WISO-Tipp: Änderungen bei der Pflege

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Das alte Pflegesystem gehört bald der Vergangenheit an. Denn der Begriff der Pflegebedürftigkeit wurde neu definiert. Was das bedeutet: In unserem WISO-Tipp!

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.12.2017, 19:25

Fast drei Millionen Menschen in Deutschland gelten aktuell als pflegebedürftig und beziehen Leistungen von der Pflegeversicherung. Je mehr Zeit für die Pflege aufgewendet werden muss, desto höher die Pflegestufe, desto höher die Leistung. Künftig gehört dieses System der Vergangenheit an.

Es geht um das so genannte Pflegestärkungsgesetz II, das ab 01. Januar 2017 wirksam wird: Im vergangenen Jahr wurden Experten wie Pflegefachkräfte, Angestellte in Pflegeeinrichtungen oder Mitarbeiter des Medizinischen Diensts der Krankenkassen auf die Neuerungen vorbereitet. Mit dem bevorstehenden Jahreswechsel werden die Neuerungen dann wirksam und somit für die Betroffenen, also die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen, spürbar.

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff

Im Zentrum der Reform steht eine neue Definition des Begriffs der „Pflegebedürftigkeit“. Ob und wie sehr jemand pflegebedürftig ist, hing bisher davon ab, wie viele Minuten Hilfe derjenige benötigt. Um beispielsweise die so genannte Pflegestufe I zu erhalten, benötigte ein Betroffener mindestens 90 Minuten pro Tag Hilfe bei der so genannten Grundpflege, also der Körperpflege, Ernährung oder Fortbewegung.

Neues Begutachtungssystem

Künftig werden neben körperlichen auch geistige und psychische Beeinträchtigungen beurteilt. Im Zentrum steht dann die Frage, wie selbstständig ein Mensch ist: Was kann derjenige noch oder wobei benötigt er Unterstützung? Untersucht werden fünf verschiedene Module, die jeweils in einer unterschiedlichen Gewichtung in die Begutachtung einfließen.

Dazu gehört zunächst die Frage, inwiefern der Betroffene fähig ist, sich selbst zu versorgen oder zu waschen. Aber auch kognitive Fähigkeiten, wie zu kommunizieren bzw. soziale Kontakte zu pflegen, sollen hinterfragt werden. Zudem wird es künftig eine Rolle spielen, wie der Betroffene seine Krankheit und entsprechende Therapien bewältigt. Hier geht es beispielsweise darum, ob derjenige selbständig seine Medikamente nehmen oder Verbandswechsel vornehmen kann.

Demenzkranke sollen profitieren

Gerade Demenzkranke sollen von diesem neuen System profitieren. Häufig sind Menschen, die an Demenz erkrankt sind, körperlich noch fit, können die so genannte Grundpflege selbst durchführen. Da sie aber schnell die Orientierung verlieren, nicht mehr alleine bleiben oder gar selbstständig leben können, besteht ein hoher Betreuungsaufwand.

Der medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hat für Betroffene eine ausführliche Broschüre in leicht verständlicher Sprache herausgebracht: Broschüre (pdf).

Künftig fünf Pflegegrade

Eine weitere entscheidende Neuerung: Die Pflegegrade. Bisher gab es drei Pflegestufen und die so genannte Pflegestufe 0 für Demenzkranke. Stattdessen gibt es künftig fünf Pflegegrade. Wer bereits eine Pflegestufe hat, wird in den meisten Fällen in den nächst höheren Pflegegrad eingestuft, also bspw. von Pflegestufe 1 in den Pflegegrad 2. Ausnahmen: Wer zusätzlich eine eingeschränkte Alltagskompetenz hat, wird zwei Grade höher eingestuft. Das bedeutet: Wer aktuell die Pflegestufe 0 hat, wird automatisch in den Pflegegrad 2 übergeleitet. Der Pflegegrad 1 wird komplett neu eingeführt. Mehr dazu finden Sie weiter unten.

Der Übergang verläuft automatisch. Wenn Sie bereits eine Pflegestufe haben, müssen Sie keinen neuen Antrag erstellen. Beachten Sie: Niemand wird schlechter gestellt!

