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Betriebliche Altersvorsorge abschließen?

Pensionskassen kürzen versprochene Renten

von Claudia Krafczyk, Kai Dietrich

Die betriebliche Altersvorsorge wird als ein Standbein für die Rente empfohlen. Doch nicht in jedem Fall lohnt sich ein Abschluss. Wann ist er sinnvoll? Und was passiert, wenn die Pensionskasse die versprochene Betriebsrente nicht mehr zahlen kann?

18 min
18 min
12.07.2021
12.07.2021
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.07.2023

Nicht jeder Arbeitgeber hält für die Beschäftigten von sich aus eine Betriebsrente bereit. Seit 2002 gibt es darum die Möglichkeit einer “Entgeltumwandlung“. Damit ist gemeint, dass ein Teil des Lohns bzw. Gehalts direkt in die betriebliche Altersvorsorge umgeleitet wird.

Der Vorteil: Auf dieses umgeleitete Geld müssen keine Steuern und Sozialabgaben gezahlt werden, so dass mehr in die Altersvorsorge fließen kann. Und: der Arbeitgeber muss diese Art der betrieblichen Altersvorsorge nicht nur ermöglichen, sondern seit 2019 auch mindestens 15% des Arbeitnehmeranteils beisteuern, denn auch er spart durch die Entgeltumwandlung Sozialabgaben.

Nachteil: Steuern und Sozialabgaben fallen in der Auszahlungsphase, also nach Renteneintritt, an. Immerhin: bei den Sozialabgaben gibt es neuerdings einen Freibetrag (2021: 164,50 €). Und: die gesetzliche Rente vermindert sich, da ja zuvor weniger vom Lohn in die Kasse der Deutschen Rentenversicherung geflossen ist. Eine komplizierte Rechnung also, die noch komplizierter wird, wenn man Faktoren wie Zuschusshöhe des Arbeitgebers oder die Qualität des Versicherungsvertrags mit einbezieht.

Neuer Arbeitgeber: Betriebsrente abschließen?

Um herauszufinden, für wen es sich lohnt, hat WISO drei Freunde „erfunden“: alle 30 Jahre alt, und alle haben zufälligerweise gerade alle den Arbeitgeber gewechselt. Nun stehen sie vor der Frage, ob sie über ihren neuen Arbeitgeber eine betriebliche Altersvorsorge abschließen sollen. Denn der staatlichen Rente trauen sie nicht so recht. Daher wollen die drei vergleichen, wer welches Angebot bekommt und welches am besten klingt. Die drei Fälle hat ein Rentenfachmann des Geldratgebers Finanztip für WISO entwickelt.

Fall 1: Sara

Sara verdient 1.600 Euro brutto und arbeitet, seit sie 16 ist. Ihr neuer Arbeitgeber will 15% dazugeben. Das Angebot für Sara funktioniert nach dem Prinzip der sogenannten Entgeltumwandlung. Das Angebot: Wenn sie auf die Auszahlung von 60 Euro ihres Gehaltes verzichtet, kann sie zusammen mit dem Arbeitgeberzuschuss monatlich 115 Euro in der betrieblichen Altersvorsorge ansparen.

Bei Rentenbeginn mit 67 stünden ihr dann monatlich 136 Euro daraus zu. Allerdings fallen bei der Entgeltumwandlung dann bei der Rentenauszahlung Abzüge an, u.a. Steuern und Sozialabgaben. Bei Sara entstehen Abzüge zwar nur bei ihrer gesetzlichen Rente, aber: Sara bleiben am Ende unterm Strich nur 103 Euro aus der Betriebsrente übrig.

Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip rät Sara, diesen Vertrag nicht abzuschließen: „Erstens tut der Chef nicht viel dazu, der tut nämlich nur die 15% Minimum dazu, und zweitens hat er blöderweise – den Vertrag schließt ja der Chef ab – auch noch einen abgeschlossen, wo die garantierte Rente für das, was die Sara anspart, recht niedrig ist. Das heißt Rentenfaktor – in dem Fall, wo Sara 10.000 Euro angespart hat, bekommt sie dafür 22 € Rente im Monat. Bei einem guten Vertrag wäre das mindestens 28, 29 oder mindestens 26 €.“

Fall Sara
Profil Fall Sara AG-Zuschuss 15%
Bruttogehalt 1.600,00 € Anlageertrag p.a. 1,0%
Rentenfaktor 22
Mitarbeiterbeitrag bAV 100 €
Beitrag inkl. Arbeitgeberzuschuss 115 €
Jahre bis zur Rente 37
Anzahl der Beitragsjahre 51
Ergebnisse Sara
Ergebnisse
So viel bringt der Arbeitgeberzuschuss zur bAV (1)      
   
   
Monatsbrutto (2) 1.600 € Rentenbrutto (2) 806 €
Beitrag bAV 100 € Rente bAV (3) 136 €
Ersparnis Est 20 € darauf Est 0 €
Ersparnis Sozialabgaben 20 € darauf Sozialabgaben 0 €
    Minderung gesetzl. Rente (4) 32 €
Nettobeitrag Rente bAV 60 €   Nettorente bAV (5) 103 €
      Einzahlungen zurück in  21 Jahren
(1) Ein Single hat 51 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Der monatliche Nettobeitrag liegt bei 60 Euro. Vereinfachend sagen wir, dass Löhne und bAV-Beiträge konstant sind.
(2) Monatsbrutto und Rentenbrutto sind nötig, um die Einkommensteuerlast zu berechnen. Nach 51 Jahren hat der Single 24 Rentenpunkte gesammelt. Daraus ergibt sich eine gesetzliche Bruttorente von 806 Euro.
(3) Wir unterstellen einen garantierten Rentenfaktor von 22. Das bedeutet: Für 10.000 Euro angespartes Kapital sind 22 Euro monatliche Bruttorente garantiert.
(4) Im Beispiel verliert der Mitarbeiter durch die Entgeltumwandlung (100 Euro von 1600 Euro) pro Jahr 1/16 Rentenpunkt. Über 37 Jahre macht das rund 1 Rentenpunkt.
(5) Nettorente bAV beinhaltet immer auch die Minderung der gesetzlichen Rente. (Enthält Rundungsdifferenzen)

Fall 2: Marie

Freundin Marie hat bis 24 studiert und verdient deutlich mehr als Sara, nämlich 4.800 € brutto. Ihr Arbeitgeber bietet ihr ebenfalls eine Zusatzrente über Entgeltumwandlung in einer Versicherung an, will aber als Zuschuss 30% ihres Beitrags dazugeben. Wenn Marie auf Auszahlung von 100 Euro Gehalt verzichtet, dann könnte sie so monatlich 260 Euro in der betrieblichen Altersvorsorge ansparen. Am Ende hätte sie eine zusätzliche Betriebsrente von 363€. Nach allen Abzügen bei der Auszahlung bleiben noch 184€ übrig. Sollte sie das abschließen?

Ja, meint Experte Tenhagen: „Eigentlich lohnt sich das in der konkreten Situation schon für sie, liegt vor allen Dingen daran, dass der Chef viel dazutut, diese 30%. Das liegt auch ein Stück weit daran, dass der Vertrag ein bisschen besser ist, dass sie mehr garantierte Rente dabei herausbekommt.“

Fall Marie
Profil Fall Marie AG-Zuschuss 30%
Bruttogehalt 4.800,00 € Anlageertrag p.a. 1,0%
Rentenfaktor 26
Mitarbeiterbeitrag bAV 200 €
Beitrag inkl. Arbeitgeberzuschuss 260 €
Jahre bis zur Rente 37
Anzahl der Beitragsjahre 43
Ergebnisse Marie
Ergebnisse
So viel bringt der Arbeitgeberzuschuss zur bAV (1)      
   
   
Monatsbrutto (2) 4.800 € Rentenbrutto (2) 2.039 €
Beitrag bAV 200 € Rente bAV (3) 363 €
Ersparnis Est 59 € darauf Est 87 €
Ersparnis Sozialabgaben 41 € darauf Sozialabgaben 44 €
    Minderung gesetzl. Rente (4) 48 €
Nettobeitrag Rente bAV 100 €   Nettorente bAV (5) 184 €
      Einzahlungen zurück in  20 Jahren
(1) Ein Single hat 43 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Der monatliche Nettobeitrag liegt bei 100 Euro. Vereinfachend sagen wir, dass Löhne und bAV-Beiträge konstant sind.
(2) Monatsbrutto und Rentenbrutto sind nötig, um die Einkommensteuerlast zu berechnen. Nach 43 Jahren hat der Single 60 Rentenpunkte gesammelt. Daraus ergibt sich eine gesetzliche Bruttorente von 2039 Euro.
(3) Wir unterstellen einen garantierten Rentenfaktor von 26. Das bedeutet: Für 10.000 Euro angespartes Kapital sind 26 Euro monatliche Bruttorente garantiert.
(4) Im Beispiel verliert der Mitarbeiter durch die Entgeltumwandlung (200 Euro von 4800 Euro) pro Jahr 1/24 Rentenpunkt. Über 37 Jahre macht das rund 2 Rentenpunkte.
(5) Nettorente bAV beinhaltet immer auch die Minderung der gesetzlichen Rente.

Fall 3: Leon

Leon verdient 3.500 € brutto. Er arbeitet, seit er 22 ist. Leon bekommt erst einmal kein Angebot seines Arbeitgebers. Er will aber dennoch etwas für seine Altersvorsorge tun. Sein Arbeitgeber muss ihm das ermöglichen und mindestens 15% dazugeben.

Er schließt über einen Finanzberater eine sog. Nettopolice ab. Die heißt so, weil für diesen Altersvorsorgevertrag keine Abschluss- und Betreuungsprovisionen an eine Versicherung bezahlt werden müssen. Stattdessen fällt eine einmalige Gebühr für den Finanzberater an, die aber meist viel günstiger ist. In Leons Fall  handelt es sich um eine Nettopolice, die in kostengünstigen Aktienfonds – sogenannten ETF – anlegt. Das senkt nochmal Kosten und steigert die Rendite.

Da auch dieses Modell nach dem Prinzip der Entgeltumwandlung funktioniert, kann Leon zusammen mit dem Arbeitgeberzuschuss monatlich 150 Euro in der betrieblichen Altersvorsorge ansparen, wenn er auf Auszahlung von 82 Euro Gehalt verzichtet.
Am Ende, also mit 67 Jahren, hat Leon einen Anspruch auf eine zusätzliche Rente in Höhe von 295 Euro. Nach allen Abzügen bleiben ihm davon 161 Euro. Sollte Leon das machen?

Höherer Rentenfaktor

Unbedingt, meint Experte Tenhagen. Neben dem Zuschuss des Chefs läge es vor allem am höheren Rentenfaktor, er bekomme also für das Angesparte relativ viel heraus. Zudem habe man in einem solchen Vertrag oft einen höheren Aktienanteil und damit auf die lange Frist eine höhere Rendite. Auch wenn diese nicht garantiert sei.

Fall Leon
Profil Fall Leon AG-Zuschuss 15%
Bruttogehalt 3.500,00 € Anlageertrag p.a. 2,0%
Rentenfaktor 26
Mitarbeiterbeitrag bAV 150,00 €
Beitrag inkl. Arbeitgeberzuschuss 172,50 €
Jahre bis zur Rente 37
Anzahl der Beitragsjahre 45
Ergebnisse Leon
Ergebnisse
So viel bringt der Arbeitgeberzuschuss zur bAV (1)    
   
   
Monatsbrutto (2) 3.500 € Rentenbrutto (2) 1.556 €
Beitrag bAV 150 € Rente bAV (3) 295 €
Ersparnis Est 38 € darauf Est 66 €
Ersparnis Sozialabgaben 30 € darauf Sozialabgaben 30 €
    Minderung gesetzl. Rente (4) 37 €
Nettobeitrag Rente bAV 82 €   Nettorente bAV (5) 161 €
      Einzahlungen zurück in  19 Jahren
(1) Ein Single hat 45 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Der monatliche Netto-Eigenbeitrag liegt bei 82 Euro. Vereinfachend sagen wir, dass Löhne und bAV-Beiträge konstant sind.
(2) Monatsbrutto und Rentenbrutto sind nötig, um die Einkommensteuerlast zu berechnen. Nach 45 Jahren hat der Single 45 Rentenpunkte gesammelt. Daraus ergibt sich eine gesetzliche Bruttorente von 1556 Euro.
(3) Wir unterstellen einen garantierten Rentenfaktor von 26. Das bedeutet: Für 10.000 Euro angespartes Kapital sind 26 Euro monatliche Bruttorente garantiert.
(4) Im Beispiel verliert der Mitarbeiter durch die Entgeltumwandlung (150 Euro von 3500 Euro) pro Jahr 1/23 Rentenpunkt. Über 37 Jahre macht das rund 2 Rentenpunkte.
(5) Nettorente bAV beinhaltet immer auch die Minderung der gesetzlichen Rente. (Enthält Rundungsdifferenzen)

Fazit: Betriebliche Altersvorsorge

Im Vergleich hat Leon das beste Modell der drei Freunde. Da die Angebote für eine betriebliche Altersvorsorge also sehr unterschiedlich sein können – worauf sollte man generell achten? „Der Chef sollte mehr als 20% dazutun, der Rentenfaktor sollte über 25 liegen, dann hat man schon mal eine gute Voraussetzung dafür, bei der Betriebsrente auch zu profitieren“, so Tenhagen. Fazit: Eine betriebliche Altersvorsorge abzuschließen kann sinnvoll sein. Es kommt aber darauf an, wie gut der Rentenvertrag ist und wie hoch der Zuschuss des Arbeitgebers.

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