Fruchtig, gehaltvoll, harmonisch

Steffen Schindler über den neuen Weinjahrgang

Verbraucher | Volle Kanne - Fruchtig, gehaltvoll, harmonisch

In allen deutschen Anbaugebieten wird bei dem Weinjahrgang 2015 von Spitzenqualitäten berichtet: Steffen Schindler über gefragte Rebsorten und neue Züchtungstrends.

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8 min
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Video verfügbar bis 28.02.2017, 14:00

Selten hat ein Weinjahrgang so viel Lob erhalten wie der Jahrgang 2015: In allen deutschen Anbaugebieten wird von Spitzenqualitäten berichtet. Auch Weinexperte Steffen Schindler freut sich auf den neuen Jahrgang: „Dank voll ausgereiften und sehr aromatischen Trauben kann man sich auf ausgesprochen fruchtbetonte, harmonische Weißweine und intensive, gehaltvolle Rotweine freuen. Zudem gibt es außergewöhnlich viele hochwertige edelsüße Spezialitäten, von der Auslese bis zur Trockenbeerenauslese.“

Rund neun Millionen Hektoliter Wein – so viel wird der Jahrgang 2015 Schätzungen zufolge bundesweit liefern. Der Ertrag bewegt sich damit auf dem Niveau des zehnjährigen Mittels und nur zwei Prozent unter dem Ertrag aus dem Jahr 2014. „Aufgrund des sehr trockenen Sommers schwanken die Erträge bei den Winzern je nach Wasserspeicherkraft des Bodens und dem Alter der Reben allerdings recht stark“, erklärt Steffen Schindler vom Deutschen Weininstitut.

Auch unter den einzelnen Anbaugebieten zeichnen sich unterschiedliche Ertragssituationen ab: „Während beispielsweise die erwarteten Erntemengen in Baden zwölf Prozent unter dem Durchschnitt liegen, rechnet man etwa in der Pfalz oder an der Nahe fast mit einem Normalertrag und in Württemberg, Sachsen sowie am Mittelrhein und an Saale-Unstrut mit einem überdurchschnittlichen Ernteergebnis“, resümiert Schindler.

Trend-Traube Scheurebe

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kreuzte der berühmte Rebzüchter Justus Georg Scheu (der auch die Huxelrebe, die Siegerrebe und die Faberrebe erschuf) im rheinhessischen Alzey einen Riesling mit einer Kreuzung aus Silvaner und Trollinger. Den Sämling pflanzte er 1916, die Nachkommen dieses Sämlings erhielten 1956 Sortenschutz unter dem Namen „Scheurebe“. Ziel des Botanikers war die Züchtung einer Rebsorte, die besonders gut an das eher nördliche Klima in Deutschland angepasst ist und auch mit weniger Sonnenstunden sehr reife und gesunde Trauben produziert. Besonders in den 70er- und 80er-Jahren waren Scheurebe-Weine populär; einige Jahre lang war die Scheurebe sogar die fünftwichtigste deutsche Rebsorte. Süß ausgebaut und mit sehr intensivem Bukett entsprach sie dem Zeitgeschmack und wurde in viele Länder exportiert.

Seitdem ging die Anbaufläche von fast 3700 Hektar auf nur noch 1400 Hektar zurück, doch in den letzten Jahren erlebt die Sorte eine kleine Renaissance. Eine neue Generation von Winzerinnen und Winzern baut die Scheurebe heute eher trocken aus, sodass Weine entstehen, die durch ihr markantes Bukett – Cassis, Pfirsich, reife Birne – eine ernstzunehmende Alternative zur Trendrebsorte Sauvignon Blanc sind. Sie passen besonders gut zu Gerichten, die einerseits eher leicht und fettarm sind, anderseits aber auch sehr intensive Kräuter und Gewürze beinhalten, wie etwa in der arabischen oder in der indischen Küche. Scheurebe-Weine sind meist blass- oder strohgelb, als Spätlese oder noch süßer ausgebaut dann auch intensiv goldgelb. Gut gekühlt und leicht im Alkohol, sind sie eine angenehme Erfrischung an einem heißen Sommerabend. In der Pfalz wurde die Scheurebe in diesem Jahr sogar zur „Rebsorte des Jahres 2016“ ausgerufen.

Neue Rotweine

Weinrebe
Die Dornfelder-Traube wurde 1955 erstmals in Deutschland angepflanzt.

„Die Rotweine zählen hierzulande zu den Gewinnern des Jahrgangs 2015“, sagt Steffen Schindler. Dies gilt allen voran für den Spätburgunder, aber auch für die übrigen deutschen Rotweinsorten wie Dornfelder, Lemberger & Co. sowie die internationalen Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah, die immer häufiger in den deutschen Weinbergen zu finden sind. „Der sehr gute Gesundheitszustand der Trauben des 2015er-Jahrgangs, gepaart mit der vollen Reife kam ihnen in besonderem Maße zu Gute. International hat insbesondere der Spätburgunder in den letzten Jahren stark an Ansehen gewonnen“, führt der Weinexperte aus.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Züchter vor neue Aufgaben gestellt: Die Konsumenten wollten immer kräftigere, alkoholische Rotweine mit einer sehr intensiven Farbe. Rote Rebsorten aus dem Mittelmeerraum taten sich schwer im nördlicheren Klima. 1955 wurde im württembergischen Weinsberg die Neuzüchtung Dornfelder erstmals gepflanzt. „Den langen Atem der Rebenzüchter kann man daran abmessen, dass die Rebsorte erst 1980 als eigenständige Sorte, benannt nach dem Gründer der Weinbauschule in Weinsberg, Immanuel Dornfeld, unter Schutz gestellt und vom Bundessortenamt zugelassen wurde“, führt Schindler aus. Seitdem ging es steil bergauf und der Dornfelder ist heute die zweitwichtigste rote Rebsorte in Deutschland – und in jedem Supermarkt zu finden. „Seine weichen Gerbstoffe, sein fruchtbetontes Aroma und seine tiefdunkle Farbe sind in Deutschland ausgesprochen beliebt“, sagt der Weinexperte. Mittlerweile gibt es sogar Roséweine, die aus Dornfeldertrauben gekeltert werden.

Neue Züchtungstrends

Ein Trend sind die sogenannten PIWIs – neue pilzwiderstandsfähige Rebsorten: Bedingt durch die Klimaerwärmung ist es heute möglich, fast jede Rebsorte in Deutschland anzubauen. So wurde 1967 im Geilweilerhof in der Südpfalz die rote Rebsorte Regent gezüchtet, die weitestgehend gegen den falschen Mehltau resistent ist. Sie ist dem Dornfelder ähnlich und besticht durch eine intensive Farbe und ein kräftig-fruchtiges Bukett. „Sie bringt aber auch den Vorteil mit sich, dass der Winzer weniger chemischen Pflanzenschutz betreiben muss“, erklärt Schindler.

Besonders ökologisch arbeitende Winzer schätzen diese Rebsorte genauso wie zum Beispiel den weißen Cabernet Blanc, der 1990 in Neustadt an der Weinstraße in der Pfalz gezüchtet wurde und erst seit 2010 weitere Verbreitung findet. Andere moderne pilzwiderstandsfähige Rebsorten sind zum Beispiel Solaris, Johanniter oder Phoenix. „PIWIs, wie sie in Fachkreisen genannt werden, machen heute etwa zwei Prozent der deutschen Weinproduktion aus“, sagt der Weinexperte.

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