Barrierefreies Deutschland?

Wie Apps und Umdenken im Alltag helfen

Verbraucher | Volle Kanne - Barrierefreies Deutschland?

Menschen mit Behinderung haben es oft schwer, sich in deutschen Städten zu bewegen. An vielen Stellen stoßen sie auf Hürden. Christina Marx von der Aktion Mensch zeigt, welche Alltagshelfer es gibt.

Beitragslänge:
9 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 08.03.2017, 14:00

Es gibt den Ausspruch „behindert ist man nicht, behindert wird man“. Bewegt man sich in Deutschlands Städten, wird klar, dass in dem Satz viel Wahres steckt. Denn tatsächlich stoßen Menschen mit Behinderung im Alltag auf zahlreiche Hürden. Christina Marx von der Aktion Mensch hat sich zum Ziel gesetzt, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderungen zu verbessern und das selbstverständliche Miteinander in der Gesellschaft zu fördern.

Untertitel für Gehörlöse, Vorlese-Software für Blinde, einfache Texte für Menschen mit Lernbehinderung: Auch wenn man bei der Barrierefreiheit zuerst an die Rollstuhlrampe denkt – es gibt viele Lebensbereiche, in denen Menschen mit Behinderung Barrieren überwinden müssen. „Wir müssen lernen, Barrierefreiheit ganzheitlich zu sehen – räumlich, kommunikativ und digital“, sagt Christina Marx von der Aktion Mensch.

Mehr barrierefreier Wohnraum benötigt

In der Tat gebe es noch großen Handlungsbedarf im räumlichen und baulichen Bereich, etwa bei der Stadtplanung, insbesondere aber beim Verkehr und der Mobilität, sagt die Expertin: „Aus der Sicht von Menschen mit Behinderung ist das die größte Herausforderung.“ Zwar habe sich zum Beispiel bei der barrierefreien Nutzung von Internetangeboten in den letzten Jahren einiges getan, allerdings gebe es noch Nachholbedarf bei der sogenannten „mobile accessibility“, also der Zugänglichkeit von mobilen Geräten wie Smartphone und Tablet.

Auch beim Wohnen sei noch reichlich Luft nach oben, so Marx: Aktuell gebe es rund 500.000 barrierefreie Wohnungen; Schätzungen zufolge würden bis zum Jahr 2025 aber 2,5 Millionen benötigt, schon alleine aus demografischen Gründen. „Ich finde, es ist an der Zeit, dass zum Beispiel Architekten in ihrem Studium lernen, was Barrierefreiheit bedeutet“, fordert sie. Würde man beim Wohnungsbau von Anfang an auch an die Barrierefreiheit denken, könne man später sehr viele Kosten einsparen.

Rechtliche Aspekte

Seit 2009 sei die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft und somit geltendes Recht, sagt Marx. „Darin steht in Artikel 9, dass der Staat angemessene Vorkehrungen treffen muss, um Barrieren abzubauen oder sie gar nicht erst entstehen zu lassen.“ Hierzu gebe es in Deutschland eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen, die Barrierefreiheit in den unterschiedlichsten Bereichen regeln und zu mehr Teilhabe von Menschen mit Behinderung führen soll. „Ein wichtiges Gesetz ist das Behindertengleichstellungsgesetz, das derzeit weiterentwickelt wird. Es enthält unter anderem Regelungen zur Barrierefreiheit in den Bereichen Bau und Verkehr, Kommunikation und Informationstechnik“, skizziert die Expertin.

Allen Verordnungen sei jedoch gemein, dass sie nur für die öffentliche Verwaltung und Behörden gelten, der private Sektor werde nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet, erklärt Marx. Ein Umstand, der von den Betroffenen kritisiert wird: „Wir alle wissen, dass der Alltag viel stärker von privater Infrastruktur geprägt ist, und hier gibt es immer noch viele Hürden – beim Einkaufen, beim Restaurantbesuch, beim Reisen“, führt Marx aus und wirft einen Blick in die USA: Dort sei auch der private Sektor zur Barrierefreiheit verpflichtet.

Apps erleichtern den Alltag

Vor allem die moderne Kommunikation ermöglicht es, Barrieren im Alltag abzubauen, zum Beispiel mit dem Smartphone und den passenden Apps. Mit der App Codecheck können Blinde im Supermarkt zum Beispiel Produktcodes zur besseren Unterscheidung von Produkten einscannen. Wer persönliche Unterstützung braucht, kann die Helfer hinter der App BeMyEyes konsultieren. Laut Aussagen des Anbieters bieten darüber weltweit rund 300.000 freiwillige Helfer Menschen mit Sehbehinderung ihre Dienste an. Über die Kamera des Smartphones können die Helfer Blinden so zum Beispiel das Verfallsdatum auf der Packung vorlesen oder ihnen sagen, ob der Anzug, den sie tragen, Flecken hat.

Die GRETA-App ermöglicht barrierefreies Kino mit Audio-Deskription und Untertiteln auf dem eigenen Smartphone. Mit Viaopta NAV kann man sich durch die Stadt lotsen lassen, Kreuzungen finden oder seinen Standort bestimmen lassen. Mit motionsavvy gibt es mittlerweile auch eine App, die die Rolle eines Gebärdendolmetschers übernimmt: Die Kamera zeichnet die Gebärden auf und übersetzt sie in Lautsprache und umgekehrt. Speziell für gehörlose Berlinreisende gibt es eine App, die Sehenswürdigkeiten in Gebärdensprache vorstellt. Rollstuhlfahrer können von der speziellen Karten-App des Projekts wheelmap.org profitieren. Darauf kann jeder Orte markieren und die Rollstuhlzugänglichkeit mit dem Ampelsystem bewerten – grün für rollstuhlgerecht, rot für rollstuhluntauglich, gelb für eine eingeschränkte Nutzungsmöglichkeit.

Für alle angenehmer

Egal, ob man an Krücken oder mit einem Rollator gehe, einen Kinderwagen schiebe oder mit schwerem Gepäck reise – oft bemerke man Barrieren erst, wenn etwas nicht funktioniert, zum Beispiel der Aufzug im Bahnhof, gibt Marx zu bedenken. Für blinde Menschen sei zum Beispiel die Spracherkennung auf dem Smartphone unerlässlich. Doch auch Menschen, die sie nicht zwingend bräuchten, benutzten sie. „Barrierefreiheit nützt allen Menschen – für zehn Prozent ist sie notwendig, für 30 Prozent hilfreich und für 100 Prozent angenehm“, resümiert Marx.

„Barrierefreiheit ist eine wesentliche Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft“, sagt Christina Marx und ergänzt: „Die größten Barrieren sind aus meiner Sicht nach wie vor in den Köpfen. Viele Menschen sind unsicher im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Wir müssen dahin kommen, uns im Alltag selbstverständlicher zu begegnen. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten“, so ihr Appell.

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