Neue Arzneimittel: Des Guten zu viel?

Kassen, Pharmaunternehmen und die Nutzenbewertung

Verbraucher | Volle Kanne - Neue Arzneimittel: Des Guten zu viel?

Das Geschäft mit Medikamenten ist lukrativ. Kein Wunder, dass ständig neue Präparate auf den Markt drängen. Sind sie wirklich nötig? Medizinjournalist Dr. Christoph Specht klärt auf.

Beitragslänge:
8 min
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Video verfügbar bis 16.02.2017, 10:25

Dem jährlichen Bericht der DAK zufolge hat nur jedes zweite neu eingeführte Arzneimittel, das den Versicherten der Kasse verschrieben wird, einen zusätzlichen Nutzen gegenüber altbewährten, bereits zugelassenen Medikamenten. Mit dem Bericht geht die Diskussion zwischen Krankenkassen und Pharmaindustrie über die Notwendigkeit und die Kosten neuer Medikamente in die nächste Runde.

Es ist ein milliardenschweres Geschäft: Weit über 30 Milliarden Euro haben die gesetzlichen Krankenkassen im letzten Jahr für Arzneimittel ausgegeben. Die Pharmaunternehmen bringen jedes Jahr zahlreiche neue Präparate auf den Markt. Doch deren Notwendigkeit ist nicht in jedem Fall unumstritten. Häufig kommen Präparate auf den Markt, die ähnlich oder identisch wie bereits existierende Medikamente wirken. Experten sehen darin primär ein Interesse der Pharmaindustrie, sich Vorteile auf einem hart umkämpften Markt zu sichern.

Zusatznutzen wird beurteilt

Die ersten zwölf Monate nach der Zulassung können die Unternehmen ihre Preise für ein neues Medikament relativ frei festsetzen. So sollen die teilweise immensen Entwicklungskosten reingeholt werden. Die Folge: Die neuen Medikamente sind oft weitaus teurer als bisherige Produkte. Innerhalb dieser ersten zwölf Monate müssen die Pharmafirmen dann den endgültigen Preis, der nach der Frist gelten soll, mit den Krankenkassen aushandeln.

In diesem Zeitraum erfolgt auch die Nutzenbewertung des Präparats durch den Gemeinsamen Bundesausschuss, dem höchsten Gremium aus Ärzten und Krankenkassen. In dem Gremium wird bewertet, ob dem Patienten durch das neue Medikament ein relevanter therapeutischer Effekt entsteht, der über den Nutzen bereits vorhandener Medikamente hinausgeht und ausschlaggebend für die Preisgestaltung nach den ersten zwölf Monaten sein kann. Diese Bewertung dient quasi als Grundlage für die Preisverhandlungen mit den Pharmafirmen.

Die Bewertung

Erkennt das Gremium keinen Zusatznutzen, bedeutet dies für den Hersteller, dass das neue Präparat nicht besser vergütet wird als das vergleichbare Vorgängerprodukt. Für die Hersteller ist dies nicht sonderlich attraktiv. So kam es schon vor, dass Pharmafirmen bereits zugelassene Präparate wieder vom deutschen Markt genommen haben. Oft wird aus methodischen Gründen kein Zusatznutzen bescheinigt, zum Beispiel weil die eingereichten Studien nicht die erforderliche Qualität haben.

Die Bescheinigung des Zusatznutzens darf nicht mit der Beurteilung der Wirksamkeit oder Sicherheit verwechselt werden, denn diese Prüfung ist bereits bei der Zulassung erfolgt. Ein Präparat ohne anerkannten Zusatznutzen kann dem Patienten unter Umständen also trotzdem helfen. Allerdings wird die Nutzenbewertung auch nicht automatisch im Interesse des Patienten durchgeführt. Dieser könnte beispielsweise ein Medikament, das bislang nur durch Spritzen verabreicht werden konnte, nun aber als Tablette erhältlich ist, durchaus als Präparat mit Zusatznutzen einstufen. Tatsächlich hat dies bei gleicher Wirksamkeit beider Präparate aber keine Auswirkungen auf die Bewertung.

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