Schlaganfall im Mutterleib

Erste Symptome richtig deuten

Verbraucher | Volle Kanne - Schlaganfall im Mutterleib

Nach aktuellen Schätzungen gibt es jährlich zwischen 300 bis 500 Schlaganfälle bei Kindern. Bei einem Drittel passiert der Schlaganfall während der Geburt, kurz danach oder sogar noch im Mutterleib.

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Video verfügbar bis 09.05.2017, 10:05

Nach aktuellen Schätzungen gibt es zwischen 300 und  500 Schlaganfällen bei Kindern pro Jahr. Ungefähr ein Drittel sind sogenannte perinatale Schlaganfälle. Das bedeutet, sie ereignen sich während oder kurz nach der Geburt oder sogar noch im Mutterleib vor der Geburt. Insgesamt kommt das relativ selten vor und trifft nur eins von 4000 Neugeborenen. Das kindliche Gehirn hat dann zum Glück gute Chancen, sich neu zu organisieren.

Bekannte Auslöser für den perinatalen Schlaganfall sind Gerinnungsstörungen bei Mutter oder Kind. Das heißt, das Blut fließt aus verschiedenen Gründen nicht ganz so flüssig und geschmeidig durch die Gefäße wie bei gesunden Menschen.

Ebenfalls bekannt als Ursache sind Herzfehler und Herzerkrankungen. Unabhängig davon haben alle Föten und Neugeborenen eine Öffnung zwischen der rechten und linken Herzseite. Denn im Mutterleib wird das Blut an der Lunge vorbeigeschleust, weil noch kein Gasaustausch stattfindet. Kurz nach der Geburt schließt sich dieses Loch. Beim gesunden Erwachsenen gelangt ein Thrombus (Blutgerinnsel) deshalb nicht auf die linke Seite des Herzens, die das Blut ins Hirn pumpt. Stattdessen wird dieser in der Lunge herausgefiltert. Bei Ungeborenen kann ein solches Gerinnsel jedoch auf die linke Seite geraten und ins Hirn schießen. So kommt es zum perinatalen Schlaganfall.

Weitere mögliche Ursachen sind Infektionen oder die Unterversorgung der Plazenta mit Sauerstoff, zum Beispiel ausgelöst durch Rauchen in der Schwangerschaft. In vielen Fällen lässt sich die Ursache aber trotz umfangreicher Analysen nicht feststellen.

Symptome bei Neugeborenen schwer zu erkennen

Krampft ein Neugeborenes kurz nach der Geburt, kann das ein Hinweis für einen perinatalen Schlaganfall sein. Doch oft werden die Symptome nicht bemerkt. Betroffene Babys fallen dann erst nach vier bis sechs Monaten auf, wenn die Hände verkrampft sind, sich nicht richtig schließen, wenn sie nur mit einer Hand greifen oder einseitig strampeln. Die Kinderneurologin Constanze Reutlinger bestätigt: "Wenn das Kind nicht mit beiden Händen greift, also nur eine Hand zum Mund geht, dann ist das ein Zeichen für einen Schlaganfall. Denn Säuglinge haben keine bevorzugte Hand. Das ist ein Warnsymptom." Denn wie beim Erwachsenen ist meist die Motorik betroffen. Das Baby kann eine Körperhälfte nicht richtig benutzen, manchmal hängt auch die betroffene Gesichtshälfte leicht nach unten. Mediziner sprechen dann von einer Hemiparese.

Meist bemerken die Eltern diese Besonderheiten sehr früh. Doch weil der perinatale Schlaganfall so selten vorkommt, werden sie manchmal vom Kinderarzt beschwichtigt oder als überbehütend eingeschätzt. Je nachdem welches Hirnareal geschädigt ist, können weitere Funktionen wie das Sprachzentrum, das räumliche Denken und andere Fähigkeiten betroffen sein.

Kindergehirne können sich leichter reorganisieren

Das Gehirn eines Babys baut sich während der Entwicklung im Mutterleib Schicht für Schicht auf. Neuroradiologen können so anhand eines MRT-Bildes vom Gehirn noch Jahre nach der Geburt feststellen, in welchem Schwangerschaftsmonat sich der Schlaganfall ereignete. Denn er hinterlässt eine „Narbe“ im Gehirn, die sich später mit Flüssigkeit füllt.

Das frühkindliche Gehirn bietet gute Chancen sich neu zu organisieren. Das heißt: andere Hirnbereiche übernehmen die Aufgaben des gestörten Areals. Allerdings nimmt diese Fähigkeit mit zunehmendem Alter ab. Deshalb ist es wichtig, die Kinder so früh wie möglich sowohl motorisch als auch geistig zu fördern. Man muss sie spielerisch immer wieder dazu auffordern, die betroffene Körperhälfte aktiv zu nutzen, damit sich neue Verknüpfungen im Gehirn bilden können.

Genauso wichtig sind aber auch Therapiepausen. Denn die kleinen Patienten haben ihr „Handicap“ schon seit der Geburt und empfinden es nicht als Mangel oder Defizit. Erfahrungsgemäß kommen betroffene Kinder im Alltag später ganz gut zurecht, auch wenn nicht alle Einschränkungen komplett therapiert werden können.

Therapien bei Erwachsenen

Erste Behandlungsmaßnahme um das verschlossene Gefäß wieder zu öffnen, ist die intravenöse Lyse. Dabei wird das Gerinnsel mithilfe eines Medikaments aufgelöst. Es setzt körpereigene Enzyme in Gang, die den Thrombus an Ort und Stelle abbauen sollen. Die Methode hat sich bewährt, insbesondere auch bei den leichteren bis mittelschwer betroffenen Patienten. Sie wird jedoch optimalerweise nur innerhalb von vier bis fünf Stunden nach den ersten Ausfallerscheinungen eingesetzt.

Seit rund zehn Jahren können Blutgerinnsel im Gehirn auch mittels eines winzigen Schlauches, dem Katheter, aus Gefäßen entfernt werden. Dies ist dann sinnvoll, wenn die medikamentöse Behandlung nicht ausreicht. Dieses Verfahren zur mechanischen Rekanalisation nennt man Thrombektomie oder endovaskuläre Therapie.

Gute Therapie-Kombination

Mehrere internationale Studien belegen, dass die Thrombektomie in Kombination mit der bekannten Thrombolysetherapie den Gesundheitszustand einiger Patienten nachhaltig verbessern kann. Dazu gehören auch jene, bei denen schon viel Zeit verstrichen ist, bevor die Behandlung beginnt.

Experten halten die Thrombektomie mittlerweile für sehr vielversprechend. Sie wird in Ergänzung zur Lyse angewendet, kann sie aber nicht ersetzen. Heute wird meist unverzüglich mit der Lyse begonnen, um im Falle des Verschluss einer großen hirnversorgenden Arterie mit schweren Ausfällen die mechanische Rekanalisation einzuleiten.

Derzeit kommen maximal zehn Prozent aller Schlaganfallpatienten für dieses Vorgehen in Frage. Diese müssen so schwer betroffen sein, dass der zu erwartende Erfolg die Therapie rechtfertigt – denn der Eingriff ist im Vergleich sowohl komplizierter als auch langwieriger und birgt ein nicht zu unterschätzendes Risiko.

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