Männlich, jung und schlechte Noten

Werden Jungen in der Schule benachteiligt?

Verbraucher | Volle Kanne - Männlich, jung und schlechte Noten

In Sachen Bildung haben Jungen oft das Nachsehen; so erreichen sie zum Beispiel seltener das Abitur als Mädchen. Diplom-Psychologe Dietmar Langer erklärt die Hintergründe und zeigt Lösungswege auf.

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 22.02.2017, 10:10

Studien belegen immer wieder: In Sachen Bildung haben die Mädchen die Nase gegenüber Jungen ganz vorn. Mädchen haben die besseren Noten und machen häufiger Abitur. Und Jungen? Sie werden angeblich von der Schule benachteiligt. Aber stimmt das?

Birgit Steiner ist Lehrerin und Grundschulleiterin und blickt auf über 20 Jahre Berufserfahrung zurück. Sie fordert: „Wir müssen umdenken, damit Jungen wieder Jungen sein dürfen: anstrengend, energiegeladen und bewegungsfreudig.“ Steiner setzt sich für eine jungengerechte Erziehung in Kindergarten, Schule und zu Hause ein – für eine Erziehung, die Neigungen und Fähigkeiten von Jungen tatsächlich auch berücksichtigt, sie entsprechend fördert und fordert.

Bewegung, Bewegung!

„Wenn man Jungen beobachtet, stellt man fest, dass diese ein großes Bedürfnis nach Bewegung haben, dass Jungen mit allen Sinnen wahrnehmen wollen, mit dem ganzen Körper. Das ist auffällig. Diesem Bedürfnis kommen wir nicht immer nach“, so Steiner. Damit Jungen in ihrer Schule sich wohl fühlen und produktiv sind, hat sie ein spezifisches Erziehungsprinzip entwickelt: Sie nennt es das „fußball-didaktische Prinzip“. „Das heißt: Wie auf einem Fußballplatz gibt es sehr viel Bewegungsfreiheit einerseits, aber auch andererseits einen ganz klaren Strukturrahmen mit nicht diskutierbaren Regeln, mit festgelegten Grenzen und Ritualen."

Aber wie funktioniert das? „Wir kamen schnell auf das sport- und bewegungsorientierte Profil, das ist unser Kern. Das bedeutet, dass Kinder neben dem regulären Sportunterricht genügend Bewegung erhalten“, sagt Steiner. Zudem sollten Lehrer ganz bewusst Bewegung in ihren Unterricht miteinbeziehen. „Das ist für alle verpflichtend und ist auch so eingeplant.“

Forschen, ausprobieren, testen

Der nächste Aspekt, so Steiner weiter, sei ein Schwerpunkt zum Thema Medien und Naturwissenschaften. Wie zum Beispiel die Forscher AG: Hier können Jungen und Mädchen am Nachmittag experimentieren, ihre Grenzen austesten und ihren Interessen nachgehen. Die Kinder lernen besser, wenn sie sich verstanden und wohlfühlen. Birgit Steiner baut darauf auf, nimmt es als Schlüssel, um neue Perspektiven beim Kind zu öffnen. Dabei versucht sie, neue und alte Erziehungswege zu reaktivieren.

Grundschüler Unterricht
Grundschüler im Unterricht Quelle: dpa

Steiner fordert eine geschärfte Wahrnehmung in der Erziehung bei allen Beteiligten, um herauszufinden, welche Bedürfnisse Jungen, aber auch Mädchen haben. „Man sollte nicht versuchen, eigene Ideologien hineinzuinterpretieren. Denn wenn ich das beobachte, dann fällt mir auf, dass es Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Verhalten gibt“, erklärt Steiner.

Keine Vorbilder, sehr sprachlastig

Ein weiterer Grund, warum Jungs in der Schule benachteiligt werden könnten: Sie haben keine männlichen Vorbilder, da der Bildungssektor, vor allem im Grundschulbereich, stark feminisiert ist: Studien belegen, dass Jungs genderspezifische Vorbilder suchen, an denen sie sich orientieren wollen. Birgit Steiner bestätigt die These: „Es wäre wunderbar, wenn mehr Männer in der Schule tätig sind, wir haben in der Schule auch einen Mann, die Kinder freuen sich, wenn er da ist, er tut ihnen gut“.

Ein anderes Problem liege in der Bildungspolitik, so Birgit Steiner. Die Lehrpläne der letzten 20 Jahre seien sehr sprachlastig geworden, viele Jungen hätten allerdings sprachwissenschaftliche Schwächen. Dies mache sich auch bei Mathematik bemerkbar, denn viele Aufgaben könnten nur über Sprache erschlossen werden. „Ich wünsche mir, wenn man weiß, dass Jungen naturwissenschaftliche Stärken haben, dass man auch die Naturwissenschaften stärkt und den Bildungsanspruch weiter aufstellt“.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet