WISO-Tipp: Erwerbsunfähigkeit

Wie Sie sich finanziell absichern können

Junger Mann sitzt am Wohnzimmertisch und vergleicht Versicherungsangebote

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Wer auf das Einkommen aus seiner Arbeit angewiesen ist, sollte sich überlegen, die eigene Arbeitskraft zu versichern. Zur privaten Absicherung gibt es mehrere Möglichkeiten – wir zeigen Ihnen, auf was Sie achten müssen.

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Video verfügbar ab 05.12.2016, 19:25

Bis Ende 2000 gab es in Deutschland einen Berufsunfähigkeitsschutz der gesetzlichen Rentenversicherung. Wegen der angespannten Lage der Rentenkassen, beschloss die Regierung Schröder damals eine Rentenreform und seitdem gilt: Wer nach 1961 geboren wurde, kann nur mit großen finanziellen Einbußen vorzeitig in Rente gehen – selbst bei Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit.

Wer also auf das Einkommen seiner Arbeit angewiesen ist, muss sich überlegen, ob er sich nicht gegen eine mögliche Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit absichern sollte. Denn ist man nicht privat versichert, fällt irgendwann die Unterstützung auf das staatliche Mindestmaß – und das bedeutet im schlimmsten Fall Hartz IV.

Angestellte haben's leichter

Angestellte haben es im Falle einer Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit etwas leichter als Selbstständige. Denn: Fallen Sie als Angestellter wegen Krankheit oder Unfall am Arbeitsplatz aus, zahlt zunächst der Arbeitgeber das Gehalt für sechs Wochen fort. Egal, was auch passiert – nach Ablauf der sechs Wochen springt die gesetzliche Krankenversicherung ein. Die zahlt allerdings nur für maximal 72 Wochen – und das auch nur, wenn absehbar ist, dass der Patient wieder in seinen Beruf zurückkehren kann.

Bäcker mit Mehl-Allergie

Christian Blum ist festangestellter Versicherungs-Makler in einer unabhängigen Frankfurter Agentur. Das eindrücklichste Beispiel aus seiner Erfahrung ist ein Bäcker, der eine Mehl-Allergie entwickelt hat. Bei ihm ist – so Blum – „einfach absehbar, dass er kaum noch als Bäcker arbeiten kann“.

In einem solchen Fall, leitet die Krankenversicherung die nächsten Schritte ein: Der Bäcker würde als berufsunfähig eingestuft und würde nicht mehr in die Backstube zurückkehren. Das heißt aber nicht, dass er arbeits- oder gar erwerbsunfähig wäre.

Der Berufsunfähige, der nicht privat vorgesorgt hat, kann nun immer noch einen anderen Job ergreifen oder möglichweise in einem anderen Bereich seines bisherigen Arbeitgebers unterkommen. Am besten wären hier frühzeitige Gespräche mit Ihrer Krankenkasse, der Agentur für Arbeit und Ihrem Arbeitgeber. Für Erwerbsunfähige sieht die Sache schon schlimmer aus. Nach der Krankenkasse kann eventuell noch das Arbeitslosengeld I in Anspruch genommen werden, aber das in der Regel auch nur für ein Jahr. Danach fällt der Betreffende auf einen Hartz IV-Regelsatz zurück.

Um sich privat gegen die Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit abzusichern, gibt es mehrere Möglichkeiten:

Wie teuer sind die Versicherungen?

Die Kosten für alle diese Versicherungen hängen davon ab, wie alt der Versicherte bei Abschluss des Vertrages ist, als wie risikobehaftet der Beruf gilt und wie der Gesundheitszustand ist.

Ein gesunder 30-Jähriger mit Bürotätigkeit kann sich schon ab 55 Euro im Monat recht gut versichern. Recht gut hieße hier: Laufzeit bis zum 65. Lebensjahr bei einer monatlichen BU-Rente von 1500 Euro. Selbst bei teuren Gesellschaften sollte man hier nicht mehr als 90 Euro monatlich investieren.

Ganz anders sieht es da schon bei Menschen über 45 aus. In diesem Alter beginnen gute und seriöse Versicherungen ab etwa 140 Euro monatlich. Dabei wird aber von einer höheren BU-Rente von ca 2000 bis 2500 Euro im Monat ausgegangen, denn ältere Arbeitnehmer neigen dazu, sich höher abzusichern.

Hohes körperliches oder psychisches Risiko

Noch teurer wird es für Berufe mit einem hohen körperlichen oder psychischen Risiko. Dachdecker, Gerüstbauer, Maurer und Polizisten gelten als körperlich riskante Berufe – Lehrer und Investmentbanker gelten als sehr anfällig für Burn-Out und Depressionen. Hier können BU-Versicherungen schnell 300 bis 400 Euro im Monat kosten.

