Leiharbeit auf Rekordhoch

Ausbeutung oder Jobchance?

Verbraucher | Volle Kanne - Leiharbeit auf Rekordhoch

Die Arbeitslosenzahl ist auf einem Tiefstand, doch eine wichtige Säule des Arbeitsmarkts ist umstritten: die Leiharbeit. Sie ist als Wiedereinstieg in den Job gedacht, wird aber oft zum Dauerzustand.

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Video verfügbar bis 21.09.2017, 14:00

Unternehmen schätzen Zeitarbeiter, um rasch auf Auftragsspitzen reagieren zu können. Allerdings stehen sie meist auch als erste auf der Straße, wenn die Auftragsbücher nicht mehr so voll sind. Für Jobsuchende kann Zeitarbeit auch eine Perspektive sein. Gerade Menschen, die seit längerem arbeitslos sind, können so die Tür zum Arbeitsmarkt wieder aufstoßen.

Die Leiharbeitsbranche hat in den letzten Jahren sehr hohe Zuwachsraten erlebt: Die Anzahl der Leiharbeitnehmer in Deutschland ist seit dem Jahr 2000 um das Dreifache gestiegen. „Es ist allerdings festzustellen, dass der Anstieg seit circa 2010 abflacht“, sagt Jens Niehl, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Aus seiner Sicht hängt dies mit der Stärkung der Leiharbeitnehmer durch die Rechtsprechung und den Gesetzgeber zusammen. So würden die Möglichkeiten, Leiharbeitnehmer mit einer geringeren Vergütung als die Stammbelegschaft zu beschäftigen, zusehends begrenzt. „Vor wenigen Jahren wurde zum Beispiel das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz geändert – und es wird bald weitere Änderungen dieses Gesetzes geben“, sagt Niehl.

In der Branche seien bislang viele gesetzlich zulässige Spielräume zu Lasten der Arbeitnehmer ausgenutzt worden. „So ist beispielsweise der Durchschnittsverdienst der Leiharbeitnehmer nach wie vor häufig geringer als der Durchschnittsverdienst der Stammbelegschaft, obwohl Leiharbeitnehmer vom Grundsatz her die gleiche Vergütung bekommen sollen“, skizziert Niehl. Leiharbeitnehmer würden im Verhältnis auch häufiger gekündigt.

Neue Chancen

Nach wie vor biete die Leiharbeit allerdings auch Vorteile. Jens Niehl: „Viele Menschen finden eine Anstellung, die vorher arbeitslos waren oder noch nie einen Job hatten.“ Gerade wenig qualifizierte Arbeitnehmer könnten über ein Leiharbeitsverhältnis überhaupt erst eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen.

Ein gewisser Anteil an Leiharbeitern werde auch regelmäßig von dem Entleiherbetrieb übernommen, sagt der Fachanwalt. Dies gelte insbesondere für gut qualifizierte Kräfte, wie Arbeitnehmer, die einen technischen Beruf erlernt haben oder Akademiker. Ungelernte Kräfte werden seltener übernommen. Häufig hat der Verleiher, also der Arbeitgeber des Leiharbeitnehmers, mit dem Entleiher eine Provision für die Übernahme des Leiharbeitnehmers vereinbart. „Viele Entleiher wollen diese Provision nicht zahlen und übernehmen daher den Leiharbeitnehmer nicht“, sagt Jens Niehl.

Wiedereinstellung durch die Drehtüre

Ein weiteres Problem ist, dass Mitarbeiter gekündigt und über eigens ausgegliederte Leiharbeitsfirmen wieder eingestellt werden, und somit den gleichen Job für weniger Geld erledigen. Um dies einzudämmen, sei im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz eine so genannte „Drehtürklausel“ aufgenommen worden. Jens Niehl: „Das bedeutet, dass die Stammbelegschaft nicht den Betrieb verlassen und als Leiharbeitnehmer zur gleichen Tätigkeit zurückkehren darf.“

Ein Gesetz müsse allerdings auch durchgesetzt werden, sagt Jens Niehl und ergänzt: „Hier ist nicht nur der Staat, sondern es sind auch die Arbeitgeber, Gewerkschaften, Betriebsräte und auch der einzelne Arbeitnehmer selbst gefragt. Häufig nehmen Arbeitnehmer schlechtere Arbeitsbedingungen hin, ohne dagegen vorzugehen. Umgekehrt wird es unabhängig von gesetzlichen Regelungen immer Arbeitgeber geben, die versuchen werden, so wenig wie möglich zu zahlen.“

Stammbelegschaft gegen Leiharbeiter

Einer möglichen Diskriminierung der Stammbelegschaft durch den Arbeitgeber soll per Gesetz entgegengesteuert werden. Jens Niehl: „Aktuell ist im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz schon zu entnehmen, dass eine Überlassung der Leiharbeiter nur vorübergehend vereinbart werden darf.“ Die neuerlichen Gesetzesbestrebungen gingen dahin, dass ein Arbeitnehmer einem Betrieb höchstens für 18 Monate überlassen werden dürfe. „Hier ist allerdings eine Ausnahmeregelung vorgesehen, die sich aus einem Tarifvertrag ergeben kann“, ergänzt der Fachanwalt.

Die Gesetzeslage verändert sich kontinuierlich und die Regelungen zur Arbeitnehmerüberlassung werden immer strenger angewendet. Dies hat zur Folge, dass Unternehmen eher ganze Aufgabenfelder ausgliedern, als mehr Leiharbeiter heranzuziehen. Diese Tätigkeiten werden dann nicht mehr von der Stammbelegschaft erbracht. „Es werden dann Verträge mit Fremdanbietern geschlossen, die beispielsweise Kerntätigkeiten des Arbeitgebers weiterführen. So wird zum Beispiel in einem Schlachtbetrieb das Zerlegen der Schweine nicht mehr von der eigenen Belegschaft ausgeführt, sondern von einer Fremdgesellschaft“, skizziert Niehl.

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