Sprechstunde im Internet

Wenn der Arzt online diagnostiziert

Verbraucher | Volle Kanne - Sprechstunde im Internet

Online-Sprechstunden gewinnen an Bedeutung. Patienten profitieren von der mobilen Erreichbarkeit und der schnellen Hilfe. Dr. Christoph Specht erklärt, wie der Online-Termin beim Arzt funktioniert.

Beitragslänge:
9 min
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.07.2017, 14:00

Es ist ein Albtraum-Szenario: Man erkrankt im Urlaub und weit und breit findet sich kein Arzt, der Deutsch spricht. Wie praktisch können da Onlinesprechstunden sein: Über das Internet hören sich die Ärzte die Probleme der Patienten an und geben Ratschläge. Dies könnte auch ein Zukunftsmodell für ländliche Regionen sein, die über Ärztemangel klagen.

„Bislang war es rechtlich verboten, Ferndiagnosen zu stellen – es gibt in Deutschland ein sogenanntes Fernbehandlungsverbot“, sagt Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht. Eine Ausnahme sei es, wenn der Arzt den Patienten bereits kenne, es sich bei der Beratung also um eine Art Folgebehandlung handele, wie sie zum Beispiel über das Telefon erfolgt. „Eine andere Art der Fernbehandlung sieht die Gebührenordnung für Ärzte nicht vor, weil es nicht abgerechnet werden kann“, so Specht weiter. Doch inzwischen sei das Fernbehandlungsverbot massiv aufgeweicht worden, so dass zum Beispiel Onlinesprechstunden möglich seien.

Diese dürften allerdings nur in einem strengen Rahmen stattfinden, erklärt Specht. Bieten die Ärzte ihre Dienste über Onlineportale an, müssen sie ihre Patienten kennen und es muss sich um eine Folgebehandlung handeln. Bei diesen Portalen erfolgt die Abrechnung klassisch zwischen Arzt und Patient. „Einige wenige Kassen übernehmen die Kosten, aber oft müssen die Patienten sie selbst tragen“, sagt der Medizinjournalist. Eine andere Variante sind sogenannte Heilkundegesellschaften. Hier bekommt der Arzt sein Geld von der Firma, die auch die Rechnung stellt. Bei diesem Modell muss sich die Firma nicht an die Gebührenordnung für Ärzte halten und kann zum Beispiel Pauschalen anbieten.

Sinnvolle Einsatzmöglichkeiten

„Sinnvoll können die Onlinesprechstunden sein, wenn es um die kurze Abklärung von Beschwerden geht, die man über Webcam sieht, etwa den Heilverlauf einer Verletzung“, sagt Dr. Christoph Specht. Es sei durchaus denkbar, dass dadurch künftig das Wartezimmer entlastet werden könne. Allerdings müsse sich das Abrechnungssystem der Krankenkassen noch darauf einstellen. Schwierig hingegen sei dies bei psychischen Erkrankungen, sagt Specht: „Da halte ich es für besonders wichtig, dass der Patient physisch beim Arzt erscheint. Im direkten Kontakt erfährt man doch mehr als per Videotelefonie.“ Auch bei schweren oder langwierigen Erkrankungen solle man direkt zu einem Arzt gehen. Manchmal müsse der Arzt zur Diagnosestellung auch tasten – über das Internet unmöglich. „Der Patient sollte gut überlegen, welche Behandlung er erwartet“, gibt Specht zu bedenken.

Zwar gebe es bislang keine Statistiken darüber, wie viele Ärzte ihre Dienste online anbieten. Dr. Christoph Specht geht aber davon aus, dass die Zahl in den nächsten Jahren steige. Bislang stehe noch das Abrechnungssystem der Krankenkasse im Wege. „Besonders für den ländlichen Raum, in dem Ärztemangel herrscht, ist die Onlinesprechstunde eine echte Bereicherung, zumal inzwischen ja selbst 70-Jährige fit im Internet sind“, konkretisiert Specht. Wegen der Seriosität der Ärzte hat Specht keine Bedenken: Da es sich bei den Medizinern in Deutschland zugelassene Ärzte handele, sei die Diagnose so gut wie der Arzt selbst.

Seriöse Gesundheitsberatungen?

Auch Gesundheitsberatungen im Internet werden immer beliebter. Auf solchen Seiten kann man sich über Krankheiten, deren Symptome und Behandlungsmöglichkeiten informieren. Doch diese seien ein zweischneidiges Schwert, sagt Specht. „Es gibt viele Seiten, auf denen man verlässliche Informationen bekommt, aber natürlich gibt es auch viel Schund.“ Es sei daher wichtig, den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. „Es gibt seriöse Seiten, etwa jene der Bundesärztekammer, die nicht industrieabhängig sind. Dafür gibt es auch Siegel wie das AFGIS- und das HON-Siegel, die schon ein wenig über die Seriosität der Seite verraten.“

Hellhörig sollte man werden, wenn auf der Seite etwas verkauft werden soll, etwa Nahrungsergänzungsmittel oder ähnliches. „Auch wenn man in eine ideologische Ecke gedrängt wird, zu große Versprechungen oder gar Heilversprechen gemacht werden, dann ist es auf jeden Fall unseriös“, warnt Specht.

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