Kunststoff in Gewässern

Wie Plastikteilchen Mensch, Tier und Umwelt schaden

Verbraucher | Volle Kanne - Kunststoff in Gewässern

Müll, Industrieabfälle, Kosmetik: Immer mehr Kunststoffpartikel landen in den Gewässern. Paul Kröfges vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland erklärt, was dagegen getan werden kann.

Beitragslänge:
7 min
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Video verfügbar bis 11.01.2017, 09:41

Dass auf den Weltmeeren große Mengen an Plastikteilchen schwimmen, ist keine Neuheit mehr. Doch nun haben Forscher herausgefunden, dass die Plastikverschmutzung bereits näher ist als gedacht: Einer Studie zufolge ist der längste Fluss Deutschlands, der Rhein, extrem mit Mikroplastikpartikeln verschmutzt.

Eine Studie der Universität Basel bestätigt: Der Rhein ist mit Mikroplastikpartikeln verschmutzt. Diese Teilchen sind so klein, dass sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen sind. Forscher haben insgesamt 31 Proben an verschiedenen Stellen des Rheins entnommen und auf Mikroplastikpartikel untersucht. Der höchste Wert wurde beim Städtchen Rees gemessen: 3,9 Millionen Plastikpartikel fanden sich dort pro Quadratkilometer. Die Folgen sind nicht nur für die Umwelt gravierend. Auch für den Menschen sind die krebserregenden Stoffe im Plastik eine Bedrohung.

Teilchen in die Flüsse geschwemmt

Der Rhein ist der erste große Meereszufluss, der von der Forschung auf Mikropartikel untersucht wurde. Experten gehen jedoch davon aus, dass auch andere Flüsse belastet sind – abhängig davon, wie viele Menschen an deren Ufern leben und welche Art der Industrie sich dort angesiedelt hat. „Es ist klar, dass am Rhein die größte Verschmutzung durch Kunststoffpartikel zu erwarten ist, da die Einwohnerzahlen sehr hoch sind und die Kunststoffindustrie sehr stark vertreten ist“, sagt Paul Kröfges, Sprecher des Landesarbeitskreises Wasser beim Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND).

Die Mikropartikel gelangen über unterschiedliche Wege in den Fluss. Sie stammen nicht nur von Verpackungs- oder Verbrauchsmaterial, das in den Fluss geworfen wird. Auch Mikro- und Makropartikel, die aus Abfällen und Abwässern von Siedlungs- oder landwirtschaftlich genutzten Flächen stammen, gelangen über Kläranlagen, Kanalisation und Regenwasser in die Gewässer. „Insbesondere mit dem Regenwasser werden Plastikteilchen jeglicher Art und Größe von der Oberfläche abgeschwemmt“, erklärt Kröfges. Teilweise würden die Teilchen auch von Betrieben oder kleineren Orten ohne Kläranlage unmittelbar in den Fluss eingeleitet.

Von dort aus verbreiten sich die Teilchen weiter: Sie gelangen über Wasserläufe in andere Gewässer, Flüsse und Bäche, setzen sich zeitweise im Uferbereich, im Schlamm und im Boden ab. Letztlich werden sie immer weiter transportiert und landen irgendwann im Meer. „Und natürlich gelangen die Kunststoffabfälle durch den Schiffsverkehr in die Bundeswasserstraßen, die Kanäle und Flüsse“, skizziert Kröfges.

Schadstoffe im Körper

Man habe die Problematik jahrzehntelang unterschätzt, sagt der BUND-Sprecher. „Kunststoff baut sich nicht ab, die Partikel werden kleiner. Sie bleiben jahrhundertelang in der Umwelt.“ Fische, Schnecken und Muscheln nehmen sie als Nahrung auf. Letztlich verhungern die Tiere, weil ihnen echte Nahrung fehlt, sie ersticken oder verenden, da die im Kunststoff enthaltenen Schadstoffe sich im Körper der Tiere anreichern. Aber auch größere Kunststoffabfälle seien gefährlich für die Lebewesen, so Kröfges: „In großen Abfällen wie Folien und Netzen können sich Tiere verfangen und verenden.

Beim Menschen könne die Aufnahme solcher Plastikpartikel, etwa durch den Verzehr von Fisch, zu einer schleichenden Vergiftung führen, so der Experte. „Zum einen enthält der Kunststoff problematische Stoffe wie Schwermetalle, Weichmacher und Flammschutzmittel, die zum Teil auch hormonell wirksam sind. Diese reichern sich im Körper an. Darüber hinaus sind die Kunststoffanteile im Wasser chemisch so wirksam, dass sie andere Schadstoffe aus dem Meerwasser anreichern und damit die Meeresbewohner sowie letztlich den Menschen schädigen, der sie verzehrt.“

Schwierige Reinigung

Die Reinigung der Gewässer gestaltet sich schwierig: Einen kleinen Bach könne man zumindest von größeren Plastikteilen befreien. Das entspreche 80 bis 90 Prozent des Kunststoffvorkommens, skizziert Kröfges. „Aber wenn die Partikel kleiner als einen Millimeter sind, bleiben sie im Gewässer, entweder im Schlamm oder Sediment, oder sie werden irgendwann ins Meer gespült“, erklärt der Experte.

Am wichtigsten sei es, von vornherein zu vermeiden, dass Kunststoff unentwegt in die Gewässer gelange, fordert Kröfges, „da müssen die Maßnahmen ansetzen“. Trotzdem seien Sammelaktionen wichtig, mit denen Kunststoffe aus den Flüssen geholt und Uferabschnitte gereinigt werden. „Solche wiederkehrenden Reinigungsaktionen am Ufer schärfen das Bewusstsein der Menschen für diese Problematik – auch wenn man damit keine vollständige Säuberung erreichen wird“, führt er aus.

Plastik weitestgehend vermeiden

Kroefges fordert ein Umdenken. So sollten nicht nur die Verbraucher Plastik meiden, etwa in Form von Verpackungen oder Pastiktüten. Auch die Industrie sieht er in der Pflicht, die Kunststoffproduktion zu drosseln: „Kunststoffe werden ununterbrochen produziert und angeboten. Da muss es gesetzliche Maßnahmen geben, um den Einsatz von Kunststoffen zu minimieren, zum Beispiel in der Verpackungsindustrie, aber auch bei der massenhaften Erzeugung von preiswerten Gebrauchsgegenständen.“

Die bisherigen freiwilligen Maßnahmen der Industrie hält Kröfges für unzureichend. Er fordert stattdessen klare gesetzliche Regelungen. Diese könnten zum Beispiel vorschreiben, dass für kosmetische Produkte nur biologisch abbaubare Stoffe und Substanzen natürlicher Herkunft verwendet werden dürfen und der Einsatz von Kunststoffen in Form von Mikropartikeln verboten wird. „Kunststoffe werden beispielsweise immer noch in Gesichtscremes, Duschgels, Haarshampoos oder Flüssigseifen verwendet. Dabei ginge das auch mit Ersatzstoffen, etwa anorganischen Mineralien, die in der Natur vorkommen“, sagt der Experte. In Bereichen, in denen der Verzicht auf Kunststoff schwierig sei, gelte es, die Entsorgung sicherzustellen und das Plastik konsequent zu recyceln – und den Müll nicht einfach in die Gegend zu werfen.

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