"McDreamy" ist nur Fiktion!

Wie Arztserien Patienten verwirren

Sie sitzen über Stunden am Krankenbett, erklären jeden Operationsschritt, sind empathisch und immer erreichbar: die Ärzte aus den TV-Serien, egal, ob sie in „Grey’s Anatomy“ praktizieren, „In aller Freundschaft“ operieren oder beim „Klub der roten Bänder“ den jungen Patienten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Problem: Die Fernsehmediziner vermitteln oft ein falsches Bild vom Verhältnis Arzt-Patient. Gleiches gilt auch für die Darstellung von Operationen.

Arztserien werden immer realitätsgetreuer dargestellt. Oft steht dem Drehteam ein medizinischer Berater zur Seite. Schon das Team der TV-Serie „Die Schwarzwaldklinik“ übte vor fast 30 Jahren das möglichst realistische Operieren an Schweineschwarten. Wayne Carpendale, der lange Zeit den „Landarzt“ verkörperte, hat sogar eine Ausbildung als Sanitäter. Man sollte als Zuschauer bei aller Detailtreue eines aber nicht vergessen: In fiktionalen Arztserien werden auch harmlose Operationen oft dramatischer dargestellt, um die Spannung zu erhöhen.

Viel TV-Konsum, wenig Zufriedenheit

Schürt der erhöhte Fernsehkonsum von Arztserien etwa die präoperative Angst? Dr. Kai Witzel, Chirurg an der Rhön-Klinik Gersfeld, meint: ja. Er veröffentlichte bereits 2008 eine Studie mit 162 Patienten, die entweder eine Leistenbruch- oder eine Gallenblasen-Operation vor sich hatten. Die Patienten wurden vor und nach dem Eingriff nach ihrem Fernsehkonsum und ihrer Zufriedenheit mit der Klinik befragt.

Das Ergebnis: Die Patienten mit hohem Fernsehkonsum hatten mehr Angst vor einer Operation als die Wenig-Seher. Der Arzt führt dies auf die Vermischung von Realität und Fiktion zurück. In der heutigen Zeit, so der Chirurg, sei es für alle Menschen immer schwieriger, an ungefilterte Informationen zu kommen. Nicht zuletzt die digitale Technik der Animationen spiele hier eine große Rolle. Er räumte aber ein, dass nicht nur Arztserien, sondern vor allem auch das Internet medizinisches Halbwissen der Patienten verstärke.

Wenn Fiktion auf die Realität trifft

Fernsehärzte haben immer Zeit für ihre Patienten. Auch nach der Operation sitzen sie am Krankenbett und erklären geduldig jeden Operationsschritt. Dies kann dazu führen, dass reale Patienten bestimmte Erwartungshaltungen an die Ärzte haben, die im richtigen Leben – beispielsweise aus Zeitdruck – nicht erfüllt werden können.

In vielen Kliniken ist es so, dass der tatsächlich operierende Arzt den Patienten weder vorher noch nachher sieht, sondern alles an das Assistenzpersonal delegiert wird. Das macht den Patienten unzufrieden. Er wünscht sich, dass sich der Arzt sich nach der OP mehr Zeit für ihn nimmt. Ähnlich sieht dies auch Dr. Witzel: „Manchmal kann man tatsächlich etwas von den Arztserien lernen, was die Fürsorge und Empathie in Bezug auf den Patienten betrifft.“

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