Du bist, was du isst

Esskultur im Wandel

Verbraucher | Volle Kanne - Du bist, was du isst

Ob Paleo, vegan, glutenfrei oder ayurvedisch - es ist trendy, sich über eine bestimmte Ernährungsweise zu definieren. "Volle Kanne" widmet sich in einer Spezialsendung dem Thema "Ernährung".

Beitragslänge:
76 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.01.2017, 14:00

Unsere Identität wird immer stärker von unserer Ernährung geprägt: Die einen setzen aufs Genießen, die anderen aufs Verzichten. Kulturwissenschaftler Markus Schreckhaas erklärt, warum das Thema Ernährung eine so große Rolle im Alltag einnimmt.

Die einen lieben Fertigprodukte, andere mögen es ursprünglich und stellen am liebsten alles selbst her, wieder andere programmieren ihren ganzen Tag exakt nach bestimmten Diätregeln. Die Ernährung nimmt einen immer höheren Stellenwert im Leben ein. Im Zeitalter der Informationen gehöre es dazu, dass Menschen sich ausprobieren und immer wieder neues entdecken wollen. „Die einen probieren es mit Askese, während der Nachbar die Schweinehälfte in den Smoker packt. Das ist bezeichnend für unsere Zeit“, skizziert Nahrungsforscher Markus Schreckhaas den derzeitigen Ernährungstrend.

In Deutschland gibt es eine neue Essvielfalt mit unterschiedlichen Stilen, die ihren Platz in der Gesellschaft gleichberechtigt eingenommen haben. „Wir sehen ja, dass es so viele bekennende Vegetarier oder Veganer gibt wie noch nie. Zum anderen hat das Grillen eine ganz neue Art der Aufwertung erhalten. Wir haben sogar Hochglanzmagazine, die sich der richtigen Zubereitung von Fleisch widmen. Das ist ‚Foodporn‘ für die einen und ein einziger Graus für die anderen“, sagt Schreckhaas.

Ernährungsform als Ideologie

Grüner Smoothie mit Apfel, Kiwi und Salat
Essen als Lifestyle: Gesundes Essen wird immer mehr bevorzugt.

Nahrung hatte in der Menschheitsgeschichte immer einen zentralen Stellenwert. Das liegt in der Natur der Sache: Wir müssen essen und trinken, um zu überleben. Doch noch nie gab es solch eine Vielfalt an Ernährungsformen, die den Speiseplan geprägt haben.


Dies habe mit neu entstehenden Weltbildern und Lebensentwürfen zu tun. „Die Menschen nutzen ihre Ernährung gekonnt als Projektionsfläche für Ideologien und Überzeugungen. Ernährung bedeutet Identität: Ich zeige, wer ich bin, indem ich kommuniziere, wie ich mich ernähre“, hat Markus Schreckhaas beobachtet. „Esskultur ist ein soziales Phänomen. Dabei geht es um die Fragen: Wie ernähre ich mich richtig? Und da gehen die Meinungen deutlich auseinander“, erklärt der Nahrungsforscher. Wer seine Lebensmittel beispielsweise immer regional und saisonal kauft, vermittelt ein anderes Bild an seine Umwelt als jemand, der ausschließlich Convenience Food vom Discounter besorgt. Essen ist heutzutage ein Ausdruck des Lifestyles.

Esskultur im Laufe der Zeit

Burger mit Pommes
Bei Fleisch legen heutzutage viele Wert auf die Herkunft.

In der Vergangenheit herrschte in Europa oft eine Mangelgesellschaft, die von Hungersnöten und eingeschränktem Warenangebot geprägt war. „Vor 100 Jahren befanden wir uns mitten im ersten Weltkrieg und es gab etwa 800.000 Hungertote allein im Deutschen Reich“, fasst Schreckhaas zusammen. Als Folge der entbehrungsreichen Nachkriegszeit galt in den 60er-Jahren: Je größer der Sonntagsbraten, desto besser.

Heute haben wir ein Überangebot und niemand muss in Deutschland Hunger leiden. Daher hat auch ein Umdenken stattgefunden: Aufgrund von Klimawandel und Massentierhaltung verzichten immer mehr Menschen auf Fleisch. „Nicht nur Umdenken, sondern auch nackte Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: je einkommensschwächer und bildungsferner ein Haushalt, desto höher der Fleischverbrauch“, erklärt Nahrungsforscher Schreckhaas. Das Essverhalten orientiert sich zunehmend am Umfeld. Konnte man früher den Wohlstand anhand des Fleischverbrauchs ablesen, zählen heute andere Faktoren, denn Fleisch wird durch Massenproduktionen immer günstiger angeboten. „Kenntnisse, also Bildung, und das Bewusstsein sind künftig die Statussymbole, wenn es darum geht, so etwas wie Wohlstand abzulesen“, so der Experte.

Ernährung mit Zukunft

Die Esskultur wird sich auch weiterhin in Nischen aufteilen und es werden noch verschiedene Trends und Hypes folgen. „Über allem schwebt jedoch ein immer bewussterer Esser, der sich immer besser auskennt und Dinge auch kritisch hinterfragt“, weiß der Wissenschaftler. Die Industrie müsse sich darauf einstellen. Anforderungen an das Essen wie Mobilität und Flexibilität und das Verlangen nach Gesundem fordern eine Wandlung. „Fast Food wird nicht aussterben, muss sich aber stets neu erfinden“, so der Nahrungsexperte.

Auch durch Globalisierungseffekte wie Migrationsbewegungen werde die Ernährung beeinflusst: arabische Komponenten, sowie die afrikanische und asiatische Küche werden zu weiterer Vielfalt beitragen. „Gleichzeitig ist aber das Szenario denkbar, dass der Fleischkonsum erheblich abnehmen wird, da es dann nicht mehr zeitgemäß ist“, vermutet Markus Schreckhaas.

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