Keine Zeit für Muße

So wichtig sind Gelassenheit und Achtsamkeit

Hand aufs Herz – wann haben Sie eigentlich das letzte Mal bewusst die Seele baumeln lassen? Reporterin Arlette Geburtig hat sich Gedanken über Freizeit, Seelenfrieden und Muße gemacht. Im Interview mit Coach und Autor Nikolaus Birkl wird klar, wie wichtig Achtsamkeit und Gelassenheit im stressigen Alltagsleben sind.


Die meisten von uns benehmen sich ständig als seien sie auf der Flucht – hetzen durch den Alltag von einem Termin zum nächsten. Zum Innehalten haben wir keine Zeit, denn Zeit ist kostbar. Zu kostbar, um sie mit uns selbst zu verbringen. „Wir sind Geschwindigkeitsjunkies geworden – es ist wie eine Droge“, beschreibt der schottische Bestseller-Autor Carl Honoré das Problem unserer Zeit: „‘Langsam‘ ist in unserer Kultur zu einem Schimpfwort geworden. Es steht für faul, dumm, unproduktiv und langweilig – all das, was niemand sein möchte.“
Dabei spüren viele Menschen bereits die negativen Folgen der permanenten Beschleunigung: Wir sind nie lange bei einer Sache – weder gedanklich noch emotional –, unser Gedächtnis wird immer schlechter. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass wir nur sehr oberflächlich denken, wenn wir ständig im Turbomodus leben. Wir machen Fehler und werden immer dümmer. Der ständige Schwall an E-Mails, Whatsapp, SMS-Nachrichten, Facebook- und Twitter-Posts kostet uns zehn Punkte unseres IQ. „Das ist doppelt so viel, als würde man Marihuana rauchen“ sagt Carl Honoré.

Wie ist es soweit gekommen?

Eigentlich müssten wir viel mehr Zeit haben, als die Menschen in früheren Zeiten. Schließlich gibt es heutzutage lauter Zeitsparmaschinen wie Waschmaschine, Geschirrspüler oder Auto. In vielen Lebensbereichen geht heute alles schneller, zum Essen gibt es Fastfood, Probleme werden durch Google gelöst und die Partnersuche erledigen wir per Speed-Dating. Und dennoch beklagen sich immer mehr Menschen darüber, dass sie keine Zeit haben und sich gestresst fühlen. Doch auf die Idee, einen Gang runterzuschalten, kommen wir trotzdem nicht.

Herbstspaziergang im Wald
Bewegen Sie sich im Alltag ab und zu langsamer und bewusster. Quelle: imago

Smartphones gehören zur jüngsten Generation der Zeitfresser. Überall wird gewischt, gesurft oder fotografiert. Selbst nach der Arbeit haben wir Stress – ob im Fitnessstudio in irgendwelchen Kursen oder bei Vorträgen, denn die Freizeit soll optimal genutzt und effizient sein. Wir leben in Zeiten der Beschleunigung, des immer größer werdenden Arbeitspensums und steigenden Zahlen von Burn-Out-Syndromen.

Muße – das höchste Gut

Eine Studie der UN-Organisation ILO (International Labour Organization) hat ergeben, dass jedes Jahr zwei Millionen Menschen an den direkten Folgen der Arbeit sterben, das sind mehr als durch Kriege, Alkohol und Drogen. Dabei hat die Arbeit historisch gesehen gar nicht so einen Stellenwert wie heute. In der Antike war die Muße das höchste Gut. Die Mußestunden dienten der geistigen Entfaltung und Selbstverwirklichung als eigentliches Lebensziel. Gearbeitet wurde nur so viel wie unbedingt notwendig war. Im Mittelalter erklärten Geistliche dann die Faulheit zur Todsünde, harte Arbeit wurde zur Tugend erklärt – das verschärfte sich mit dem Aufkommen der Industrialisierung.

Inzwischen entwickeln wir uns vom homo sapiens zum „homo consumens“, wie der Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidtbauer sagt. Und damit befinden wir uns im Hamsterrad des Kapitalismus, des stetig wachsenden Wirtschaftswachstums und der Befriedigung sekundärer Bedürfnisse. Ein Teufelskreis mit immer größer werdender Selbstentfremdung.

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