Täter im Liebeswahn

Wie Stalking-Opfer sich wehren können

Verbraucher | Volle Kanne - Täter im Liebeswahn

Sie werden verfolgt und bedroht: Bisher können sich Stalking-Opfer nur schwer schützen. Stalking-Expertin Sandra Cegla erläutert, wie sich die Gesetzeslage bald verbessern soll.

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8 min
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Video verfügbar bis 31.08.2017, 14:00

Sie terrorisieren ihre Opfer mit nächtlichen Telefonanrufen oder lauern ihnen an der Haustür auf. Oft lassen sie jahrelang nicht locker und üben einen unerträglichen Psychoterror aus. Wer andere Menschen verfolgt und belästigt, wird als „Stalker“ bezeichnet. Dass Stalking ein Straftatbestand ist, hält viele Täter nicht von ihrem Wahn ab.

Laut einer Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit wird jede zehnte Person mindestens einmal im Leben das Opfer eines Stalkers. Die aktuellen Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik gehen von rund 21.000 Fällen pro Jahr in Deutschland aus – die Dunkelziffer ist hoch.

In 80 Prozent der Fälle sind es Männer, die stalken – meist werden Frauen von ihrem Ex-Partner verfolgt. Es können aber auch Wildfremde zu Stalkern werden. Im Schnitt dauert Stalking zwischen ein- und zweieinhalb Jahre, dabei handelt es sich in der Regel um Einzeltäter aus allen gesellschaftlichen Schichten. Oft werden auch Verwandte und Freunde des Opfers belästigt. Eines haben alle gemeinsam: eine erhöhte Kränkbarkeit, fehlende Empathie, fehlende Bindungs- und Sozialkompetenz.

Massiver Realitätsverlust

Frau schaut eingeschüchtert durch Rolladen
Stalking kann die Opfer krank machen. Die Angst gehört zum Alltag. Quelle: dpa

Manche Stalker haben romantische Motive: Sie wollen ein Herz erobern oder zurückgewinnen. Anderen geht es darum, Angst zu verbreiten und Macht auszuüben. Typisch ist ein massiver Realitätsverlust: „Für den Stalker ist das Opfer „schuld“, er hat kein schlechtes Gewissen. Er will Aufmerksamkeit um jeden Preis“, so die ehemalige Kripo-Kommissarin Sandra Cegla, die heute Stalkingopfer berät. Wenn es um Prominente geht, stecken der Expertin zufolge meist „Identitäts-Vampire“ dahinter, die an der Bedeutung ihrer prominenten Opfer teilhaben wollen, weil sie sich minderwertig fühlen. Häufig haben sie in ihrer Kindheit keine Nähe erlebt.

Ob ein Verfolger auch gewalttätig wird, lässt sich generell nicht sagen. Schätzungen zufolge ist dies bei etwa 20 Prozent der Täter der Fall. Handelt es sich um den Ex-Partner, können die Opfer zumindest rückblickend versuchen, Aufschluss zu bekommen: Gab es früher schon Anzeichen, die auf Gewaltbereitschaft hinweisen? Wenn dies nicht der Fall ist, sollte das Opfer sich fragen, ob der Stalker Waffen besitzt, mit denen er prahlt oder es bereits damit bedroht hat.

Täter können Opfer in den Suizid treiben

Stalking stellt eine große Belastung für die Opfer dar. Sie leiden an einem „erschlagenden Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlustes über das eigene Leben“, sagt Cegla. Das hat nicht nur psychisch verheerende Folgen, sondern kann auch körperlich ernsthaft krank machen. Depressionen, Suizidgefahr, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Magengeschwüre, Herzinfarkt – die Liste der Symptome ist lang.

Sandra Cegla von „SOS Stalking Berlin“ weiß: „Das Stalking wird in der Regel nicht von alleine aufhören, das ist ein Irrglaube, dass das funktionieren könnte. Die Täter leben nach einem anderen Wertesystem als wir, sodass für sie Gerichtsurteile oft nebensächlich sind oder auf Unverständnis stoßen.“ Selbst durch Geld- oder Haftstrafen ließen sie sich nicht abschrecken. Je früher das Opfer selbst aktiv wird, desto besser: „Machen Sie dem Täter laut und unmissverständlich klar, dass er mit der Belästigung aufhören soll“, rät die Expertin. Danach sollte das Opfer den Verfolger völlig ignorieren – jedes Anzeichen von Gesprächsbereitschaft könnte missverstanden werden. Der Verfolgte sollte außerdem Freunde, Nachbarn und Verwandte über die Situation informieren.

Schutz für Opfer

Seit 2007 ist Stalking in Deutschland ein eigener Straftatbestand: Für die „beharrliche Nachstellung“ kann eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe, etwa nach Verstößen gegen eine einstweilige Verfügung, verhängt werden – in be-sonders schweren Fällen, etwa wenn der Täter das Opfer in Todesgefahr bringt oder die Gesundheit schwer beschädigt, drohen fünf Jahre Haft. Bei Todesfolge gilt eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren.

„Betroffene und Verbände kritisieren seit Jahren, dass die Strafbarkeit nicht allein von den Taten des Stalkers abhängt, sondern davon, ob der „Erfolg“ beim Opfer eingetreten ist, es in seiner Lebensqualität zu beeinträchtigen“, so Cegla. Um das festzustellen, werde meist nur ein Umzug oder ein Jobwechsel als Beweis anerkannt. „Wie stark jemand jedoch in seiner Lebensqualität eingeschränkt ist, ist höchst subjektiv. Und es kann nicht sein, dass ein Opfer, das besonders geduldig ausharrt, durch sein Verhalten benachteiligt wird.“

Bald neue Rechtslage

Deshalb will die Bundesregierung noch in diesem Jahr die rechtlichen Hürden senken. Sandra Cegla: „Durch den neuen Gesetzentwurf wird nun das Verhalten des Täters gewertet, das geeignet sein muss, die Lebensqualität des Opfers zu beeinträchtigen. Ich warne aber davor, den neuen Stalking-Paragrafen in seiner Auswirkung überzubewerten. Und dennoch bin ich davon überzeugt, dass er einzelnen Opfern zu Gute kommen wird.“

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