Stationäre Pflege

Für Menschen, die in der stationären Pflege untergebracht sind, ändert sich der zu zahlende Eigenanteil: Ab Januar 2017 müssen sie einen einheitlichen Eigenanteil zahlen. Das heißt: Innerhalb eines Heims zahlen dann alle Bewohner den gleichen Beitrag – unabhängig vom Pflegegrad. Wie hoch dieser Eigenanteil ist, kann von Heim zu Heim variieren. Wichtig: Sollte dadurch Ihr Eigenanteil höher werden als bisher, zahlt die Pflegekasse die Differenz.

Häusliche Pflege soll gestärkt werden

Das Bundesministerium für Gesundheit möchte mit dem Pflegestärkungsgesetz vor allem auch die vielen pflegenden Angehörigen stärken – immerhin werden rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen von Angehörigen versorgt. So haben pflegende Angehörige künftig einen Anspruch auf Pflegeberatung und Schulungen.

Wie Sie eine Pflegeberatung und weitere Infos in Ihrer Nähe finden, zeigen die Seiten des Bundesministeriums für Gesundheit.

Neben dem Anspruch auf Unterstützung, soll die soziale Absicherung durch höhere Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung verbessert werden. Damit pflegende Angehörige einen Anspruch auf Rentenbeitragszahlungen haben, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein.

Voraussetzungen für die Pflegerente

  • Die Pflege muss Zuhause stattfinden.
  • Der Pflegebedürftige muss Pflegegrad 2 bis 5 haben.
  • Der Pflegeaufwand muss mindestens zehn Stunden an zwei verschiedenen Tagen pro Woche betragen.
  • Die Pflege findet ehrenamtlich statt – der Pflegende darf jedoch Pflegegeld vom Pflegebedürftigen erhalten.
  • Der Pflegende darf im Haupterwerb höchstens 30 Stunden arbeiten.

Die Beiträge zur Rentenversicherung zahlt die Pflegekasse. Hierzu müssen Sie lediglich einen Fragebogen ausfüllen. Den erhalten Sie entweder bei der Pflegekasse des Versicherten oder dem zuständigen Rentenversicherungsträger.

Antrag vor Umstellung erledigen?

Viele Pflegeversicherte sind dieser Tage verunsichert, ob sie noch vor dem Jahreswechsel einen Antrag auf Leistungen aus der Pflegeversicherung stellen sollen oder lieber danach. Stichtag ist der 31.12.2016. Wer bis einschließlich 31.12.2016 den Antrag abschickt, wird noch nach dem alten System begutachtet werden. Wer ab 01.01.2017 einen Antrag stellt, wird nach dem neuen System begutachtet werden – ganz gleich, wann dann die Begutachtung stattfindet.

Wenn Sie ausschließlich unter körperlichen Einschränkungen leiden und noch keine Pflegestufe haben, dann kann eine Begutachtung nach dem alten System von Vorteil für Sie sein. Tipp: Stellen Sie bis Ende Dezember einen Antrag bei Ihrer Pflegekasse!

Falls Ihr Antrag auf Pflegegeld bislang abgelehnt wurde, sollten Sie nach dem Jahreswechsel erneut einen Antrag stellen! Es könnte sein, dass Sie dann in den neu eingeführten Pflegegrad 1 eingestuft werden und somit erstmals Anspruch auf Leistungen haben.

Der neue Pflegegrad 1

Der Pflegegrad 1 betrifft Sie, wenn Sie geringe motorische Einschränkungen haben, bspw. aufgrund von Gelenkerkrankungen oder wenn Sie im Alltag leichte Unterstützung benötigen, weil Sie unter einer beginnenden Demenz leiden.

Im Pflegegrad 1 haben Sie Anspruch auf 125 Euro im Monat. Dies ist ein sogenannter Erstattungsbetrag. Das bedeutet: Sie können Ihre Rechnungen für Entlastungsleistungen wie Betreuungsgruppen, Putzhilfen oder eine Alltagsbegleitung nachträglich bei der Pflegekasse einreichen. Bis zu 125 Euro pro Monat können Ihnen erstattet werden.

Beachten Sie: Die Leistungen, die Ihnen erstattet werden, müssen von der Pflegekasse als erstattungsfähig anerkannt sein. Erkundigen Sie sich frühzeitig, ob die entsprechende Leistung überhaupt übernommen wird. Im schlimmsten Fall bleiben Sie auf den Kosten sitzen.

Außerdem: Im Pflegerad 1 haben Sie keinen Anspruch auf Pflegegeld für pflegende Angehörige oder Pflegesachleistungen bzw. einen ambulanten Pflegedienst.

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