Übertherapie am Lebensende?

Probleme mit der Patientenverfügung

Verbraucher | Volle Kanne - Übertherapie am Lebensende?

Wenn Patientenverfügungen ignoriert und sterbensranke Patienten weiter therapiert werden, ist das ein gutes Geschäft für das Krankenhaus. Palliativmediziner Matthias Thöns prangert diese Praxis an.

Beitragslänge:
12 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.09.2017, 14:00

Eigentlich sollte sie jeder haben, doch viele schieben das Thema vor sich her: Und selbst wer eine Patientenverfügung verfasst hat, ist nicht auf der sicheren Seite. Sind die Formulierungen zu allgemein, erweist sich eine Verfügung im Ernstfall als ungültig. Dass sterbenskranke Patienten mit teurer Technik therapiert werden, ist laut dem Palliativmediziner Matthias Thöns vor allem ein gutes Geschäft für die Kliniken.

Patientenverfügungen müssen ganz konkret formuliert sein. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) in einem Urteil im August dieses Jahres entschieden (Az.: XII ZB 61/16). In dem verhandelten Fall ging es um eine Frau, die nach einem Hirnschlag in einem Pflegeheim untergebracht und wegen mehrerer epileptischer Anfälle nicht mehr ansprechbar war. In zwei identischen Patientenverfügungen aus den Jahren 2003 und 2011 hatte sie festgelegt, dass im Falle eines schweren Dauerschadens ihres Gehirns "lebensverlängernde Maßnahmen unterbleiben" sollten. Zudem existierte eine notarielle Generalvollmacht für eine der Töchter, in der die Mutter ebenfalls verfügt hatte, dass sie bei einer unheilbaren Erkrankung keine lebensverlängernden Maßnahmen möchte, wenn eine Besserung des Zustands nicht zu erwarten sei. Als die Mutter künstlich ernährt werden sollte, waren die Töchter uneinig darüber, ob der Wille der Mutter damit missachtet würde.

BGH: Verfügung war unzureichend

Der BGH hielt die Patientenverfügungen der Frau für unzureichend. Die Formulierung "keine lebenserhaltenden Maßnahmen" sei viel zu unkonkret. Es müssten klar bestimmte ärztliche Maßnahmen, ein Bezug zu konkreten Erkrankungen oder Behandlungssituationen benannt werden. Die Patientenverfügung sowie die ebenfalls vorliegende notarielle Vorsorgevollmacht seien fehlerhaft. So habe die Mutter nicht geäußert, dass sie den Abbruch einer künstlichen Ernährung in einer bestimmten Behandlungssituation wünsche.

Eine Patientenverfügung sei nur dann bindend, wenn ihr konkrete Entscheidungen über ein Ja oder ein Nein zu ärztlichen Maßnahmen entnommen werden könne, urteilte der Bundesgerichtshof.

Patientenverfügung überprüfen

In einer Patientenverfügung können Menschen die gewünschte Behandlung festlegen für den Fall, dass sie sich nicht mehr selbst äußern können. In einer Vorsorgevollmacht können sie bestimmen, welche Person ihre rechtlichen Angelegenheiten regeln soll, wenn sie selbst dazu nicht mehr in der Lage sind. Nach Angaben der Deutsche Stiftung Patientenschutz haben rund 30 Prozent der Bürger eine Patientenverfügung verfasst.

Nach dem BGH-Urteil riet die Stiftung ihnen dazu, ihre Verfügungen zu überprüfen. Der Vorstand der Stiftung, Eugen Brysch, hatte grundsätzlich aber begrüßt, dass der Bundesgerichtshof mit seinem Beschluss für Klarheit gesorgt habe. Formulierungen in den Patientenverfügungen müssten hinreichend konkret sein, betonte er. Ankreuzformulare reichten nicht aus.

Das Geschäft mit der Hoffnung

Der Palliativmediziner Matthias Thöns zeichnet indes ein erschreckendes Bild über die Praxis in deutschen Krankenhäusern. In seinem Buch „Patient ohne Verfügung – das Geschäft mit dem Lebensende“ kritisiert er, dass Kliniken bei sterbenskranken Menschen Therapien durchführen, die den Patienten gar nichts mehr nützen. Der Grund: „Operationen, Apparatemedizin und Krebstherapie werden über die Maßen gut bezahlt“, so der Mediziner.

Thöns spricht von einem Geschäft mit der Hoffnung: „Wenn man einem Sterbenskranken sagt, diese oder jene Therapie kann ihm noch ‚gute Jahre‘ schenken, dann lässt man das natürlich über sich ergehen.“ Patientenverfügungen würden teilweise einfach übergangen: „Man beachtet sie schlicht nicht, man behauptet, die Situation passe nicht zur Verfügung oder man bedrängt die Angehörigen wieder mit falscher Hoffnung.“

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet