Tuberkulose-Zahlen steigen wieder

Rückkehr einer vergessenen Krankheit

Verbraucher | Volle Kanne - Tuberkulose-Zahlen steigen wieder

Viele glauben, Tuberkulose gibt es in Europa gar nicht mehr. Doch das Gegenteil ist der Fall. Laut Robert-Koch-Institut steigen die Patientenzahlen - innerhalb eines Jahres sogar um 30 Prozent.

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Video verfügbar bis 23.03.2017, 14:00

Mehrere Jahre stagnierte die Zahl der Tuberkulosefälle in Deutschland. Doch seit einiger Zeit nun gibt es wieder mehr Tuberkulosepatienten: 2015 wurden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 5865 Fälle gemeldet, ein Jahr vorher 4533. Einige Experten vermuten, dass der Anstieg auf die hohe Flüchtlingszahl zurückgeht. Denn viele Asylsuchende kommen aus Ländern mit hohen Tuberkuloseraten. Doch wie groß ist die Gefahr für die Bevölkerung, wie ansteckend ist die Krankheit, ist sie vollkommen ausheilbar – und: Ist sie wirklich ein Problem, das hauptsächlich Flüchtlinge betrifft?

Noch Anfang des letzten Jahrhunderts war die Tuberkulose eine weit verbreitete Volkskrankheit, für die es keine Heilung gab. Inzwischen gibt es eine wirksame Therapie, doch bis heute ist die Erkrankung mit vielen Vorurteilen verbunden.

Die Fakten: Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit. Das heißt, ein Erreger dringt von außen in den Körper ein und schädigt den Organismus. Der Körper reagiert darauf mit einer Abwehrreaktion (Entzündung). Bei der Tuberkulose ist der Erreger das Tuberkelbakterium (Mycobacterium tuberculosis). Es wurde 1882 von Robert Koch entdeckt. Meist setzt es sich in der Lunge fest und es bilden sich Entzündungsherde, die im fortgeschrittenen Stadium regelrechte Löcher ins Lungengewebe fressen können.

Intaktes Immunsystem schützt

Die Ansteckung mit Tuberkulosebakterien erfolgt meist über die Atemwege, wenn das Bakterium aus der Umgebungsluft eingeatmet wird. In die Luft gelangt das Bakterium dann, wenn ein an offener Lungentuberkulose erkrankter Mensch niest oder hustet (Tröpfcheninfektion). Ein intaktes Immunsystem wird in der Regel selbst mit dem Eindringling fertig. Nur bei einem kleinen Teil der Infizierten (etwa zehn Prozent) bricht die Tuberkulose im Laufe ihres Lebens tatsächlich aus, so dass eine Behandlung nötig ist.

Ob dies passiert, ist zum einen von der Menge der inhalierten Bakterien abhängig, zum anderen spielt die Fähigkeit des Körpers, die Bakterien zu kontrollieren, eine große Rolle. Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder Kinder mit noch nicht ausgereiftem Immunsystem sind daher Risikopatienten. In Deutschland erkranken meist alkoholkranke Menschen, Obdachlose oder auch Patienten mit Vorerkrankungen wie HIV oder Hepatitis an einer Tuberkulose.

Gefahr durch multiresistente Keime

Lange galt die Tuberkulose als schicksalhaft und nicht heilbar. Und dieser Makel haftet ihr bis heute an. Zu Unrecht, denn bereits Mitte der 1940er-Jahre kam das erste wirksame antibiotische Medikament gegen die Tuberkulose (Streptomycin) zum Einsatz. Bis 1966 wurden weitere, noch heute gebräuchliche Medikamente entwickelt, so dass die Krankheit inzwischen durch die Gabe einer Kombinationstherapie erfolgreich behandelbar ist. Allerdings müssen die Präparate über mehrere Monate kontinuierlich eingenommen werden.

Wird die Therapie unterbrochen, können sich multiresistente Bakterien entwickeln, die im schlimmsten Fall nicht mehr behandelbar sind. Pneumologen beobachten mit wachsender Sorge diese Medikamentenresistenz – vor allem bei betroffenen Einwanderern aus Osteuropa, deren Therapie nicht konsequent durchgeführt wurde. Diese Personen leben in der Regel schon länger in Deutschland.

Verschulden Flüchtlinge TB-Welle?

Neu angekommene Flüchtlinge werden medizinisch erfasst und bei einer Standarduntersuchung mittels Röntgenaufnahmen auch auf Tuberkulose getestet. Um die Strahlenbelastung zu vermeiden, erfolgt bei Kindern, Jugendlichen und Schwangeren eine Blutabnahme. Bei den Menschen, die derzeit aus den vom IS terrorisierten Staaten nach Deutschland flüchten, gab es bisher laut einer Studie nur sehr vereinzelte Fälle einer behandlungsbedürftigen Lungentuberkulose und nur einen einzigen Fall einer offenen TB.

Dr. Patrick Dißmann ist Notfallmediziner am Klinikum Lippe in Nordrhein-Westfalen und arbeitet in einer Ambulanz für Flüchtlinge. Er berichtet aus der Praxis der letzten 18 Monate: „Wir haben 9000 Flüchtlinge erstuntersucht und nach diesen 9000 Flüchtlingen können wir sagen, dass nur vier stationär aufgenommen werden mussten, um für eine TB behandelt zu werden. Das ist keine besonders große Zahl, und stellt daher für die Gesamtbevölkerung Deutschlands kein großes Problem dar.“

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