Medikamententests an Dementen

Wie weit darf die Medizin gehen?

Verbraucher | Volle Kanne - Medikamententests an Dementen

Medikamententests mit dementen Menschen sollen demnächst möglich sein - um mögliche Wirkstoffe gegen demenzielle Erkrankungen für eine Zulassung zu testen. Doch wie soll das in der Praxis aussehen?

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4 min
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Video verfügbar bis 24.10.2017, 14:00

Mit einer Neufassung des Arzneimittelgesetzes (AMG) will die Bundesregierung zukünftig Medikamententests an Menschen mit einer demenziellen Erkrankung ermöglichen. Notwendige Voraussetzung: Sie unterschreiben bereits in gesunden Tagen eine entsprechende Erlaubnis dazu. Angelehnt ist es an das Modell, wie man es vom Organspendenausweis kennt. Damit soll der Weg frei werden, um mögliche Wirkstoffe gegen demenzielle Erkrankungen für eine Zulassung zu testen. Dieser Plan sorgt jedoch für eine heftige Kontroverse.

Bisher sind Medikamententests an Probanden im Rahmen einer Studie nur erlaubt, wenn die entsprechende Person bei klarem Verstand ist und jederzeit die Möglichkeit hat, ihre Teilnahme zu beenden. Die Gesetzesänderung sieht vor, dass klinische Studien mit Personen auch dann möglich sind, wenn diese „Wesen, Bedeutung und Tragweite der klinischen Prüfung“ nicht erkennen können – zum Beispiel wegen einer demenziellen Erkrankung.

Voraussetzung ist, dass die Forschung "gruppennützig" ist, also beispielsweise im Fall einer Studie mit Demenzpatienten Erkenntnisse generiert, die perspektivisch anderen Demenzpatienten zugutekommen wird. Damit will der Gesetzgeber Missbrauch verhindern und sicherstellen, dass nicht „irgendein“ Medikament an einer dementen Person getestet wird. Zudem muss eine Verfügung vorliegen, in welcher der Betroffene bereits zu einem früheren Zeitpunkt sein Einverständnis gegeben hat.

Die Kritiker

Hinter dem Begriff gruppennützig versteckt sich aber ein wichtiger Aspekt: Es ist nämlich keineswegs sichergestellt, ob der Proband selbst von dem Testmedikament profitiert, also einen „Eigennutzen“ daraus zieht. Gegner des Gesetzes, allen voran die Kirchen- und Behindertenverbände, sehen durch die geplanten Änderungen eine besonders schutzwürdige Personengruppe schwerwiegenden Gefahren und Missbrauchsrisiken ausgesetzt. Es drohe die Gefahr, dass diese Menschen zum Nutzen anderer instrumentalisiert und „zum bloßen Objekt“ herabgestuft würden. Die Gruppennützigkeit (manchmal auch „Fremdnützigkeit“ genannt) sei ein grober Verstoß gegen die Menschenwürde.

Selbsthilfe- und Betroffenenverbände wiederum positionieren sich nicht generell gegen zukünftige Forschungen, fordern aber eine umfassende Aufklärung über den nicht gesicherten Eigennutzen. Ein zweite Forderung der Kritiker: Es soll vom Probanden selbst bereits in der Verfügung eine eigens nur für die Studie abgestellte Begleitperson genannt werden, die nicht zwangsläufig mit dem gesetzlichen Betreuer identisch sein muss. Fremde Personen, die den Probanden gar nicht kennen, etwa Beamte oder Mediziner, seien für diese Aufgabe ungeeignet.

Die Befürworter

Mediziner in der Alzheimer- und Demenzforschung waren lange machtlos gegen den fortschreitenden Abbau von Gehirnzellen. Doch nun wurden mögliche Antikörper entwickelt und in einer ersten Pilotstudie in den USA bereits an Menschen mit beginnender Demenz erfolgsversprechend getestet. Da sich die Gehirne von Patienten im Anfangsstadium einer demenziellen Erkrankung enorm von solchen im fortgeschrittenen Stadium unterscheiden, kann die Wirkung nicht einfach von der einen auf die andere Patientengruppe übertragen werden.

Es braucht also für schwer demente Patienten eigene Studien mit betroffenen Probanden. Ein generelles Forschungsverbot würde bedeuten, dass dieser schwer kranken Personengruppe eine mögliche erfolgreiche Therapie vorenthalten bleibt. Dies sei auch keine vertretbare Lösung.

Wo Einigkeit besteht

Zumindest in einem Punkt sind sich Befürworter und Gegner der Gesetzesänderung grundsätzlich einig: Forschungen an Menschen, die von Geburt an geistig behindert oder heute bereits dement sind und niemals eine Verfügung in gesunden Tagen unterschrieben haben, bleiben generell verboten.

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