Musik statt Worte

Therapie bei Wachkoma-Patienten

Verbraucher | Volle Kanne - Musik statt Worte

Menschen im Wachkoma haben die Augen auf aber man weiß nicht, was sie mitbekommen und was nicht. Wie geht das Leben für die Angehörigen weiter und welche Therapien gibt es?

Beitragslänge:
19 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.04.2017, 10:05

Wenn ein Mensch im Wachkoma liegt, können die Angehörigen kaum ermessen, wie viel der Betroffene von seiner Umgebung noch wahrnimmt. Wo Worte keine Reaktion mehr hervorrufen, kann Musik helfen. Mit Singen, Summen oder Musizieren ist es möglich, Wachkoma-Patienten Sicherheit, Nähe und Wärme zu vermitteln.

Im Wachkoma („Apallisches Syndrom“ oder auch „Persistierend vegetativer Status“) ist das Gehirn geschädigt, wodurch eine aktive Interaktion mit der Umwelt, Reflexe und andere Körperfunktionen stark eingeschränkt sein können. Der Patient hat aber die Augen geöffnet und kann andere Zeichen der Wachheit zeigen, was beim künstlichen Koma beispielsweise nicht der Fall ist.

Mehrere Forschungsergebnisse belegen, dass Patienten im Wachkoma eine größere Wahrnehmung und ein klareres Bewusstsein haben könnten als bisher vermutet. Bei Versuchen im Kernspintomographen, in dem sichtbar gemacht werden kann, welche Gehirnareale aktiv sind, zeigten die Wachkomapatienten ähnliche Hirnaktivitäten wie gesunde Vergleichspersonen.

Klaviertasten: Frau spielt Klavier
Musik wirkt nachweisbar auf das ganze Gehirn. Quelle: imago/Schöning

Viele Einsatzgebiete

Musik ist eine ideale Therapiemöglichkeit. Dabei geht es um den gezielten Einsatz von Musik zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit. Ihr Einsatzgebiet ist sehr vielfältig. Musiktherapie kommt in der Psychiatrie, der neurologischen Rehabilitation, in der Geriatrie und Onkologie zum Einsatz. Nach einem Schlaganfall, bei Aphasie und als Teil der Schmerztherapie wird Musiktherapie ebenfalls angewendet. Einige Musiktherapeuten haben sich darauf spezialisiert, Musik bei Wachkomapatienten einzusetzen. Das Gehör bleibt bei einer Hirnschädigung am längsten funktionsfähig, so sind auch Schwerstkranke noch zu erreichen. Bei Wachkomapatienten dient Musik dazu, nonverbal eine Kommunikation aufzubauen.

Menschen im Wachkoma benötigen neben intensiver ärztlicher, pflegerischer, physio-, ergotherapeutischer und neuropsychologischer Betreuung und Versorgung besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit. Sie brauchen intensiven zwischenmenschlichen Kontakt, denn dieser geht bei längerer Krankheit häufig verloren. Angehörige verstummen oft im Umgang mit den Patienten, da keine Reaktion zurückkommt. Umso wichtiger ist es für die Wachkomapatienten, dass sie als Individuum wahrgenommen und angesprochen werden.

Wirkung der Musiktherapie

Die musiktherapeutischen Angebote wie Singen, Summen oder die Improvisation auf Musikinstrumenten sind eine Möglichkeit, Menschen im Wachkoma Geborgenheit, Sicherheit, menschliche Zuwendung und Wärme zu vermitteln. Dies ist insbesondere bedeutsam, wenn die Betroffenen neben schweren physischen und kognitiven Einschränkungen auch ein seelisches Trauma erlitten haben.

Musikdialoge mit Menschen im Wachkoma können eng an tief verwurzelte, sogar vorgeburtliche Erfahrungen anknüpfen. So kann die Musiktherapie Menschen im Wachkoma ermöglichen, ihr inneres Erleben wieder zur Außenwelt zu öffnen. Musik wirkt auf das Belohnungs- und Lustzentrum im Gehirn, ähnlich wie ein liebevoller Blick oder eine liebevolle Berührung in entspannter Atmosphäre.

Zurück ins Leben

Menschen im Wachkoma reagieren auf musikalische Angebote auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Musiktherapeuten achten auf kleinste Regungen wie Kau- und Schmatzbewegungen, Augenlidbewegungen, Veränderungen der Blickrichtung, Fixieren der Augen, Kopfwendungen, eine veränderte Atmung sowie körperliche Entspannung oder Anspannung. Auch emotionale Zeichen wie eine veränderte Gesichtsmimik, Lächeln oder Weinen, lassen darauf schließen, dass Menschen im Wachkoma durchaus auf ihre Umwelt reagieren können und Musik als positive und lebensfreundliche, vertrauensvolle Zuwendung wahrnehmen.

Musiktherapie für Menschen im Wachkoma wird als eine wichtige Erweiterung des umfangreichen therapeutischen Angebotes für diese Patienten gesehen. Denn es werden die Grundbedürfnisse des Menschen angesprochen und wahrgenommen. Emotionales Erleben wird erweitert, Ängste und Trauma-Erfahrungen können überwunden werden. Bei Menschen, die aus dem Wachkoma zurückkehren, kann das Spielen eines Instruments in Verbindung mit anderen Rehamaßnahmen dazu beitragen, dass sich Fein- und Grobmotorik der Betroffenen maßgeblich verbessern.

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