Homöopathie: Globuli statt Chemie

Heilungsprozesse ohne nachweisbare Wirkstoffe

Verbraucher | Volle Kanne - Homöopathie: Globuli statt Chemie

Wie wirksam ist Homöopathie? Bei Schulmedizinern ist sie aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Belege umstritten. Medizinjournalist Dr. Christoph Specht beantwortet im Expertentalk Fragen zum Thema.

Beitragslänge:
10 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 17.06.2017, 14:00

Kann eine homöopathische Behandlung den Heilungsprozess fördern? Was löst den Heilungsprozess aus? Über kaum etwas anderes in der Medizin gibt es so kontroverse Diskussionen. Bei Schulmedizinern ist Homöopathie aufgrund mangelnder wissenschaftlicher Belege umstritten und wird oft auf einen Placebo-Effekt zurückgeführt.

In der Homöopathie werden Substanzen als Arzneimittel verwendet, die, wenn sie von Gesunden eingenommen werden, ähnliche Symptome hervorrufen sollen, wie sie bei den zu behandelnden Patienten vorliegen. Diese Substanzen werden potenziert, also stark verdünnt und nach bestimmten Methoden "verschüttelt". Nach Auffassung der Homöopathen werden durch diesen Prozess bei der Einnahme Abwehrmechanismen aktiviert, die auf die Eigenregulation des Körpers einwirken und den Organismus unterstützen, eine Krankheit selbst zu bekämpfen.

Das kann dann gefährlich werden, wenn die Menschen ihre Grenzen nicht erkennen und dann wirksame Behandlungsmethoden verzögert werden, so Dr. Christoph Specht: "Wenn Menschen nicht zum wissenschaftlichen Arzt, also zum Schulmediziner, gehen und so ernsthafte Diagnosen verpasst werden, dann ist das lebensgefährlich."

Wann wird Homöopathie eingesetzt?

Schrank mit Fläschchen mit homöopathischen Präparaten
Homöopathische Präparate Quelle: dpa

Vor allem bei Kindern werden homöopathische Arzneimittel sowohl bei akuten als auch bei chronischen Erkrankungen gegeben. Hierzu gehören virale oder fieberhafte Infekte, zum Beispiel der Nasenschleimhaut oder der Bronchien, bei einer Magen-Darm-Grippe, bei Unruhephasen von Säuglingen beim Zahnen, bei Blähungen oder Juckreiz bei Windpocken sowie lokalen Schwellungen bei Insektenstichen.

Zu den Einsatzgebieten bei chronischen Erkrankungen zählen vor allem Allergien wie Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis, eine allgemeine Infektanfälligkeit, häufig wieder auftretende Infektionen wie Mittelohrentzündungen, Harnwegsinfekte oder Bronchitiden. Obwohl es zahlreiche Studien zur  Homöopathie gibt, ist das Wirkprinzip immer noch ungeklärt. Kritiker halten die Wirkung homöopathischer Arzneien für reine Einbildung.

Sehnsucht nach alternativen Heilmethoden

Die medizinische Versorgung der Deutschen ist besser als je zuvor; dennoch wächst die Skepsis gegenüber der "Schulmedizin" - und die Sehnsucht nach alternativen Heilmethoden. Viele Patienten fürchten die seelenlose Apparate-Medizin, misstrauen der Pharma-Industrie und suchen ihr Heil in vermeintlich sanfteren Therapien. Immer mehr Menschen vertrauen daher auf homöopathische Präparate, auf Globuli. Ob zu Hause im Arzneimittelschränkchen oder in der Reiseapotheke, die kleinen weißen Kügelchen gehören für viele schon zur Standardausrüstung.

Und das, obwohl an den Globuli kein Wirkstoff nachgewiesen werden kann, das bestätigt auch Dr. Christoph Specht: "Homöopathische Globuli oder Tropfen enthalten tatsächlich keinen Wirkstoff bzw. sind so verdünnt, dass höchstens noch Restmoleküle der so genannten Ursubstanz drin sind. Das muss auch so sein, sonst dürften sie nicht verkauft werden. Es sind nicht die Globuli an sich, die wirken, sondern der Glaube daran, dass sie helfen. Und das funktioniert erstaunlich gut."

Homöopathin mit Zweifeln

Nathalie Grams ist Ärztin und war lange Zeit überzeugte Homöopathin. So erfolgreich, dass Sie ihr Wissen in einem Buch mit anderen teilen wollte. Doch während der Arbeit an dem Buch kamen ihr Zweifel. Sie glaubt, dass vor allem die Gespräche mit den Patienten helfen: "Ich denke ich konnte den Patienten helfen, aufgrund der Gespräche, die wir geführt haben, und das haben mir viele Patienten auch bestätigt. Sie haben nicht gesagt, danke für die Globuli sondern danke für die Gespräche. Und insofern würde ich sagen, dass die Homöopathie eine Art Gesprächstherapie ist."

Grams sieht in der alternativen Heilmethode aber auch Chancen. Denn in der Homöopathie wird bei der Diagnose der Mensch als Ganzes im Blick gehalten: "Die klassische Medizin kann von der Homöopathie lernen, die Patienten fühlen sich dort sehr gut behandelt und aufgehoben. Die Homöopathen tragen sehr viel dazu bei, dass es dem Patienten einfach gut geht und das kommt in der normalen Medizin oft zu kurz. Die Patienten fühlen sich dort abgefertigt und nicht wertgeschätzt." Das bestätigt auch Dr Specht: "Der Patient fühlt sich endlich oft zum ersten Mal ernst genommen, Menschen können sich die Sorgen und die Anspannung von der Seele reden. Zusammen mit dem viel gescholtenen Placebo-Effekt, also der positiven Erwartungshaltung an die Wirkung der Behandlung, löst das Selbstheilungskräfte aus, unsere „innere Apotheke“ wird aktiviert.

Viele Krankenkassen übernehmen die Kosten

Homöopathische Behandlungen werden von vielen Krankenkassen übernommen, das sei vor allem Marketing, so Specht: "Die Nachfrage danach ist da. Die Krankenkassen laufen ansonsten Gefahr, die jungen gesunden Menschen, die an die Homöopathie glauben, zu verlieren. Außerdem sind die Ausgaben für Homöopathie in Relation sehr gering und liegen im Promille-Bereich, wenn den Versicherten also damit auch geholfen werden kann, kann’s den Kassen nur recht sein."

Zudem werden die homöopathischen Behandlungen extrem gut bezahlt, so Specht: "Ein Hausarzt bekommt pro Patient pro Quartal eine Pauschale von ca. 35 Euro, egal wie oft der Patient kommt und wie aufwendig die Therapie oder die Gespräche sind. Und das für die ganzen drei Monate. Kassen, die homöopathische Leistungen übernehmen, zahlen dagegen alleine 90 Euro für das Erstellen einer homöopathischen Erstanamnese und 40 Euro für die „Arzneifindung“.

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