Blinde und Corona

Wie gehen Blinde mit Social Distancing in Coronazeiten um? Sie können nicht immer Abstand halten, sie müssen viel anfassen, um zu begreifen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. gibt Empfehlungen.

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20.04.2020
20.04.2020
Video verfügbar bis 20.04.2021

Um SARS-CoV-2 in den Griff zu bekommen, herrschen Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote. Abstandsregeln müssen eingehalten werden und Geschäfte, die noch offen haben, lassen nur eine begrenzte Anzahl an Personen auf einmal hinein. Auch wird eine gründliche Hygiene, vor allem die der Hände, empfohlen. Regeln, an die sich alle erst mal gewöhnen müssen.

Für Blinde stellen diese veränderten Lebensbedingungen besondere Erschwernisse im Alltag dar. Die Maßnahmen gegen das Corona-Virus bekommen gerade sie deutlich zu spüren. Gewohnte und einstudierte Abläufe funktionieren nicht mehr, neue Herausforderungen tauchen plötzlich auf. Ungewohnte Situationen, mit denen sie erst lernen müssen umzugehen.

Was Corona-Regeln für Blinde bedeuten

Auch wenn die Übertragung infektiöser Coronaviren von Gegenständen auf den Menschen in bisherigen Studien noch nicht bewiesen ist, wird aktuell empfohlen, möglichst wenig anzufassen, wenn man unterwegs ist. Doch bei Blinden ist es so, dass sie im öffentlichen Raum zur Orientierung viel mehr anfassen müssen als Sehende. Zum Beispiel an Handläufen, Geländern, am Druckknopf der Ampel sowie immer wenn sie sich an Stellen bewegen, die sie nicht kennen oder wenn sie sich unsicher fühlen. Handschuhe können helfen, allerdings können die bei mehrmaligem An- und Ausziehen – wenn man nicht gut aufpasst – auch mit der Haut in Berührung kommen.

Ein anderes Problem: Aufgrund des Kontaktverbots sind viele öffentliche Plätze und Wege momentan sehr leer. Viel weniger Menschen als sonst sind unterwegs. Braucht ein Blinder mal Hilfe, sei es, weil er jemanden etwas fragen muss oder er sich verirrt hat, dann hat er niemanden den er ansprechen kann. Steht kein anderer Mensch an einer Bus- oder Straßenbahnhaltestelle, ist es für Blinde nicht möglich Mitreisende zu fragen, welche Linie gerade kommt. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Busse die vordere Tür nicht mehr öffnen, so dass sie auch den Fahrer nicht fragen können.

Social Distancing - für Blinde ein besonderes Problem

Ein andere Herausforderung für Blinde und Sehbehinderte ist der vorgeschriebene Mindestabstand von 1,50 Meter. Meistens können sie das nur schwer selbst kontrollieren. So kann es vorkommen, dass ein Blinder aus Versehen anderen zu nahe kommt - oder umgekehrt - andere ihm.
Normalerweise verlassen sich Blinde dabei auf ihr Gehör. Ist es aber sehr laut funktioniert das nur noch sehr eingeschränkt. Ebenso wenn eine Person in der Nähe steht und dabei ganz still ist.

Besonders kompliziert für Blinde sind die neuen Regeln der Geschäfte, die trotz der Corona-Maßnahmen geöffnet haben. Die meisten haben Aushänge, die verkünden, wie viele Personen maximal gemeinsam eintreten dürfen. Diese Aushänge können Blinde nicht lesen. Außerdem: Blinde können Schlangen, die sich zurzeit oft vor den Geschäften bilden, meistens nicht wahrnehmen. Werden sie darauf aufmerksam gemacht, ist das Anstehen ebenfalls alles andere als einfach. Setzt diese sich in Bewegung oder löst sie sich auf, bekommt das ein Blinder oft ohne Hilfe nur schwer mit. Auch sind die in oder vor Geschäften und Supermärkten angebrachte Abstandsmarkierungen für Blinde mit ihrem Stock nicht zu ertasten. Auch da sind sie auf Hilfe angewiesen.

Empfehlungen für Blinde

Ein weiterer wichtiger Punkt: Es gibt immer mal Situationen, in denen Blinde ein Stück geführt werden müssen, in für sie unbekannten Gegenden zum Beispiel. Die Ansteckungsgefahr kann Blinde jetzt in eine auswegslose Situation bringen. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. hat jetzt neue Empfehlungen für eben diese „Führ“-Situationen herausgebracht. Der Verband empfiehlt:

  • Hilfe nur annehmen, wenn sie wirklich nötig ist. Nicht jedes nett gemeinte Angebot annehmen, wenn man es nicht unbedingt braucht
  • Führen wenn möglich durch Ansagen ersetzen, sich also durch Zurufe aus sicherer Entfernung „navigieren“ lassen
  • Bei der Inanspruchnahme von Hilfe: Wenn möglich nebeneinander gehen mit ab und zu kurzem Kontakt (mit Handrücken antippen) und der Stimme des Sehenden als Orientierung
  • Tragen einer Atemmaske, insbesondere der führenden Person
  • Hilfsbereite fremde Personen fragen, ob sie eine Atemmaske tragen, bevor man Hilfe annimmt
  • Den Führenden nicht am Ellbogen anfassen (könnte durch Husten-Etikette kontaminiert sein), sondern lieber am Oberarm, gegebenenfalls Handschuh benutzen
  • Unbedingte Handhygiene – auf keinen Fall mit der Hand, die den Führenden berührt hat, anschließend ins eigene Gesicht fassen
  • Soweit es geht, Situationen vermeiden, die ein Führen nötig machen.

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