Versicherungsexperte Christian Blum rät in diesen Fällen: „Beobachten Sie den Markt genau und holen Sie sich mehrere Angebote ein. Es gibt beispielsweise Versicherungen, die auf Lehrer spezialisiert sind und deren Policen weitaus günstiger ausfallen können.“

Bei Abschluss einer Versicherung folgendes beachten

  1. Beantworten Sie alle Gesundheitsfragen wahrheitsgemäß. Verschweigen Sie Vorerkrankungen, kann der Versicherer im schlimmsten Fall die Auszahlung verweigern
  2. Wichtig: Achten Sie bei Vertragsabschluss darauf, dass die sogenannte „Abstrakte Verweisung“ ausdrücklich ausgeschlossen wird. Ist das nicht der Fall, könnte der Versicherer Sie im Zweifelsfall dazu zwingen, in einem anderen Beruf zu arbeiten – anstatt Ihnen Rente zu zahlen!
  3. Vereinbaren Sie eine möglichst lange Laufzeit. Die BU-Rente läuft nur bis zur gesetzlichen Altersrente. Versichern Sie sich also so lange wie möglich: Meist reicht allerdings eine Vertragslaufzeit bis zum 65 Lebensjahr. Achtung: Eine Police bis zum 67. Lebensjahr ist oft bis zu 15 Prozent teurer.
  4. Vereinbaren Sie eine Dynamik! Damit steigen zwar die Beiträge pro Jahr, aber Sie erhöhen auch Ihre BU-Rente und gleichen Wertverlust durch Inflation aus.

Unser Tipp: Lassen Sie sich beim Ausfüllen des Antrags am besten von einem Profi unterstützen. Viele Verbraucherzentralen haben Experten zum Thema Berufsunfähigkeit und auch unabhängige Versicherungsmakler können weiterhelfen. Das sind Personen, die an keine Versicherungsgesellschaft gebunden sind und damit unabhängig beraten.

Psyche ist häufigster Grund für Berufsunfähigkeit

Vor gut 20 Jahren waren Erkrankungen an Muskulatur und Skelett noch die häufigsten Ursachen für Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit. Vor allem Bandscheibenvorfälle und über die Jahre stark belastete Gelenke machten Arbeitnehmern noch wesentlich mehr zu schaffen. Seitdem hat sich die Arbeitswelt immer weiter in Richtung Bürotätigkeit und Technisierung verschoben. Die Versicherten mit körperlichen Ursachen stellen zwar noch immer fast ein Viertel aller Fälle der Berufsunfähigkeit, so die Analyse-Agentur Morgen & Morgen. Platz eins nehmen nun aber die psychischen Erkrankungen wie Depressionen und vor allem Burn-Out ein. Je nach Quelle führt man zwischen 30 und 40 Prozent aller Fälle darauf zurück

Erstaunlich: Nur 10 Prozent der Berufs- und Erwerbslosigkeitsfälle sind auf Unfälle zurückzuführen.

Grund sind, so die Experten, zum einen die inzwischen gut und flächendeckend ausgebauten Programme zum Arbeitnehmerschutz und zur Unfallverhütung. Allerdings wurden diese Programme noch nicht genug an die Herausforderungen der momentanen Arbeitswelt angepasst. Dass Büro-Alltag nicht mehr so körperlich anstrengend ist, wie das Leben auf der Baustelle ist zwar allen bewusst, es gibt aber noch nicht so umfassende Vorsorge-Programme, wie die Industrie sie in den 80er und 90er Jahren zum Schutz der Arbeitnehmer umgesetzt hatte.

Wenn Versicherer die Zahlung der Rente verweigert

Dass BU-Versicherungen die ausgemachte Rente nicht auszahlen, kommt recht selten vor. Laut Auswertungen der Ratingagentur Morgen & Morgen werden 74,75 Prozent aller Fälle problemlos bearbeitet und von den Versicherungen bezahlt. Die restlichen Fälle werden von Ombudsleuten und Kommissionen untersucht und auch hier – so der Gesamtverband für Lebensversicherungen –  wird in den meisten Fällen zugunsten der Versicherten entschieden. Dennoch kommt es vor, dass Gesellschaften nicht zahlen wollen.

Dann müssen Sie zunächst herausfinden, woran es liegt. In den meisten Fällen, so Christian Blum, hegen die Gesellschaften ernsthafte Zweifel an den Gesundheitsangaben, die bei Vertragsabschluss gemacht wurden. In jedem Fall aber sollten Sie sich mit Ihrer Versicherung auseinandersetzen.

  1. Kontaktieren Sie einen Experten: Fast jeder unabhängige Versicherungsmakler kann Sie an einen Experten in Ihrer Stadt oder Umgebung verweisen. Das sind meist Versicherungs-Kaufleute oder -Makler, die sich auf die Vermittlung solcher Fälle spezialisiert haben. Der Experte schaut sich die Akten und das Kleingedruckte noch einmal genau an und kann meist schon sehr gute Tipps zum Umgang mit den Streitfällen liefern. Achtung: Solche Spezialisten kosten natürlich Geld und das kann – je nach Fall – einige Tausend Euro kosten.
  2. Kontaktieren Sie einen Versicherungsanwalt: Sollten Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, die solche Fälle abdeckt, lohnt sich auf jeden Fall der Gang zum Versicherungs-Anwalt. Die haben meist große Erfahrung im Umgang mit solchen Streitfällen und erstreiten im Zweifelsfall noch einen Vergleich.
  3. Kontaktieren Sie den Ombudsmann der Versicherung: Jede Versicherungsgesellschaft hat einen sogenannten Ombudsmann oder eine Ombudsfrau. Das ist eine unabhängige Schiedsperson, die bei Zweifeln einspringen und vermitteln kann. Die Versicherung muss Ihnen auf Nachfrage diese Person nennen und auch in ein Ombudsverfahren einwilligen.

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