Wie gut sind Deutschlands Kliniken?

Behandlungsqualität und Hygiene auf dem Prüfstand

Verbraucher | Volle Kanne - Wie gut sind Deutschlands Kliniken?

Mangelhafte Hygiene, Zwei-Klassen-Medizin, unnötige Operationen: Krankenhäuser müssen mit vielen Vorurteilen kämpfen. Dr. Christoph Specht ordnet ein, was zutrifft und was nicht.

Beitragslänge:
9 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 28.02.2017, 14:00

Ursprünglich dienten Krankenhäuser der Versorgung von Armen (echt? Armenhäuser?) und Kranken und finanzierten sich durch Spenden. Heute gleichen viele Krankenhäuser modernen Wirtschaftsunternehmen. Die Krankenhauslandschaft in Deutschland ist dreigeteilt: Kommunale Einrichtungen machen knapp ein Drittel aus, ebenso viele haben gemeinnützige Träger. Jede dritte Klinik ist heute in privater Hand. Bei allen ist der wirtschaftliche Druck groß. Doch wohin führen Sparzwang oder Profitstreben? Schaden sie dem Patientenwohl? Entsteht eine zwei Klassen-Gesellschaft im Krankenhaus, unterteilt in Kassen- und Privatpatienten?

Die Reporter von ZDFzeit wollten genau diesen Fragen nachgehen. Ein Vergleich zwischen zwei Patienten in einem Klinikum in München (ein Kassenpatient, ein Privatpatient), die beide aufgrund eines Bandscheibenvorfalls behandelt werden, soll zeigen, wie es um die konkreten Umstände im Operationssaal bestellt ist. Das Ergebnis zeigt: Von der Anästhesie über die eigentliche Operation bis hin zur Zahl der während der OP anwesenden Personen – bei der medizinischen Betreuung werden keine Unterschiede zwischen Kassen- und Privatpatienten gemacht.

Zwei-Klassen-Medizin?

Prof. Dr. Klaus Dieter Zastrow ist Arzt für Hygiene und Umweltmedizin in Berlin. Er sagt: „Die rein medizinische Leistung ist sicherlich für den Patienten, der auf einer Komfortstation – so nennen wir das heute – untergebracht ist, auch nicht besser als für den einfachsten Kassenpatienten. Ich glaube, darauf können wir auch stolz sein, dass das eben nicht so ist, dass es da keine Unterschiede gibt.“

Bleiben also Verpflegung und Unterbringung, die unterschiedlich sind: Privatpatienten werden mit gehobener Gastronomie im schicken Einzelzimmer verwöhnt. Auch Kassenpatienten haben hier drei Mahlzeiten zur Auswahl, liegen allerdings im Mehrbettzimmer. Die Stichprobe der ZDFzeit-Reporter zeigt: Ob Privat- oder Kassenpatient, die medizinische Versorgung ist die Gleiche. Aber Privatpatienten liegen komfortabler und haben freie Arztwahl, können sich also vom Chefarzt operieren lassen.

Profitstreben schlecht fürs Patientenwohl?

Schadet das Streben nach Profit dem Patientenwohl? Knapp 2000 Krankenhäuser gibt es in Deutschland. Etwa 40 Prozent machen Verluste, jeder fünften Klinik droht die Pleite. Ein Beispiel: Das Krankenhaus Dissen in der Nähe von Osnabrück musste 2014 Insolvenz anmelden. Zwar gibt es im Umkreis ein Dutzend Kliniken, doch die meisten haben sich spezialisiert. Das brachte die Bürger auf die Barrikaden, die eine medizinische Grundversorgung einforderten.

