Neue Mittel gegen Blutvergiftung

Neues aus der Sepsisforschung

Verbraucher | Volle Kanne - Neue Mittel gegen Blutvergiftung

Bei einer Blutvergiftung (medizinisch Sepsis) ist schnelles Handeln wichtig. Doch die verabreichten Antibiotika verlieren immer mehr ihre Wirksamkeit. Es wird Zeit für neue Wege in der Sepsisforschung.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.12.2017, 09:05

Die Sepsis ist immer noch die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Sie wird durch verschiedene Mikroben verursacht und gehört zu den „großen Unbekannten“ unter den Krankheiten. Wie eine aktuelle Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung belegt, sterben mehr als 160 Menschen täglich deutschlandweit daran.

Was ist eigentlich eine Sepsis?

Im Volksmund ist sie landläufig unter dem Begriff „Blutvergiftung“ bekannt. Nur wird dieser Begriff dem komplexen Krankheitsbild und dem aktuellen Stand der Forschung nicht gerecht. Darum gibt es seit März 2016 eine neue Definition. Danach wird die Sepsis als „lebensbedrohliche Fehlfunktion der Organe, die infolge einer fehlregulierten Antwort des Körpers auf eine Infektion auftritt“, beschrieben.

Sie ist also eine unangemessene Antwort des Patienten, des Wirtes, auf eine Infektion, ausgelöst durch Bakterien oder Viren. Das heißt, die körpereigenen Reparatur- und Verteidigungssysteme wie das Immunsystem antworten falsch: zu wenig oder zu viel. Eine eigentlich harmlose Infektion nimmt dann einen schweren Verlauf und führt im schlimmsten Fall zum Multiorganversagen. Das gesamte System „Körper“ ist nicht mehr in der Lage, das Gleichgewicht der Kräfte zwischen Mikroorganismus (Bakterien, Viren) und Mensch aufrechtzuerhalten.

Eine wachsende Gefahr

Seit Jahren steigen die Zahlen der Todesfälle an Sepsis stetig an. Gründe dafür gibt es viele. Der wichtigste ist der demographische Wandel: Je älter die Menschen werden, desto häufiger leiden sie an chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Rheuma. Alter und Krankheit schwächen das Immunsystem und machen anfälliger für eine Sepsis.

Paradoxerweise trägt auch der medizinische Fortschritt zu einer Zunahme der Sepsis in allen Altersgruppen bei: Wenn Krebspatienten eine Chemotherapie bekommen, die das Immunsystem schwächt, wenn Organe transplantiert und immununterdrückende Medikamente verabreicht werden, dann steigt auch das Sepsis-Risiko an.

Neue Diagnose- und Therapieansätze

Zeit ist etwas, was Ärzte bei einer Sepsis nicht haben. Doch die Bestimmung des Erregers, der die Infektion ausgelöst hat, ist zeitaufwendig. Einen bis drei Tage dauert es im Durchschnitt, ehe der Keim bestimmt ist und klar wird, welche Antibiotika verwendet werden können und gegen welche Antibiotika bereits Resistenzen bestehen. Darum werden Sepsispatienten zunächst mit einem Breitbandantibiotikum behandelt.

Erst wenn der Erreger identifiziert ist, kann ein auf den Keim zugeschnittenes Antibiotikum verabreicht werden. Doch diese Waffen werden immer stumpfer, denn die Zahl multiresistenter Erreger nimmt zu. Darum ist es wichtig, dass so schnell wie möglich der Erreger identifiziert und therapiert werden kann.

Schneller und exakter!

Am Zentrum für Sepsis und Sepsisfolgen der Uniklinik Jena – dem einzigen Forschungs- und Behandlungszentrum für Sepsis in Deutschland – wollen Mediziner aus den unterschiedlichen Fachkliniken weg von einer generalisierten und hin zu einer individuellen, personalisierten Therapie von Sepsispatienten. Ein erster wichtiger Schritt ist die schnelle Bestimmung des Erregers. Mit einem an der Uniklinik Jena neu entwickelten Biochip dauert dies nur noch 35 Minuten. Auch die Resistenztestung geht deutlich schneller. Sie dauert nur drei Stunden.

