet sind. Da es sich dabei um wichtige Teile der eigenen Identität handelt, fällt den Demenzkranken der Verlust dieser Erinnerungen besonders schwer und steigert ihre Frustration.

Das Pilotprojekt entstand durch Initiative des Psychiaters und Psychotherapeuten Dr. Karl Heinz Brisch, der den Ansatz seit einigen Jahren in Deutschland erforscht. Bisher wird er zur Empathie-Förderung an Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen eingesetzt. Laut der ? Studien konnten mithilfe der Babybeobachtung bei vielen Teilnehmern Aggressionen reduziert und lethargisches Verhalten aufgebrochen werden.

Baby fördert Emotionen

Seit einem Jahr findet die Babybeobachtung nun in einem Osnabrücker Altenheim statt. Dabei beobachten die demenzkranken Heimbewohner das Baby im natürlichen Umgang mit seiner Mutter. Sie greifen selbst nicht ein, sondern reagieren ungestört auf die Geschehnisse. Dadurch sollen die Patienten aus ihrer Lethargie erwachen. Die Initiatoren des Projekts gehen davon aus, dass gerade das kindliche Verhalten besonders starke Emotionen bei den Betroffenen auslösen kann, da es sehr vertraut und berührend ist.

Langfristig hoffen die Leiter des Projekts, durch die Therapie den Krankheitsverlauf verlangsamen beziehungsweise aufhalten zu können. Bisherige Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Heimbewohner, die an dem Projekt teilnehmen, weniger stark abbauen als andere Bewohner. Bisher ist das Projekt noch in der Pilotphase und soll nun weiter ausgeweitet werden.

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