Doch Dissen ist kein Einzelfall. Die Schließung ist vielmehr symptomatisch für einen Umbruch in der deutschen Kliniklandschaft. Denn obwohl jeder dritte Euro der gesetzlichen Kassen in die Krankenhäuser fließt, fehlt es an Geld. Überall in Deutschland werden in den kommenden Jahren Kliniken schließen müssen – vor allem kleinen Häusern droht das Aus. Hartmut Nümann, Bürgermeister von Dissen, umschreibt das Problem wie folgt: „Die Zentren werden gestärkt, und der ländliche Bereich blutet aus. Das hat noch weitere Folgen: Es geht dann nicht nur um die Fachärzte. Die Infrastruktur einer Stadt, einer Gemeinde wird geschwächt.“

Schnell operieren, schnell entlassen

Ärzte mit Patient am Krankenbett
Heute heißt die Devise: schnell operieren, schnell entlassen. Quelle: imago

Druck bekommen die Kliniken auch über das Finanzierungsmodell. Tagessätze zahlen die Kassen schon seit 13 Jahren nicht mehr, sondern sogenannte Fallpauschalen – einen festen Betrag, egal wie lange der Patient tatsächlich bleibt. Prof. Gerd Glaeske ist Pharmakologe und Gesundheitsökonom. Er erklärt: „Früher hat man in den Krankenhäusern oft von Freiheitsberaubung gesprochen, wenn Patienten zu lange liegen mussten, weil ja dann der Tagespflegesatz abgerechnet wurde; das heißt, die Tage oder die Liegetage wurden abgerechnet. Als Krankenhaus hatte man die Chance zu sagen, freitags entlassen? Bestimmt nicht! Eher montags oder dienstags, wir nehmen die vier Tage noch mit.“

In den vergangenen Jahren ist die Verweildauer aufgrund des neuen Finanzierungsmodells drastisch gesunken. Als Ausgleich für die finanziellen Ausfälle, meinen Kritiker, sei deshalb die Zahl der Operationen gestiegen – auf mittlerweile 16 Millionen im Jahr. Dazu Dr. Ilona Köster-Steinebach vom Bundesverband der Verbraucherzentralen: „Lukrativ sind Patienten, die mit planbaren Leistungen kommen. Interessant sind Dinge wie Knieprothesen, Hüftprothesen und Herzkatheter, die man gut planen kann, die man gut in Serie machen kann und für die man dann sozusagen optimierte Arbeitsabläufe zur Reduktion der Kosten einsetzen kann.“ Zudem ist eine Operation lukrativer als eine Physiotherapie. Vermutlich ein Grund, warum pro Jahr rund 212.000 Hüften und 155.000 Kniegelenke eingesetzt werden, gefolgt von fast ebenso vielen Bandscheiben.

Und die Hygiene?

Wie groß ist eigentlich die Gefahr durch Keime? Bis zu 900.000 Menschen infizieren sich jährlich während eines Klinik-Aufenthaltes mit Keimen, schätzungsweise 30.000 sterben daran. Gut ein Zehntel der kursierenden Keime gilt heute als multiresistent. Sie lassen sich nicht mehr durch PLACEHOLDER bekämpfen. Vor allem für Immungeschwächte, Kinder und alte Menschen können sie lebensgefährlich werden.

Bei MRSA, den gefürchteten Krankenhauskeimen, gelten besonders strenge Hygienevorschriften: Vor und nach jedem Kontakt müssen die Hände desinfiziert und Schutzkleidung getragen werden. Gesunden schadet der Erreger nicht, wohl aber Kranken und frisch Operierten, wenn er durch eine Wunde in den Körper gelangt. Entstanden ist das Problem durch den massenhaften und falschen Einsatz von Antibiotika und durch Hygiene-Mängel.

Die Wege der Keime

In der Regel wird der Erreger von außen eingeschleppt: Etwa fünf Prozent der Neuaufnahmen in deutschen Kliniken bringen MRSA mit. Über direkten Kontakt oder die Berührung eines kontaminierten Gegenstandes breiten sich die Keime nach und nach im Gebäude aus. Besonders sensibel sind alle Stellen, die in kurzer Zeit von vielen Menschen angefasst werden: Griffe, Telefone, Türklinken, Fahrstuhlknöpfe und Fernbedienungen – mitunter sogar Stethoskope.

Wird nicht gründlich desinfiziert, kann es zu einem regelrechten Bakterienausbruch kommen. Binnen kurzer Zeit machen sich die Keime auf den Stationen breit. Wirksam davor schützen kann nur eine fachgerechte Desinfektion, insbesondere der Hände.

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