Das Trauma überwinden

Wie Gewaltopfer zurück ins Leben finden

Ob Raubüberfälle, Schicksalsschläge oder Gewalt: Bei vielen Opfern hinterlassen belastende Ereignisse dauerhafte Spuren. Die mögliche Folge ist eine posttraumatische Belastungsstörung. Dahinter verbirgt sich ein komplexes Krankheitsbild, das die Betroffenen akut oder schleichend aus der Bahn werfen kann.

Es kann ganz schnell gehen: Unverhofft gerät man als Unbeteiligter in eine Schlägerei oder wird Opfer eines Raubüberfalls – aus dem einzigen Grund, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Wer körperliche Gewalt in solch einer Situation am eigenen Leib erfährt, ist danach meist traumatisiert und leidet an einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung, PTBS oder PTSD (englisch: Post Traumatic Stress Disorder) genannt.

Die Betroffenen fühlen sich hilflos, häufig wirkt die Umwelt auf sie unberechenbar und feindselig. Meist entwickelt sich die Störung schleichend und kann auch sehr lange nach dem auslösenden Ereignis beginnen. Im Verlauf leiden die Betroffenen oft unter Depressionen, Selbstmordgedanken, isolieren sich oder greifen zu Suchtmitteln.

Das Vermeiden durchbrechen

Dass sich die Betroffenen häufig nicht mehr auf die Straße trauen, sei ein Grundproblem nach Übergriffen, sagt Frank Bons, Opferberater beim Weissen Ring. „Das ist immer eine schwierige Gratwanderung bei der Beratung, denn irgendwann sollten die Opfer auch wieder zum Ort der Tat zurückkehren können.“ Die Vermeidungsreaktion sei zwar im Menschen verankert, allerdings könne sie sich ausweiten, wenn man nicht dagegen angehe. „Erst meidet man nur einen Straßenzug, später geht man gar nicht mehr auf die Straße“, skizziert Frank Bons die Vermeidungsstrategien.

Er empfiehlt Betroffenen, sich für etwa eine Woche aus dem Berufsleben herauszunehmen und dann den Ort des Geschehens aufzusuchen, gegebenenfalls in der Begleitung von Freunden oder eines Psychologen. Dabei könne es zu körperlichen Reaktionen kommen: „Der Blutdruck steigt, man zittert, hat Schweißhände. So etwas kann richtig heftig sein“, beschreibt Bons die Leiden. Bei Opfern von Wohnungseinbrüchen könne es sogar soweit kommen, dass sie Haus oder Wohnung verkaufen müssen, da ein normales Leben in den bisherigen vier Wänden nicht mehr möglich ist.

PTSD-Symptome treten bei fast allen Gewaltdelikten auf, bei Kindern oft um Wochen oder Monate verzögert. „Kinder können am Anfang gut verdrängen. Wenn die Erwachsenen dann zur Ruhe kommen, reagieren sie, etwa indem sie plötzlich zu Bettnässern werden“, erklärt Bons. Wie lange es dauere, bis die Symptome verschwinden, sei schwer zu sagen, ergänzt er. „Wenn es länger als ein Jahr dauert, dann können die Symptome chronisch werden. Die Verarbeitung verläuft nicht geradlinig, sondern wellenförmig.“

Verstehen, was passiert ist

Bei einer schweren Störung oder wenn die Symptome sich nicht abmildern, sollten Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. In einer ersten Therapiephase lernen sie dann zu verstehen, was mit ihnen und ihrer Psyche passiert ist. In dieser Phase können Medikamente nötig werden, beispielsweise gegen Schlafstörungen oder Unruhe. Haben die Betroffenen eine gewisse Stabilität gewonnen, folgt die oft langwierige Traumaverarbeitung: die Konfrontation mit den traumatisierenden Ereignissen. So kann der Betroffene die Erinnerungen in die eigene Lebensgeschichte aufnehmen und verdrängt sie nicht.
Ergänzend werden Körpertherapien eingesetzt, um ein gesundes Körpergefühl wiederzugewinnen. Auch Techniken der Gestalttherapie sind hilfreich. Dazu zählen Rollenspiele oder imaginäre Gespräche. Auch ein Skill-Training (Fertigkeitentraining) zeigt gute Erfolge. Dabei erlernen die Betroffenen in der Gruppe durch Übungen, wie sie Probleme und Belastungen besser meistern können.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet