Wie auf rechte Parolen reagieren?

Wann Widerspruch möglich, nötig und sinnvoll ist

Verbraucher | Volle Kanne - Wie auf rechte Parolen reagieren?

In der Diskussion um Flüchtlinge tauchen immer wieder polemische und menschenverachtende Parolen auf. Soll man diese Parolen ignorieren oder darauf reagieren?

Beitragslänge:
11 min
Datum:
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Video verfügbar bis 05.07.2017, 14:00

Ausländerfeindliche und rechtsextreme Aussagen nehmen nicht nur zu, sie werden auch wieder laut geäußert, sind zunehmend "gesellschaftsfähig". Wie aber soll man reagieren, wenn im Bus oder beim Metzger offen rumgepöbelt wird? Wann ist Widerspruch möglich, nötig und sinnvoll?

Rechte Pöbeleien sind weit verbreitet. Ob beim Bäcker, der Wirtschaft um die Ecke und sogar auch im Familien- und Freundeskreis - jeder bekommt sie zu hören, ob man möchte oder nicht. Und da sie mittlerweile lautstark mitgeteilt werden, gibt es auch kein Entkommen. "Ich habe nichts dagegen, aber…" -  diesen Satzanfang bezeichnet Prof. Klaus-Peter Hufer als Einflugschneise. Der Politik- und Bildungswissenschaftler von der Uni Duisburg-Essen beschäftigt sich seit langem mit rechten Parolen und weiß, welche Vorbehalte dann tatsächlich ausgepackt werden. Nämlich all das, was man doch hat gegen Asylbewerber, die Asylbetrüger sind, Flüchtlinge, die nur Wirtschaftsflüchtlinge sind, Homosexuelle, die sowieso hier nicht reinpassen und Arbeitslose, die nur Drückeberger sind.

"Ich hab nichts dagegen, aber ich bin nicht der Meinung, dass wir das akzeptieren sollten," damit fängt es an und setzt sich nach Hufers Erfahrung fort in vehementeren und radikaleren Varianten, die immer häufiger in unverhohlenem Rassismus gipfeln. Und diese Haltung findet man mitunter auch in den einschlägigen Programmen der rechtsextremistischen Gruppen und Kameradschaften wieder. "Rechtsextremismus, darüber sind sich alle einig, die sich damit wissenschaftlich beschäftigen, ist kein Phänomen am Rande der Gesellschaft, sondern der Mitte der Gesellschaft", so der Politikwissenschaftler. Und der fängt im Alltag an, mit eben solchen Parolen. Dabei gab es diese Pöbeleien schon immer. "Stammtischparolen" - das ist fast schon ein historischer Begriff. Zurzeit nehmen sie stark zu.

Das bestätigt Klaus-Peter Hufer: "Parolen werden immer häufiger verwendet, weil die Fremdenfeindlichkeit wächst. Seitdem die geflüchteten Menschen hier hinzukommen, nimmt auch der blanke, fremdenfeindliche Rassismus zu", so Prof. Klaus-Peter Hufer. Rechte Parolen sind eine Facette davon.

Reagieren ist wichtig

Pöbeleien kommen plötzlich, überraschend, unerwartet und überfallartig. Und schnell fühlt man sich ohnmächtig, steht unter Druck, ist möglicherweise aufgeregt und hat vielleicht auch Angst, zumal die Situationen auch mit Gewalt aufgeladen sein können. "Dann hat man den Druck, dagegenzuhalten, möchte etwas Vernünftiges sagen, das macht vielen Menschen große Probleme", so Hufer.

Zusätzlich als schwierig erweist sich die extrem kurze Halbwertszeit. Denn blitzschnell ist der Moment vorbei, in dem man glaubt, reagieren zu müssen. Und weil in dem kurzen Zeitraum nichts einfällt, hält man eben den Mund. Und das ist etwas, was man sich nicht verzeiht. "Das Schweigen hat nichts mit Versagen zu tun. Auch wenn es häufig so empfunden wird. Sondern das liegt einfach in der Struktur der Sache und auch an der Gewalt, mit der diese Sprüche geäußert werden."

Position beziehen und dagegen halten

Dabei ist es wichtig, zumindest "etwas" zu sagen. Das muss nicht perfekt und nicht vollkommen sein, Hauptsache man bezieht Position und hält dagegen – lautet die eindeutige Empfehlung des Erwachsenenbildners. Auch um sich danach nicht schlecht fühlen zu müssen. Wobei fast jede Reaktion gut genug ist.

Das kann auch heißen, sich zu jemandem zu begeben, der angepöbelt wird, ihm zu signalisieren, "du bist nicht alleine". Die Möglichkeit nutzen, Solidarität zu organisieren – auch das ist eine angemessene Reaktion. Wichtig ist, bei allem Engagement, sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. "Heldentum ist Quatsch. Es geht darum, ein Mensch zu sein, der bereit ist, Demokratie, Humanität und Menschenrechte zu verteidigen - und das im Rahmen der eigenen Möglichkeiten," sagt Hufer.

Reaktionen bewirken

Wer auf der anderen Seite keinen Widerstand erfährt, erhält indirekte Unterstützung, zumindest könnte man das als solche verstehen. Dann setzen sich diese Parolen als erfolgreich durch, empfinden sich deren Nutzer als diejenigen, die sich behaupten konnten. Und das schafft Anerkennung. Auch deshalb ist es wichtig, sie nicht unkommentiert stehenzulassen. "Der Widerspruch schafft zumindest Irritationen bei denjenigen, die nicht ganz entschlossen sind, die auf der Kippe stehen, nicht ganz hinter den Parolen stehen. Bei den Unentschlossenen führt das unter Umständen zu einem Umdenken, Neudenken und dann auch einer Ablehnung dieser Parolen," so Hufer.

Das Argumentations-Training

Die Mitglieder der Initiative Arsch Huh – Zäng ussenander aus Köln müssen sich tagtäglich mit solchen Parolen auseinandersetzen. Da sie so klar und dezidiert gegen Rechts auftreten, bekommen sie starken Gegenwind. So befindet sich auf der Onlineseite das ganze Spektrum der Reaktionen: angefangen bei allen Facetten rechter Parolen bis hin zu Gewaltandrohungen – alles ist dabei. Und auch auf den Veranstaltungen werden sie häufig angepöbelt. Und obwohl sie das immer wieder erleben, sind sie immer wieder überrascht und erschüttert von dem blanken und unverhohlenen Hass, der ihnen entgegenschlägt.

"Da sitzen wir über zwanzig Jahre nach der Gründung von 'Arsch Huh' zusammen und es ist schlimmer als zuvor", entsetzt sich Marion Radtke, Schauspielerin und Sängerin. Das Kölner Original lässt sich immer wieder auf Diskussionen ein. Als Hundehalterin fällt ihr das nicht schwer, da kommt man schnell ins Gespräch. Und schnell werden rassistische Parolen genutzt, da fragt sie immer wieder nach, zwingt die Menschen konkret zu werden, bis diese sich in Widersprüche verwickeln. Und trotzdem bleibt sie mit den Menschen in Verbindung, wertet sie nicht ab. Bleibt eben sie selbst.

Reagieren - aber wie?

"Vorbildlich", bescheinigt Prof. Hufer ihrer Vorgehensweise. Während eines Intensivtrainings in der Kölner Akademie gibt er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern Werkzeuge an die Hand, mit denen sie sich noch besser wappnen können. Nicht ausgrenzend, sondern zugewandt reagieren. Damit werden Brücken gebaut. Auch intervenieren ist möglich, im Stile von „jetzt halt' aber mal die Luft an, was ist denn heute los mit dir?“ – um den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und auch Grenzen setzen ist richtig, beispielsweise wenn jemand Auschwitz leugnet.

Ganz besonders wichtig ist es, auch in dieser Ausnahmesituation authentisch zu bleiben. Das kann auch heißen, mit Witz und Ironie zu reagieren und sich nicht frustriert zu fühlen, weil man den Eindruck hat, nichts geändert zu haben. "Ein Gespräch ist nie zu Ende, wenn es formal beendet ist. Es gibt eine längerfristige Wirkung und die zählt – auch wenn man sie nicht direkt mitbekommt."

Eigene Wirkung nicht unterschätzen

Die eigene Wirkung sollte man nicht unterschätzen. Wer sympathisch rüberkommt, ist attraktiv. So wie die Mitglieder der Initiative Arsch Huh, die natürlich schon wissen, dass sie mit ihrer Aktionen in den Schulen und auf Bühnen viel bewegen. Trotzdem ist es für sie gut zu hören, dass sie auch Identifikation anbieten, die wirkt und nachhält. Indem sie sich positionieren, schaffen sie bei vielen Irritationen, die möglicherweise von Rechts hätten eingefangen werden können. Und damit geben sie ein demokratisches Angebot, sich hier einzureihen und zumindest gedanklich mitzumachen.

Es gibt kein Patentrezept außer "einfach tun"

Zu erfahren, dass es anderen auch so geht, dass sie manchmal ebenso ohnmächtig sind und dass es dazugehört, manchmal nicht angemessen reagieren zu können, ist eine durchaus erleichternde Rückmeldung. Für Marion Radtke gehört das zu den wesentlichen Erkenntnissen des Argumentationstrainings: "Man ist auf der Bühne, man moderiert, man hat Esprit, einem sollte etwas einfallen – meint man zumindest. Ich nehme mit, dass ich nicht alleine damit bin, dass mir das Reagieren schwer fällt. Gut zu wissen, dass die anderen sich auch damit schwer tun."

Damit ändert sich längerfristig auch die Bereitschaft hinzuhören und hinzuschauen, nicht wegzuschauen. Und der Mut wächst, dagegenzuhalten, es einfach mal auszuprobieren. Das wiederum schafft individuelle, persönliche Erfolgserlebnisse. "Man tut für sich selbst etwas Gutes, weil man nicht klammheimlich davongegangen ist. Denn das Gefühl, nichts gesagt zu haben, ist ein beschämendes Gefühl. Das habe ich selbst auch schon mal erlebt." Anstelle von Scham und Ohnmacht wachsen Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Und das fühlt sich auch einfach gut an. In dem Sinne: Arsch Huh und Zäng ussenander!

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