Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt

Potenzial nutzen, Sprachkenntnisse fördern

Verbraucher | Volle Kanne - Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt

Zuletzt ist die Zahl der Arbeitslosen auf einen Tiefststand gefallen. Wie werden sich die Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt auswirken? Professor Panu Poutvaara vom ifo-Institut gibt einen Ausblick.

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6 min
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Video verfügbar bis 01.02.2017, 09:38

Die gute Konjunktur sorgt bei Arbeitsmarktexperten für Zuversicht. Der deutsche Arbeitsmarkt dürfte trotz wachsenden Weltmarkt-Risiken und steigenden Flüchtlingszahlen weiter rund laufen. Dennoch ist die Stimmung angespannt: Wie werden sich die vielen Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt auswirken? Experten rechnen für den Sommer mit einem leichten Anstieg der Erwerbslosenzahlen.

Für qualifizierte Arbeiter auf Jobsuche sind die Bedingungen am Arbeitsmarkt derzeit besonders gut: Laut Bundesagentur für Arbeit gibt es aktuell in Deutschland so viele freie Stellen wie nie zuvor. Die Bundesagentur führt die wachsende Nachfrage nach Arbeitskräften auch auf den Flüchtlingsstrom zurück, denn viele der mit der Unterbringung oder Betreuung von Asylbewerbern beauftragten Betriebe suchten verstärkt nach Mitarbeitern. Insbesondere die Zahl der gemeldeten Stellen in der öffentlichen Verwaltung und bei Wach- und Sicherheitsdiensten sei in den letzten Monaten stark gestiegen.

Ob auch Flüchtlinge von der guten Konjunktur profitieren werden, ist fraglich, denn sie scheinen generell nur zögerlich Zugang zum Arbeitsmarkt zu finden. Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge finden im ersten Jahr acht Prozent der Flüchtlinge Arbeit. Nach dem zweiten Jahr sind es schon 25 Prozent, nach fünf Jahren 50 Prozent. Danach flacht die Entwicklung ab: Nach zehn Jahren haben immerhin 60 Prozent der Flüchtlinge einen Arbeitsplatz gefunden. Das größte Problem bei der Jobsuche ist die Sprachbarriere. Aus diesem Grund sind viele zunächst einmal auf Hartz IV angewiesen. Schätzungen der Bundesagentur für Arbeit zufolge könnten davon rund 350.000 Flüchtlinge in diesem Jahr betroffen sein.

Sprachbarriere als Haupthindernis

„Die Zahlen zeigen, dass gute Chancen existieren, wenigstens einige Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, resümiert Professor Panu Poutvaara vom ifo-Institut. Vor allem die fehlenden Sprachkenntnisse stellten eine große Integrationshürde dar. Hier könne der Staat die Chancen verbessern, indem ausreichend Sprachkurse angeboten würden, sagt Poutvaara. „Ich befürchte, dass ein großer Anteil der Flüchtlinge aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse und geringer Qualifikation arbeitslos bleiben wird.“

Zudem sieht er bürokratische Hindernisse, die die Einstellung von Flüchtlingen erschwerten; zusätzlich verschlimmere der Mindestlohn die Lage. „Zurzeit boomt die deutsche Wirtschaft noch; was mich besorgt ist jedoch, was beim nächsten wirtschaftlichen Abschwung passiert.“ Es bestehe dann die große Gefahr, dass die Arbeitslosigkeit unter den Geringqualifizierten in die Höhe schnelle. Auch die Kommunen stünden bei einem Wirtschaftsabschwung vor großen Herausforderungen.

Steigende Arbeitslosenzahlen erwartet

Die meisten Flüchtlinge, die 2015 nach Deutschland kamen, dürfen bisher noch gar nicht arbeiten. Betrachte man frühere Entwicklungen, sei ersichtlich, dass Flüchtlinge erst nach 15 Jahren eine ähnlich hohe Beteiligung am Arbeitsmarkt aufweisen, wie andere Migranten, so Poutvaara. „Und die Arbeitslosenquote bei den anderen Migranten ist noch einmal wesentlich höher als bei den Deutschen“, ergänzt er.

Poutvaara geht davon aus, dass die Arbeitslosenzahlen insgesamt steigen werden, auch wenn kurzfristig neue Jobs entstehen. „Die Jobs entstehen insbesondere durch die Ausgaben, die für die Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge sowie für die Bearbeitung der Asylanträge getätigt werden. Diese Jobs würden auch entstehen, wenn das Geld für andere Zwecke ausgegeben würde“, erläutert er. Da Deutschland kein Problem mit zu hoher Arbeitslosigkeit habe, mit dem man solche zusätzlichen Investitionen quasi als Konjunkturpaket rechtfertigen könne, sei es irreführend, die Situation als vorteilhaft für die deutsche Wirtschaft zu betrachten.

Qualifikationen stärken

„Die deutliche Mehrheit der Flüchtlinge ist offensichtlich gering qualifiziert. Es wäre wichtig, es den Flüchtlingen zu ermöglichen, Tests zu absolvieren, um ihre Fähigkeiten darzulegen, und ihnen ein Zertifikat mit den Ergebnissen auszustellen, das dann von den Arbeitgebern verwendet werden könnte“, sagt Poutvaara. Denn Deutschland benötige definitiv qualifizierte Zuwanderer und es sei wichtig, das Potenzial der Flüchtlinge, die eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, bestmöglich zu nutzen. „Ich fürchte, dass der Nettoeffekt der Flüchtlinge auf die öffentlichen Finanzen eindeutig negativ ist, aber die Kosten können erheblich verringert werden, wenn die Integration in den Arbeitsmarkt erfolgreich ist“, ergänzt er. Entsprechend seien sowohl die menschlichen als auch die ökonomischen Kosten enorm, falls ein großer Teil der Flüchtlinge arbeitslos bleibe.

Um die Integration der Flüchtlinge zu beschleunigen und die Kosten für den Sozialstaat gering zu halten, schlägt er vor, Flüchtlinge und Asylsuchende mit guten Bleibeperspektiven mit einer sofortigen Arbeitserlaubnis auszustatten. Die Anforderung, zuerst Deutsche, EU-Bürger und bisherige Einwanderer einzustellen, müsse abgeschafft werden. Zudem sei Hilfe bei der Anerkennung der Qualifikationen genauso erforderlich wie Sprachkurse und Zusatzausbildungen. Falls die Regierung am Mindestlohn festhalte, solle es eine Ausnahme für diejenigen geben, die während der letzten ein oder zwei Jahre nicht in Deutschland gearbeitet haben. So würden sich für Flüchtlinge die Chancen auf einen Arbeitsplatz in Deutschland verbessern, sagt Poutvaara.

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