Vitamine und Co. in Tablettenform

Braucht man Nahrungsergänzungsmittel wirklich?

Verbraucher | Volle Kanne - Vitamine und Co. in Tablettenform

Nahrungsergänzungsmittel sollen die Leistungsfähigkeit steigern, das Immunsystem stärken und einfach das Wohlbefinden verbessern. Aber stimmt das wirklich? Und brauchen wir diese Mittel überhaupt?

Beitragslänge:
7 min
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Video verfügbar bis 03.08.2017, 14:00

Jahr für Jahr werden Milliarden mit Vitaminprodukten und Pflanzenextrakten umgesetzt. Die Hersteller profitieren vom guten Ruf der angeblich lebenswichtigen Pillen. Glaubt man den Versprechen, sollen die Nahrungsergänzungsmittel die Leistungsfähigkeit steigern, das Immunsystem stärken oder einfach das Wohlbefinden verbessern.

Stress im Alltag, schlechtes Gewissen, einseitige Ernährung – das sind die Hauptgründe, weshalb ein Drittel aller Deutschen diese Pillen schluckt. Sie hoffen auf mehr Vitalität, Aktivität und Wohlbefinden. Doch dass sie der Gesundheit tatsächlich nützen, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Und: Die Präparate, die in Drogerien und Supermärkten ganze Regale füllen, sind ihrer Definition nach gar keine Arzneimittel, sondern Lebensmittel.

„Demnach dürften sie eigentlich gar keine pharmakologische Wirkung haben. Unbedenklich sind sie deshalb aber nicht“, sagt Ernährungsexpertin Dr. Brigitte Bäuerlein. Neben Vitaminen und Mineralstoffen enthalten Nahrungsergänzungsmittel eine Vielzahl weiterer Substanzen, zum Beispiel Aminosäuren, Ballaststoffe, Lipide, Probiotika und sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe.

Unterschiede zu Medikamenten

Gemäß der Nahrungsergänzungsmittel-Verordnung ( NemV) gehören Nahrungsergänzungsmittel zu den Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs. Sie unterscheiden sich von anderen Lebensmitteln dadurch, dass sie in kleinen Dosierungen, etwa als Tabletten oder Kapseln angeboten werden. Sie enthalten Vitamine, Mineralstoffe oder sonstige Nährstoffe, die eine ernährungsspezifische oder physiologische Wirkung in konzentrierter Form haben sollen. Sie dürfen die normale Ernährung ergänzen, jedoch keine arzneiliche Wirkung haben. Die NemV legt fest, welche Vitamine und Mineralstoffe zugesetzt werden dürfen. Für sonstige Stoffe wie Aminosäuren oder Ballaststoffe gelten jeweils die nationalen Bestimmungen.

Der Körper kann nicht zwischen natürlichen und synthetischen Vitaminen unterscheiden. Die chemische Strukturformel von beispielsweise Vitamin C ist festgelegt und sieht im Apfel nicht anders aus als das Vitamin C im Labor. Aber es ist anders „verpackt“ und vor allem entfaltet zum Beispiel ein Apfel seine gesundheitsfördernde Wirkung nicht über das Vitamin an sich, sondern über zahlreiche weitere Inhaltsstoffe. „Die Einnahme von einer Tablette Vitamin C ist meilenweit von der Wirkung eines Apfels entfernt. Eine Multivitaminkapsel ist eben kein zusammengepresster Obstkorb“, gibt Bäuerlein zu bedenken. An einer abwechslungsreichen Ernährung gehe also kein Weg vorbei.

Das bietet der Markt

Nahrungsergänzungsmittel dürfen überall verkauft werden, wovon vor allem der Einzelhandel Gebrauch macht. So finden sich entsprechende Zusätze in Discountern, Drogeriemärkten, Reformhäusern und Apotheken. Eine kaum noch überschaubare Anzahl an Produkten wirbt in den Regalen der Supermärkte um die Gunst des Kunden und vermittelt so den Eindruck, dass eine ausreichende Nährstoffzufuhr nur mit traditionellen Lebensmitteln heute nicht mehr möglich ist.

Dabei versorgt eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung den gesunden Körper mit allen lebenswichtigen Stoffen. Deswegen kommt beispielsweise auch das Bundesinstitut für Risikobewertung zu dem Schluss, dass Nahrungsergänzungsmittel in den meisten Fällen überflüssig sind. Zum gleichen Schluss kommt auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wer tatsächlich eine gezielte Vitaminzufuhr benötige, solle der Apotheke den Vorzug geben, empfiehlt Dr. Brigitte Bäuerlein. Das Ergänzungsmittel solle möglichst ein hochwertiges Präparat aus natürlichen Grundstoffen sein. Nicht alle Präparate seien von guter Qualität.

Gefährliche Überdosierung

Gefährliche Überdosierungen sind möglich. Bedenklich sind die fettlöslichen Vitamine E, D, K und A. Diese können sich im Körper anreichern und die Organe schädigen. Zu viel Vitamin A oder ß-Carotin kann bei Rauchern Lungenkrebs begünstigen oder zu Gelbsucht führen. Zu viel Vitamin C kann Nierensteine und Durchfall begünstigen. Vitamin E in großen Mengen hemmt die Blutgerinnung. Die chronisch vermehrte Aufnahme von Eisen hingegen kann die Leber schädigen. „Wer täglich Kombinationspräparate schluckt, macht das eigene Immunsystem faul“, warnt die Ernährungsexpertin.

Die verschiedenen Wirkstoffe behindern sich gegenseitig bei der Verwertung. Zum Beispiel benutzen Eisen, Zink und Kupfer den gleichen Weg bei der Nährstoffverwertung: Werden diese Mineralien gemeinsam aufgenommen, ist die Verwertung nicht optimal. Hinzu kommen noch die Vitamine, die man ohnehin schon über die normale Ernährung aufnimmt. Bei Vitamin D kann eine Überdosis zu Herzrhythmusstörungen, Kopfschmerzen bis hin zu Übelkeit und Erbrechen führen. Auch eine chronische Müdigkeit kann ein Anzeichen für eine Hypervitaminose sein. Vitamin K wirkt negativ bei Menschen, die Blutgerinnungshemmer einnehmen, da dieses Vitamin die Blutgerinnung erhöht. Genauso problematisch können auch Pflanzenextrakte wie die aus dem Ginkgobaum wirken, auch diese haben einen Einfluss auf die Blutgerinnung und können Magen-Darm-Blutungen auslösen. Glucosamine werden oft als gelenk- und knorpelstärkende Präparate angeboten, diese können in Verbindung mit Blutgerinnungshemmern ebenfalls Blutungen begünstigen. Auch zu viel Omega-3-Fettsäuren verdünnen das Blut. Pflanzenöstrogene aus beispielsweise Rotklee oder Sojaextrakten stehen sogar im Verdacht, familiär bedingten Brustkrebs zu begünstigen.

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