Gebühren für Plastiktüten

Das Ende der Gratis-Tragetasche wird eingeläutet

Verbraucher | Volle Kanne - Gebühren für Plastiktüten

Künftig soll es Plastiktüten in vielen Geschäften nicht mehr gratis geben. Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion, ordnet den Vorstoß ein und erläutert die Umweltfolgen des Plastikkonsums.

Beitragslänge:
14 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 31.03.2017, 14:00

An der Supermarktkasse muss man schon lange für Plastiktüten bezahlen – künftig sollen die Tragetüten auch in anderen Geschäften nicht mehr gratis über den Tresen gehen. Der Handelsverband Deutschland will sich dazu verpflichten, dass 60 Prozent aller Plastiktüten kostenpflichtig abgegeben werden. Innerhalb von zwei Jahren soll dieser Anteil gar 80 Prozent betragen. Die Mehrheit der Verbraucher findet das gut – einzelne Verbände zeigen sich jedoch zurückhaltend.

Nach Angaben des Handelsverbands Deutschland (HDE) werden sich ab 1. April viele Unternehmen an einer Vereinbarung beteiligen, mit der die kostenfreie Abgabe von Plastiktüten im Handel deutlich eingeschränkt werden soll. Kurzfristig soll erreicht werden, dass 60 Prozent aller Kunststofftragetaschen, die im deutschen Einzelhandel über den Tresen gehen, kostenpflichtig werden. Die Höhe der Gebühr können die Händler selbst festlegen.

Hintergrund ist eine EU-Richtlinie, wonach der Verbrauch an Kunststofftüten in den Mitgliedsstaaten bis 2019 auf 90 Tüten und bis 2025 auf 40 Tüten pro Einwohner und Jahr reduziert werden soll. Derzeit verbraucht ein Bundesbürger im Schnitt rund 71 Plastiktüten pro Jahr. Mit der freiwilligen Initiative des Handels soll eine gesetzliche Regelung des Bundesumweltministeriums vermieden werden.

Die meisten Verbraucher begrüßen Gebühr

Die meisten Deutschen sind dafür, dass Plastiktüten im Einzelhandel nicht länger umsonst ausgegeben werden. Einer repräsentativen Studie des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge erklärten 80 Prozent der Befragten, sie fänden es „sehr gut“ oder „eher gut“, dass immer mehr Geschäfte Geld für Plastiktüten verlangen. Mit 53 Prozent waren mehr als die Hälfte der Befragten sogar dafür, die Ausgabe von Plastiktüten in Geschäften komplett zu verbieten. Dem gegenüber stehen 15 Prozent, die sich gegen eine Plastiktütengebühr ausgesprochen haben.

Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) der Verbraucher verwenden nach eigenen Angaben beim Einkaufen schon heute in der Regel Körbe, Rucksäcke oder Stofftaschen. Nur vier Prozent gaben an, regelmäßig ihre Einkäufe in neuen Plastiktüten nach Hause zu tragen. Angaben der Meinungsforscher zufolge komme es bei vielen Befragten aber durchaus vor, dass sie sich zum Beispiel bei einem spontanen Einkauf eine Plastiktüte geben lassen. Diese werden aber häufig auch noch weiterverwendet – zum Beispiel für den nächsten Einkauf oder als Mülltüte.

Zurückhaltung bei Verbänden

Einen Dämpfer hat die Selbstverpflichtung indes vom Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks bekommen: Die Bäcker lassen sich vorerst nicht zum Mitmachen verpflichten. Der Sprecher des Zentralverbands des Deutschen Bäckerhandwerks, Daniel Schneider, begründete gegenüber der Zeitung „Die Welt“ den Rückzieher damit, dass ein Verband keine Verpflichtungen für rund 12.000 selbstständige Bäcker eingehen könne. Zudem würden neue Dokumentationspflichten viele kleine Betriebe überfordern.

Auch die Apotheken und Tankstellen zeigten sich den Plänen gegenüber zurückhaltend. Der Zentralverband des Tankstellengewerbes sei noch nicht angesprochen worden. Die Bundesvereinigung der Deutschen Apothekerverbände befürworte zwar Gebühren, könne aber den Landesvereinigungen keine Vorschriften machen. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg geht hingegen in die Offensive: Mit einer Plakataktion wollen die Apotheker ab dem 1. April für den Verzicht von Plastiktüten werben und Mitgliedsapotheken um Unterstützung der Aktion bitten. Zudem soll vom Kunden ab sofort ein kleiner Obolus für Plastiktüten verlangt werden.

Das Problem der Plastiktüte

Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion, auf dem UN-Klimagipfel in Paris, 30.11.2015
Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion

„Vorweg müssen wir feststellen, dass es in Deutschland ein ziemlich gutes Abfallrecht gibt“, sagt Volker Angres, Leiter der ZDF-Umweltredaktion. Ohne Vorbehandlung, also zum Beispiel Verbrennung, dürfe nichts auf die Mülldeponien gelangen. Zudem gebe es die gelbe Tonne, beziehungsweise den gelben Sack. Die Gefahr, dass hierzulande Plastiktüten frei in die Umwelt gelangen, sei demnach geringer als in anderen Ländern, skizziert Angres. Dennoch bereite beispielsweise die Produktion der Plastiktüten Probleme: „Da ist zum Beispiel der Verbrauch an Rohöl für die Herstellung von Plastik. Rohöl ist viel zu wertvoll, um es zu einem Wegwerfprodukt zu machen“, sagt Angres.

Würden Plastiktüten nicht ordnungsgemäß entsorgt, gelangten sie in die Umwelt. „Und da bleiben sie, denn sie sind nicht biologisch abbaubar“, sagt Angres und ergänzt: „Wir vermüllen unsere Welt nach und nach mit Plastik. Die Tüten gelangen oft auch über die Flüsse ins Meer. Dort zerbröseln sie in kleinste Partikel. Das ist eine Gefahr für Fische, die das Plastik fressen und daran verenden.“ Die Meeresverschmutzung sei ein globales Problem, so Angres weiter. „Es gibt keinen Strand mehr, an dem man nicht kleinste Plastikpartikel finden kann.“

Verbote seien gerade in jenen Ländern sinnvoll, in denen es keine geordnete Müllentsorgung gebe. „Bei uns wird es im Moment keine gesetzliche Regelung geben, weil unklar ist, ob sich diese mit EU-Recht verträgt. Da geht es um die Verpackungsrichtlinie und um Regeln des EU-Binnenmarktes. Insofern kann es sein, dass Länder wie Italien das Verbot wieder aufheben müssen. Irgendwie hat sich die EU hier selbst ausgetrickst“, resümiert Volker Angres.


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