Und so funktioniert der Prozess: Urin-, Hirn- oder Lungenflüssigkeit wird direkt auf den Biochip gegeben. Kleine Elektroden auf dem Chip fangen die Bakterien. Dann werden sie mit einem Laserstrahl beschossen. Das Licht, das von den Keimen zurückgeworfen und reflektiert wird, hat je nach Bakterium ein ganz spezifisches Spektrum, worüber sie klassifiziert werden können, wie ein Mensch über seinen Fingerabdruck. Zukünftig soll der Chip auch mit Blut funktionieren. Das Ziel: im Blut will man sich nicht nur die Erreger anschauen, sondern vor allem die Immunzellen des Körpers. Denn in vielen Fällen werden zunächst bei Sepsispatienten keine Keime gefunden. Über die Immunzelle kann indirekt bestimmt werden, je nachdem, wie sie aussieht, ob sie ein Bakterium oder einen Virus gesehen hat.

Antibiotika-Entwicklung – sehr kostenintensiv

Der Vorteil eines viel schnelleren Testverfahrens liegt vor allem darin, dass bei einer Virusinfektion zum Beispiel nicht unnötig mit Antibiotika therapiert wird und so die noch wenigen wirksamen Substanzen geschont werden können. Zwar gibt es einige neu entdeckte Antibiotikaklassen, doch die ans Patientenbett zu bringen ist sehr teuer. Die Entwicklung eines neuen Medikamentes kostet circa ein bis drei Milliarden Dollar. Das ist auch der Hauptgrund, warum seit über 20 Jahren fast kein neues Antibiotikum auf den Markt gekommen ist.

Die Suche nach Alternativen

Am Sepsiszentrum der Uniklinik Jena wird auch an alternativen Strategien zur Behandlung von Infektionserkrankungen geforscht. Denn selbst mit neuen antibiotischen Wirkstoffen werden die Bakterien dem Menschen immer einen Schritt voraus sein. Ein Bakterium teilt sich alle 20 Minuten. Die Wahrscheinlich ist also sehr hoch, Resistenzen gegen Antibiotika zu bilden. Eine große Hoffnung liegt daher in Molekülen, die zum Beispiel aus der Onkologie, der individuellen Krebstherapie bereits bekannt sind.

Ein auch für die Sepsis vielversprechendes Molekül ist das sogenannte „Programmed Death 1“, kurz PD1. Es trägt maßgeblich zum Absterben von Zellen und zum Organversagen bei. In der Immuntherapie bei Krebspatienten wird dieses Molekül bereits erfolgreich mit einem Antikörper bekämpft.

Anleihen aus der Krebsbekämpfung

Viel versprechen sich die Sepsisforscher aber von dem Wirkstoff Epirubicin, eigentlich ein Chemotherapeutikum, das gegen Brustkrebs eingesetzt wird. Es verhindert, dass sich Krebszellen teilen und somit weiter wachsen können. Mit einem Kniff könnte es auch bei der Sepsis das Multiorganversagen verhindern.

Hier macht die Dosis das Gift. In ganz kleinen Dosen verabreicht, sorgt das Epirubicin für einen minimalen Schaden in der Zelle. Dadurch aber schaltet sie ihre Verteidigungs- und Abwehrmechanismen an. Das heißt, sie fährt ihre Schutzschilde hoch. Somit ist sie bereits im Abwehrmodus und geschützt noch bevor die Infektion, die Sepsis sie erreicht. Die Ärzte hoffen so, ein Organversagen, das bei einer Sepsis die Sterblichkeit des Patienten erhöht, zu verhindern.

Stand der Forschung

Ein Kollaborationspartner der Uni Jena in Portugal hat diese Substanz erfolgreich in Mäusen getestet und führt derzeit weitere Untersuchungen an Schweinen durch, deren Immunsystem eher dem des Menschen entspricht. Wenn diese erfolgreich sind, könnte in naher Zukunft auch eine klinische Studie in Jena mit Patienten durchgeführt werden.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.