Volkskrankheit Rückenschmerzen

Neue Erkenntnisse der Bertelsmann Stiftung

Verbraucher | Volle Kanne - Volkskrankheit Rückenschmerzen

Zu oft wird geröngt, zu wenig geredet: Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Faktencheck Rücken" der Bertelsmann Stiftung.

Beitragslänge:
8 min
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Video verfügbar bis 22.11.2017, 06:00

Jeder fünfte gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen zum Arzt – 27 Prozent suchen sogar vier Mal oder öfter einen Arzt auf – oftmals allerdings unnötigerweise, denn: Laut der Studie „Faktencheck Rücken“ der Bertelsmann Stiftung seien von den jährlich mehr als 38 Millionen rückenschmerzbedingten Besuchen bei Haus- oder Fachärzten und den dabei veranlassten sechs Millionen Bildaufnahmen viele vermeidbar.

85 Prozent der akuten Rückenschmerzen gelten als medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch. Ärztliche Leitlinien empfehlen bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe (beispielsweise Wirbelbrüche oder Entzündungen), körperliche Aktivitäten so weit wie möglich beizubehalten, Bettruhe zu vermeiden und keine bildgebende Diagnostik durchzuführen.

Falsche Erwartungen

Wenn es um Rückenschmerzen geht, ist jeder Zweite (52 Prozent) überzeugt davon, dass man immer einen Arzt aufsuchen muss. 60 Prozent der Bevölkerung erwarten außerdem schnellstens eine bildgebende Untersuchung. Und mehr als zwei von drei Personen (69 Prozent) sind der Meinung, dass der Arzt durch Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (MRT) die genaue Ursache des Schmerzes findet.

Ein Trugschluss: Ärzte können gerade einmal bei höchstens 15 Prozent der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Die meisten Bilder verbessern oft also weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen. Mehr noch: „Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet. Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann sogar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen“, so Prof. Dr. Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald, der als medizinischer Experte für den Faktencheck zuständig ist.

Mehr Reden, weniger röntgen

Brigitte Mohn vom Vorstand der Bertelsmann Stiftung fordert deshalb: „Die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient müssen wieder mehr Gewicht erhalten.“ Dafür bedürfe es allerdings Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. So sollten Gespräche im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden.

Internationale Beispiele zeigen des Weiteren, dass es mehrere Möglichkeiten gibt, unnötige und im Zweifelsfall gesundheitsschädliche Aufnahmen zu reduzieren: In Teilen Kanadas erhalten Ärzte seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. In den Niederlanden setzt man auf striktere Zugangsbeschränkungen zu Röntgen-, CT- und MRT-Geräten.

Mögliche Vorbeugung

Damit es erst gar nicht zu Rückenschmerzen kommt, ist ein guter Ansatz zur Vorbeugung fast immer Bewegung. Durch Sport und gezielte Rückenübungen wird die Muskulatur gekräftigt und die Beweglichkeit gefördert. Häufig werden Sportarten wie Schwimmen oder Gymnastik empfohlen, die den Körper ganzheitlich trainieren. Spezielle Rückengymnastik und Übungen aus der Rückenschule helfen außerdem gezielt den gesamten Rumpf zu stärken und Bewegungsabläufe korrekt auszuführen. Auch im Alltag kann man durch ausgewählte Übungen einiges für seinen Rücken tun. Im Büro ist es wichtig, auf geeignetes Mobiliar zu achten, wie individuell einstellbare Stühle und höhenverstellbare Tische. Auch die korrekte Position von Monitor, Tastatur und Maus sollte man überprüfen.

Im privaten Umfeld ist eine hochwertige Matratze zum Schlafen ratsam, die den Rücken optimal entlastet – probeliegen lohnt sich. Um einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, sollten auch Entspannungsübungen wie Autogenes Training in die Therapie integriert werden. So können einige schmerzbegünstigende Faktoren wie Stress und Ängste abgebaut werden. Im häufig stressigen Alltag ist es außerdem ratsam, sich regelmäßige Pausen zu gönnen. Im Büro empfiehlt es sich, immer mal wieder aufzustehen, sich zu strecken und zu dehnen und immer mal wieder zu überprüfen, wie sich der Rücken gerade anfühlt, um Warnsignale rechtzeitig wahrzunehmen.

(Quelle: Mit Material der Bertelsmann Stiftung)

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