Medikamente aus dem Ausland

Europäischer Gerichtshof kippt Preisbindung

Verbraucher | Volle Kanne - Medikamente aus dem Ausland

Der Europäische Gerichtshof hat die Preisbindung für verschreibungspflichtige Arzneimittel gekippt. Regina Behrendt von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen erklärt die Folgen für Verbraucher.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
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Video verfügbar bis 19.10.2017, 14:00

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat die Preisbindung für verschreibungspflichtige Medikamente gekippt. Nach Ansicht der Richter sei die Regelung eine nicht gerechtfertigte Beschränkung des freien Wettbewerbs. Was bedeutet das Urteil für die Patienten?

Verschreibungspflichtige Medikamente kosten in jeder Apotheke in Deutschland das gleiche. An diese einheitlichen Preise müssen sich auch Versandapotheken aus dem EU-Ausland halten. Der EuGH sieht in der Medikamentenpreisbindung EU-Recht verletzt, da die Regelung Anbietern aus anderen Ländern den Zugang zum deutschen Markt erschweren könne.

Was der EuGH-Entscheid für Patienten in Deutschland bedeutet, erklärt Regina Behrendt von der Verbraucherzentrale NRW: „Das Urteil des EuGH betrifft die verschreibungspflichtigen Medikamente, deren Kosten ja von den Krankenkassen übernommen werden. Wir Verbraucher müssen dabei meistens eine Zuzahlung leisten. Die liegt zwischen fünf und zehn Euro und kann sich nach dem Urteil verringern, wenn man bei einer ausländischen Versandapotheke bestellt. Das wird über Rabatte oder Gutscheine geregelt.“ Pro Rezept sind das also nur wenige Euro – wenn man allerdings dauerhaft Medikamente benötigt, kann sich das aufs Jahr gerechnet spürbar summieren. Parkinson-Patienten müssen etwa laut der Deutschen Parkinson Vereinigung zwischen 6000 und 8000 Euro für Medikamente aufbringen. Durch mögliche Boni-Programme mit ausländischen Versandhändlern könnten sie etwa 400 Euro einsparen.

Preise vergleichen

Für Arzneimittel, die man ohne Rezept in der Apotheke kaufen kann, galten schon vorher freie Preise – das heißt, jede Apotheke oder jeder Versandhändler kann selbst bestimmen, wie viel Geld er für ein bestimmtes Präparat verlangt.

Nun können Verbraucher auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten sparen, indem sie – zum Beispiel auf Vergleichsportalen im Internet – Preise vergleichen und im Ausland bestellen. Allerdings: Auch wenn der reine Medikamentenpreis günstiger ist, heißt das noch nicht zwangsläufig, dass sich eine Bestellung aus dem Ausland lohnt – etwa wenn Versandkosten anfallen, die den Bonus wieder auffressen. Außerdem ist der Versandhandel auch etwas umständlicher: Denn zunächst muss der Patient sein Rezept an die ausländische Apotheke schicken. Hinzu kommt: Wer akut krank ist, kann nicht ein oder zwei Tage warten bis das Medikament aus dem Ausland ankommt. Und nicht zuletzt kann der Versandhandel die Beratung in der Apotheke des Vertrauens nicht ersetzen.

Seriöse Anbieter erkennen

„In der EU sind die rechtlichen Regelungen zu Versandapotheken vergleichbar mit denen aus dem Vereinigten Königreich, den Niederlanden, Island, Schweden (nur verschreibungspflichtige Medikamente) und Tschechien (nur nicht-verschreibungspflichtige Medikamente). Aber es können sich auch Versandhändler aus anderen Ländern um eine Zulassung bewerben“, erklärt Behrendt.

Die Seriosität einer Versandapotheke lässt sich über das europäische Versandhandelslogo prüfen: Wenn man auf das EU-Logo klickt, muss man auf eine offizielle Seite einer Gesundheitsbehörde des jeweiligen Landes weitergeleitet werden. Bei deutschen Versandapotheken ist das immer das (DIMDI), das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information. In den Niederlanden zum Beispiel landet man bei aanbiedersmedicijnen.nl.

Ausblick: Der Gesetzgeber ist gefordert

„Dieses Urteil wirbelt den Arzneimittelmarkt schon ganz schön durcheinander“, resümiert Verbraucherschützerin Behrendt: „Der deutsche Versandhandel und die deutschen Apotheken befürchten, dass dadurch gerade viele chronisch Kranke ihre Medikamente im Ausland bestellen werden, weil sie sie dort billiger bekommen werden. Gerade kleine Apotheken rechnen damit, dass sie wohlmöglich schließen müssen, wenn die Kunden in den ausländischen Versandhandel abwandern.“
Nun müsse die deutsche Politik schauen, ob sie ihre Gesetzgebung in Zukunft ändert: „Denn nach dem Urteil des EuGH wird der ausländische Versandhandel bevorzugt, während die Apotheken und Versandhändler bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten bei uns weiter an die Preise gebunden sind.“

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