Das Geschäft mit der Krankheit

„Disease Mongering“ – so profitiert die Pharmaindustrie

Verbraucher | Volle Kanne - Das Geschäft mit der Krankheit

Die Pharmaindustrie scheint für alles die passende Medizin zu haben. Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht erklärt, ob wir wirklich immer kränker oder einfach krank geredet werden.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 02.08.2017, 14:00

Medikamente sind ein Milliardenmarkt: 2014 gaben die Deutschen so viel Geld für Arzneimittel aus wie nie zuvor. Werden wir immer kränker? Oder werden wir krank geredet? Die Botschaft der Pharmabranche lautet: Für und gegen alles gibt es die passende Medizin. Doch Kritiker wenden ein, dass immer häufiger normale Zustände zu Krankheiten erklärt werden.

Über viele Jahre nahm Susanne Ludwig Medikamente gegen einen zu hohen Cholesterinspiegel – bis sie sich einen neuen Hausarzt suchte. Allgemeinmediziner Dr. Niklas Schurig riet ihr davon ab, die Medikamente weiter zu nehmen. „Wenn Patienten einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatten, sind diese Medikamente sinnvoll. Sie sind aber nicht sinnvoll, wenn der Patient nur erhöhte Cholesterinwerte hat und sonst eigentlich gesund ist“, so Dr. Schurig.

Schurig warnt zudem davor, neuen und vermeintlich immer wirksameren Präparaten, wie zum Beispiel zur Cholesterinsenkung, blind zu vertrauen. „Was wir sehen, schon in den Studien, die jetzt laufen, sind Nebenwirkungen wie zum Beispiel Gedächtnisstörungen, weil Cholesterin nicht nur böse ist, sondern auch im Gehirn wichtige Transmitterfunktionen hat, also einfach im Gehirnstoffwechsel wichtig ist. Da ist Zurückhaltung sicherlich angesagt, weil wir schon eine Therapie haben, die gut funktioniert!“ Niklas Schurig empfiehlt seiner Patientin statt Tabletten gesunde Ernährung und viel Bewegung gegen ihren erhöhten Cholesterinwert – denn so lasse sich das Herzinfarkt-Risiko bei ihr am besten senken.

Alltägliches wird zur Krankheit

Fälle wie den von Susanne Ludwig gibt es viele, gleiches gilt für die reine Anzahl der Krankheiten. Besonders gravierend scheint dies bei den psychischen Erkrankungen zu sein. Prof. Gerd Glaeske ist Pharmakologe. Anhand des Standard-Nachschlagewerkes der Psychotherapie zeigt er, dass es mit jeder neuen Auflage mehr Krankheiten werden. So fallen beispielsweise heute schon Kinder in ein Krankheitsbild, wenn sie mehr als drei Wutanfälle die Woche haben. Gleiches gilt für Menschen, die nach einem Todesfall mehr als sechs Monate trauern.

„Das heißt, ich darf nicht mehr lange trauern, weil ich dann in der Gefahr bin, tatsächlich als krank definiert zu werden (…) Das ist das Fatale an diesem Katalog, dass man ganz bestimmte Alltagsphänomene doch letzten Endes zur Krankheit definiert, die dann dazu führen, dass man tatsächlich Arzneimittel einnehmen soll“, so Prof. Gerd Glaeske. Die Betroffenen wundern sich, die Pharmaindustrie profitiert davon. Immer neue Medikamente gegen immer neue Krankheiten – dafür gibt es mittlerweile sogar einen Fachbegriff: „Disease Mongering“ (Handel mit Krankheiten).

1992 erstmals benannt

Der Begriff „Disease Mongering“ wurde erstmals 1992 von der Journalistin Lynn Payer in einem Buch verwendet, das sich unter anderem mit dem Thema befasst, wie Ärzte, pharmazeutische Unternehmen und Versicherungen den Menschen krank machen. Payer beschreibt “Disease Mongering“ wie folgt: „Man versucht Leute, denen es gut geht, davon zu überzeugen, dass sie krank sind, oder leicht Kranke, dass sie schwer krank sind. Disease Mongering erweitert die Grenzen dessen, was im öffentlichen Bewusstsein als behandlungsbedürftige und behandelbare Krankheit wahrgenommen wird, um den Markt für diejenigen zu vergrößern, die eine Behandlung verkaufen.“

Der Wunsch nach Hilfe

Was aber sagt die Pharmaindustrie selbst zu dem Vorwurf, sie erfinde immer neue Krankheiten oder stelle normale Alterserscheinungen als gravierende gesundheitliche Probleme dar? Dazu Dr. Siegfried Throm vom Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA): „Wir erleben des Öfteren, dass junge, gesunde Menschen älteren Menschen erklären wollen, dass ihre Alterungsbeschwerden normale Alterungsvorgänge seien, die keine Behandlung bräuchten. Ältere Menschen sehen das völlig anders und möchten auch Therapien haben - zum Beispiel gegen Gelenkschmerzen oder erektile Dysfunktion.“

„Disease Mongering“ vermeiden

Wie aber kann man gegen das „Disease Mongering“ vorgehen? Welche Handlungsanweisungen gibt es, um den immer neuen Krankheitsbildern nicht Vorschub zu leisten? Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft meint dazu:
„Bei der Vermeidung von Disease Mongering kann jeder aktiv werden, unter anderem Ärzte, Politiker und Bürger. Im Folgenden werden nur einige Punkte beispielhaft dargestellt:
Ärzte sollten sich davor hüten, Arzneimittel für physiologische Veränderungen und Befindlichkeitsstörungen des täglichen Lebens zu verordnen. Sie sollten darauf achten, sich unabhängig fortzubilden. Die Verantwortung für die Klassifikation von Krankheiten und die Erstellung von klinischen Leitlinien sollte bei Ärzten liegen, die frei von finanziellen Verbindungen zu pharmazeutischen Unternehmen sind.

Politiker sollten mehr finanzielle Mittel für die unabhängige Forschung und Information zu Arzneimitteln und Krankheiten bereitstellen. Außerdem können sie die Werbung für Arzneimittel strenger regulieren, beispielsweise durch ein Verbot von sogenannten Disease-Awareness-Kampagnen, durch die Aufmerksamkeit für Krankheiten geschaffen werden soll.
Bürgerinnen und Bürger können sich um unabhängige Informationen bemühen, beispielsweise auf der Website Gesundheitsinformation.de, die vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen unterhalten wird.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet