Sie sind hier:

Skin-Picking: Zwanghaftes Zupfen an der Haut

Mann kratzt sich am Rücken.

Man kratzt, man knibbelt, man zupft an seiner Haut - und findet einfach kein Ende. Dieses Phänomen nennt sich Skin-Picking - und gilt als psychische Störung. Aber wie kommt es dazu?

24.04.2017
24.04.2017
Video leider nicht mehr verfügbar

Beim Skin-Picking knibbeln, kratzen oder drücken Betroffene an Pickeln und Hautunebenheiten, bis diese sich entzünden. Die Wunden können manchmal über Wochen oder Monate nicht verheilen, weil sie immer wieder bearbeitet und aufgekratzt werden. Bisherige Schätzungen sprechen dafür, dass etwa 1,5 bis 5 Prozent der Bevölkerung betroffen sein könnten, vermutlich mehr Frauen als Männer. Die Störung beginnt meist in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter.

Betroffene schämen sich

Skin-Picking gilt als psychische Störung, ist jedoch kaum erforscht. Denn jeder knibbelt mal an seiner Haut. Psychologen sprechen jedoch von krankhaftem Verhalten, wenn man die Kontrolle über diese „Knibbelsucht“ verloren hat, also häufiger als gewollt seine Haut bearbeitet und die Knibbel-Phasen länger als beabsichtigt andauern.

Betroffene berichten teilweise von festgelegten, abendlichen Ritualen vor dem Spiegel, in denen sie ihren Körper mit Pinzetten und Nagelscheren regelrecht malträtieren, obwohl dies zu schweren Hautschäden führt. Bevorzugte Körperstellen sind das Gesicht, das Dékolleté, der obere Rücken, die Schultern, Arme und Unterbeine. Zudem leiden Skin-Picker meist sehr stark unter Schamgefühlen und Selbstekel. Sie verstehen selbst nicht, weshalb sie nicht davon lassen können. Oft ziehen sie sich zurück und meiden soziale Kontakte.

Ursachen können in der Kindheit liegen

Trotz des Wissens um die negativen Folgen können Betroffene der Sucht, täglich ihre Haut zu bearbeiten, nicht widerstehen. Viele berichten, es komme durch das Kribbeln zum Abbau von Stress und negativen Gefühlen wie Trauer und Wut sowie generell zum Nachlassen einer inneren Anspannung. Doch die Erleichterung ist nur von kurzer Dauer, danach überwiegen Schuld- und Schamgefühle.

Meist scheuen die Betroffenen den Gang zum Allgemeinmediziner - und landen eher beim Dermatologen, der zwar die Wunden versorgt und Hautcremes verschreibt, aber nicht die Ursache behandeln kann. Dafür braucht es fachliche Unterstützung. Bewährt hat sich eine Kombination aus individuell zugeschnittener Verhaltens- und Körpertherapie, in der die Patienten verstehen lernen, in welchen Situationen der Drang übermächtig wird und mit welchen Strategien sie dann bewusst entgegen wirken können. Auch der Austausch in Selbsthilfegruppen ist ein Weg aus der Isolation und ein erster Schritt zur Selbsthilfe.

Zudem können tiefenpsychologische Ansätze helfen, den Ursachen auf die Spur zu kommen. In Fachkreisen vermutet man, die Ursachen könnten in manchen Fällen auf ein frühkindliches Trauma zurückgehen, das der betroffenen Person nicht immer bewusst sein muss. Das Zupfen an der Haut ist demnach eine Form der Angstabwehr, die sich schon sehr früh automatisiert hat und sich nun mit bloßem Willen nicht mehr kontrollieren lässt.

Bald auch in Deutschland als Krankheit anerkannt

Lange Zeit war Skin-Picking in Fachkreisen gar nicht benannt. Erst 2013 wurde es in den amerikanischen Diagnosekatalog Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) als eigenständiges Krankheitsbild erfasst als sogenannte "excoriation disorder" unter der Rubrik "obsessive-compulsive disorders and related" (deutsch: verschiedene Zwangsstörungen).

Experten rechnen damit, dass die Störung nun auch bei der nächsten Überarbeitung in den ICD-10, einer vom WHO herausgegeben internationalen Klassifizierung psychischer Störungen, aufgenommen wird. Somit haben Betroffene dann offiziell Anspruch Kostenübernahme einer Therapie durch ihre Krankenkasse.

Weitere Gesundheitsthemen

Frau hält sich Finger vor den Mund

Verbraucher | Volle Kanne -
Tabuthema weibliche Sterilisation
 

Selbstbestimmung über den eigenen Körper wird groß geschrieben. Doch der Wunsch zur Sterilisation bei jungen …

Videolänge
5 min
Frühchen und Corona

Verbraucher | Volle Kanne -
Frühchen in der Pandemie
 

Wie geht es der größten Kinderpatientengruppe Deutschlands in Zeiten von Corona?

Videolänge
5 min
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.