Leise Geräusche, große Wirkung

Wenn aus Vogelgezwitscher ein Kanonenschlag wird

Verbraucher | Volle Kanne - Leise Geräusche, große Wirkung

Manche Menschen haben ein so feines Gehör, dass sie auch leise Geräusche als laut und störend empfinden. Wenn aber alles als zu laut empfunden wird, lautet die Diagnose "Hyperakusis".

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.03.2017, 14:00

Manche Menschen haben ein so feines Gehör, dass sie Geräusche als laut und störend empfinden, die andere kaum wahrnehmen. Wenn aber nicht nur einzelne Geräusche, sondern alles als zu laut empfunden wird, ist das für Betroffene ein echtes Problem: Sie leiden an einer Überempfindlichkeit, der Alltag wird unerträglich, sie ziehen sich immer mehr zurück. Nur mit Hilfe finden sie zurück ins Leben.

„Das war alles zu laut. Die Teller zu laut. Die Tassen zu laut, die Gabeln zu laut, die Gespräche zu laut. Ich kriegte so richtig Not. Hohe Nervosität. Bis zu Schweißausbrüchen. Und ich hatte sofort das Bedürfnis: Ich muss hier weg.“ So beschreibt eine Hyperakusis-Betroffene ein alltägliches Erlebnis im Café.

Was aber ist Hyperakusis? Ein exzellentes Gehör allein stellt im Alltag in der Regel kein Problem dar. Wenn aber Personen fast alle Geräusche des täglichen Lebens als laut und störend empfinden, sprechen Ärzte von einer Geräuschüberempfindlichkeit, der sogenannten Hyperakusis. Die Betroffenen reagieren bereits auf normal laute Geräusche, halten sich die Ohren zu und wenden sich von der jeweiligen Geräuschquelle ab. Erfolgt keine Therapie, ziehen sie sich zudem immer mehr zurück. Der Leidensdruck ist sehr hoch.

Ursachenforschung

Das Problem liegt in der neurologischen Verarbeitung der Geräusche. Alltagsgeräusche werden auf dem Weg zum Gehirn normalerweise angemessen gefiltert oder sogar komplett ausgeblendet. Bei Hyperakusis-Patienten gelingt das nicht, die Geräusche werden sogar verstärkt. Das Empfinden für verschiedene Lautstärken hängt dabei auch von persönlichen Erlebnissen und Emotionen ab.


In vielen Fällen wird eine Hyperakusis durch nervliche oder auch körperliche Überanstrengung in Beruf oder in der Freizeit ausgelöst – oft verbunden mit Lärmerlebnissen. Meistens tritt die Erkrankung gemeinsam mit anderen seelischen Erkrankungen wie Angsterkrankungen, Depressionen oder Tinnitus auf. Weitere mögliche Ursachen für Hyperakusis sind Lärmereignisse, Hörsturz, Morbus Menière, ein Tumor oder eine körperliche Reaktion auf bestimmte Medikamente.

Leise in die Isolation

Betroffene nehmen Geräusche des täglichen Lebens als sehr laut wahr, oft auch als schmerzhaft. Reflexartig reagieren sie darauf mit Unruhe, Schweißausbrüchen, Herzrasen oder Angst. Teilweise zeigen sich bei den Patienten auch Veränderungen des Blutdrucks und des Herzschlags oder Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich. Dazu kommt ein Flucht- und Vermeidungsverhalten (selten auch Angriffsreaktionen) gegenüber den Geräuschen beziehungsweise Geräuschverursachern.


Die Patienten haben das Bedürfnis, ihre Ohren zu schützen, halten sie häufig zu oder verschließen sie mit Watte oder Kopfhörern. Sie meiden laute Orte und bleiben bei fortschreitender Erkrankung immer öfter zuhause und stellen selbst dort einige Geräuschquellen ab. Sie reduzieren soziale Kontakte und gehen kaum noch aus – bis hin zur kompletten sozialen Isolation.

Hyperakusis erkennen – und behandeln

Nach einem ausführlichen Gespräch mit Schilderung der Beschwerden wird der HNO-Arzt zunächst das Ohr physisch untersuchen. Es folgen Hörtests und die sogenannten subjektive Unbehaglichkeitsschwelle wird gemessen. Hyperakusis-Patienten zeigen dabei eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen normaler Lautstärke (unterhalb 70 bis 80 Dezibel Hörpegel) über das gesamte Frequenzspektrum.


Die Behandlung erfolgt oftmals stationär in Fachkliniken. Die Patienten werden über Ursachen und Zusammenhänge der Erkrankung aufgeklärt – auch um ihnen die Angst zu nehmen. Liegen keine organischen Ursachen vor, sollen sich die Patienten möglichst bald wieder den Geräuschen stellen (Exposition) und sich Schritt für Schritt an sie gewöhnen (Habituation). Hörtherapeuten kennen dazu geeignete Wege und Übungen, teilweise werden auch Rauschgeneratoren (sogenannte „Noiser“) eingesetzt. Außerdem trainieren die Patienten ihre Hörfilter. Sie lernen ihre Hörwahrnehmung besser zu steuern, in dem sie beispielsweise auf bestimmte Geräusche achten (wie Vogelgezwitscher im Park oder bestimmte Instrumente in einem Lied) und dabei andere ausblenden. Hilfreich sind auch Entspannungstechniken. Die Therapieerfolge bei Hyperakusis sind sehr gut. Nach spätestens einem Jahr sind die meisten Patienten das Problem los. Um seelische Begleiterkrankungen zu behandeln, ist oft eine zusätzliche Psychotherapie sinnvoll.

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