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Kinder suchtkranker Eltern

Zu früh zu viel Verantwortung

Sie machen den Haushalt, kümmern sich um ihre nicht zurechnungsfähigen Eltern und schauen nach den kleinen Geschwistern: Kinder suchtkranker Eltern werden oftmals Tag für Tag mit nicht altersgemäßen Herausforderungen und Belastungen konfrontiert.

Kinder suchtkranker Eltern
Quelle: Imago/photothek

Nach Schätzungen leben 2,65 Millionen Kinder in Deutschland mit einem suchtkranken Elternteil zusammen. Führend ist hierbei die Alkoholsucht, aber auch illegale Drogen und nicht-stoffliche Abhängigkeiten wie Online- oder Kaufsucht spielen eine Rolle.

Das Suchtverhalten der Eltern hat Auswirkungen auf die gesamte Familie, insbesondere Kinder sind mitbetroffen. Die Zahl der Familien, in denen mindestens ein Elternteil zwar nicht alkoholkrank ist, aber in riskantem Maß Alkohol konsumiert, liegt noch höher als bisherige Annahmen zeigten.

Aus Kindern werden Eltern

Kinder mit einem suchtkranken Elternteil oder suchtkranken Eltern übernehmen zu früh zu viel Verantwortung und gelangen in eine Rolle, die sie in ihrem Alter in vielfältiger Weise überfordert. Sie kümmern sich um kleinere Geschwister, um den Haushalt, versuchen dem suchtkranken Elternteil zu helfen und es vor seiner Sucht zu bewahren.

Die Kinder werden im übertragenen Sinn zu Eltern ihrer Eltern. Eine Aufgabe, die sie überlastet und die sie ständig mit Erfahrungen des Scheiterns konfrontiert. In ihrer Überforderung machen sie es nie gut genug, erleben Frustration und entwickeln in Folge dessen kaum Selbstbewusstsein.

Um die Kindheit betrogen

Häufig geben sich Kinder auch eine (Mit-)Schuld am Suchtverhalten der Eltern. Sie werden um ihre Kindheit betrogen – spielerische Erfahrungen und Freundschaften kommen zu kurz. Sie wollen ihre Familiensituation geheim halten und haben häufig Schulprobleme, weil sie sich wegen der Belastungen zu Hause nicht aufs Lernen konzentrieren können.

Weil sie als Kinder schon die Erwachsenenrolle ausfüllen müssen, können sie wichtige emotionale Entwicklungsschritte nicht machen. Im Erwachsenenalter sind sie oft emotional unreif und reifen dann zum Beispiel erst mithilfe von Psychotherapie emotional nach.

Schwerwiegende Folgen

Wachsen Kinder mit einem suchtkranken Elternteil auf, erleben sie vielfältige psychische Belastungen, die Auswirkungen auf das gesamte Leben haben können. Suchtabhängige Eltern sind emotional nicht ausreichend erreichbar für ihre Kinder. Sie leben in ihrer eigenen Welt, ihr Verhalten ist durch die Sucht geprägt, elterliche Sorge findet meist nur unzureichend statt.

Vertrauen und Verlässlichkeit fehlen, die Bindung zu den Eltern wird vom Kind als instabil und unsicher erfahren. Das Kind weiß nicht, was im nächsten Moment passiert, wie es sich verhalten soll. Das Elternteil ist unberechenbar durch den Substanzkonsum, häufig spielt auch Gewaltausübung eine Rolle.

Selbst süchtig werden: hoher Risikofaktor

In der Folge fällt es betroffenen Kindern schwer, Urvertrauen zu entwickeln, Vertrauen in Beziehungen, in eigene Fähigkeiten, in eine positive Sicht auf das Leben. Zudem ist der Stresslevel höher als bei anderen Kindern – und zwar dauerhaft. Auswirkungen auf Gehirn und Nervensystem können langfristig sein.

Ein emotionaler Ruhezustand, in dem Kinder entspannen können, stellt sich kaum ein. So wächst die Gefahr für eine eigene spätere Sucht, da zum Beispiel der Konsum von Alkohol vermeintlich Beruhigung bringt. So sind Kinder aus Suchtfamilien die größte Risikogruppe für Süchte. Sie haben ein bis zu sechsfach erhöhtes Risiko, selbst eine Alkoholabhängigkeit oder ein problematisches Konsumverhalten zu entwickeln.

Hilfe durch geschulte Pädagogen

Ideal ist, wenn die Hilfe für betroffene Kinder bereits früh ansetzt, etwa im Kindergartenalter. Doch häufig fehlt die Fähigkeit und Möglichkeit für Außenstehende, eine suchtbelastete Familie überhaupt zu erkennen. Schon kleine Kinder verinnerlichen das Geheimhalten. Die Sucht wird tabuisiert. Scham, Angst vor dem Heim, vor Strafen spielen dabei eine große Rolle. Schulungen von pädagogischem Personal sollen helfen, hier entgegenzuwirken.

Wichtig ist, dass betroffene Kinder eine feste Bezugsperson mit hoher Empathie außerhalb der Kernfamilie finden, bei der sie sich sicher und geborgen fühlen und die ihnen Verlässlichkeit und Verständnis vermittelt. Dies kann eine Erzieherin, eine Tante, der Opa oder Fußballtrainer sein. Wichtig ist auch, dass Kindern von solchen Bezugspersonen vermittelt wird, dass Sucht eine Krankheit ist, und dass sie selbst keine Schuld an dem Verhalten des suchtkranken Elternteils haben. Diese Entlastung für die Kinder ist wichtig, um ihnen zu vermitteln, dass sie selbst in Ordnung sind. In Kombination mit der Beziehung zur Bezugsperson kann eine solche Entlastung bei den Kindern Resilienz fördern, also die Fähigkeit, mit belastenden Situationen umzugehen und dabei keinen Schaden an der psychischen Gesundheit zu nehmen.

Unterstützung finden

Etwa 200 Hilfsprojekte für betroffene Kinder und Jugendliche gibt es deutschlandweit. Eine Übersicht über Hilfsangebote, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen vermittelt der Verein Nacoa Deutschland e.V., die Interessenvertretung für Kinder suchtkranker Eltern auf seiner Website (Nacoa.de). Der bundesweit tätige Verein möchte als Lobbyorganisation die Situation der Kinder verbessern und bietet Informationen zum einen für betroffene Kinder und Jugendliche, aber auch für Lehrer, Erzieher, Eltern und Mediziner.

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