Droht ein Handelskrieg mit den USA?

Verbraucher | WISO - Droht ein Handelskrieg mit den USA?

Anknüpfend an die Aussagen des neuen US-Präsidenten Donald Trump schauen wir in die Zukunft: Was wäre, wenn Trump einen Zusammenbruch der deutschen Exportwirtschaft provozieren würde? Im Interview: Volker Treier, Deutscher Industrie- und Handelskammertag.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 23.01.2018, 19:25

Interview mit Gabriel Felbermayr, Direktor des Ifo-Center for International Economics

ZDF WISO: Herr Felbermayr, Sie haben nach der Wahl Trumps ausgerechnet, was passieren würde, wenn er seine angekündigte Handelspolitik wahrmacht und etwa massive Strafzölle gegen Produkte aus bestimmten Ländern erhebt (siehe Infokasten). Wie realistisch ist dieses Bedrohungsszenario?

Gabriel Felbermayr im Interview
Gabriel Felbermayr, Direktor des Ifo-Center for International Economics Quelle: ZDF

Gabriel Felbermayr: Wir wollten in unseren Szenarios vor allem aufzeigen, was durch eine derart protektionistische Wirtschaftspolitik passieren würde. Für realistisch halte ich sie jedoch nicht, denn: Nach der Welthandelsordnung der Welthandelsorganisation (WTO) sind die USA verpflichtet, bei Zöllen bestimmte Obergrenzen und Regeln einzuhalten. Trump könnte nicht einfach 45 Prozent Strafzoll gegen China und 35 Prozent Strafzoll gegen Mexiko einführen. Dann würden die USA vor den Schlichtungsinstanzen der WTO verurteilt. In unseren Berechnungen haben wir allerdings unterstellt, die Welt würde das hinnehmen und trotz Trumps Maßnahmen still halten – das ist aber unrealistisch.

Also alles halb so wild?

Nein, denn es ist ein alternatives Szenario denkbar. Trump könnte statt zu Zöllen zu steuerlichen Maßnahmen greifen. Das heißt: Er könnte festlegen, dass Unternehmen die Kosten für importierte Zwischenprodukte wie etwa Autoteile nicht mehr von der Gewinnsteuer abziehen können. Im Endeffekt müssten die Firmen für importierte Zulieferungen hohe Steuern zahlen. Weil es sich hier nicht um Handelshemmnisse durch Zölle handelt, könnte die WTO dagegen mit ihren rechtlichen Regularien schwerer vorgehen.

Wie gravierend wären die Auswirkungen, wenn solche Zwischenprodukte besteuert würden?

Für Deutschland macht das in etwa die Hälfte der Exporte in die USA aus, insofern würde das Deutschland und auch den Rest der EU schon empfindlich treffen. Außerdem wäre denkbar, dass Trump zusätzlich US-Exporte subventioniert, indem er solche Exportprodukte von der Gewinnsteuer befreit. Auch das wäre mit Blick auf die WTO-Regeln rechtlich umstritten, dennoch könnte Trump es erwägen. Das dürfte den Wettbewerb zwischen US-Unternehmen und EU-Konkurrenten deutlich verzerren. Für die US-Konsumenten könnte das übrigens auch negative Effekte haben, denn durch verstärkten Export dürften weniger heimische Produkte für den Binnenmarkt übrig bleiben. Und bei einem schmelzenden Angebot steigen die Preise.

Wie werden die anderen Länder darauf reagieren?

Sie könnten vor den Schlichtungsinstanzen der WTO gegen das Vorgehen der USA klagen, wobei die rechtliche Bewertung der genannten Optionen Trumps bisher eben unklar ist. Doch selbst wenn sie von der WTO verurteilt werden, könnten die USA an den Maßnahmen festhalten. Bevor sie ihren Kurs ändern, zahlen Länder manchmal lieber Strafzölle auf eigene Produkte. Denn genau das wäre dann von den anderen Ländern als Gegenmaßnahme gegen das unfaire Verhalten der USA zu erwarten: Sie erheben Strafzölle auf US-Produkte und ziehen ebenfalls die Mauern hoch. Für die EU könnte es etwa im Wettstreit zwischen Boeing und Airbus Sinn machen, hohe Zölle auf Flugzeuge zu erheben.

Was wäre die Konsequenz solch einer gegenseitigen Abschottung?

Für Deutschland würde es in jedem Fall eine Schwächung der Exporte im Automobil-, im Pharma-, im Chemiebereich und im Maschinenbau bedeuten. Zudem: Wenn deutsche Zwischenprodukte in den USA steuerlich benachteiligt würden, fehlten etlichen Produzenten in den USA plötzlich ihre Bestandteile zur Fertigung ihrer Produkte. Deutsche Zulieferer würden hier Kapazitäten abbauen und neue Kapazitäten in den USA aufbauen, um dort wieder am Markt teilnehmen zu können. Trump würde also zum Teil erreichen, was er sich wünscht: Eine Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Deutschland in die USA. Allerdings würden in den USA auch die Preise steigen und der Dollar aufwerten, was wiederum US-Exporten schaden könnte. Insgesamt könnten die Auswirkungen also selbst für die USA negativ ausfallen. So ein Abschottungsszenario würde außerdem die globale Arbeitsteilung einschränken. Gerade zwischen EU und USA gibt es stark integrierte Wertschöpfungsketten, in denen jeder tut, was er am besten kann. Entfällt das, hat dies für alle Seiten Nachteile.

Und wie würden die Verbraucher in Deutschland das zu spüren bekommen? 

Deutsche Verbraucher würden die neuen Barrieren spüren, weil etwa wichtige Pharmazeutika nicht mehr oder nur noch zu sehr hohen Preisen hier ankommen könnten. Auch hochwertige Medizingeräte kommen nicht selten aus den USA und hier könnte es sich für die Verbraucher ebenfalls negativ auswirken, wenn der Handel stockt. Und denken Sie nur an das iPhone, des Deutschen liebstes Gerät. Da gäbe es einen Aufschrei in der Bevölkerung, wenn das hier durch Importzölle noch teurer würde. Deshalb werden sich die Handelspolitiker genau überlegen, welche Produkte sie mit Strafzöllen belegen. Das Ziel ist ja: Es soll in der eigenen Bevölkerung möglichst wenig Unmut erzeugen, aber dem Gegenüber möglichst große Einbußen bescheren.

Wenn die USA wie von Trump angekündigt auf Großbritannien zugeht und versucht, schnell ein neues Freihandelsabkommen zu schmieden, könnte das weitere EU-Länder zum Ausscheren aus dem gemeinsamen Binnenmarkt bringen?

Eigentlich dürfen die einzelnen EU-Länder keine eigenen Handelsabkommen mit eigenen Zollregelungen gegen die Verhandlungskompetenz der EU abschließen. Aber wenn die USA mit Großbritannien dealen  und das Vereinigte Königreich vor der Haustür der EU zu einem ultraliberalen Staat wie Singapur mutiert, kann ich mir vorstellen: Einige EU-Staaten werden versuchen, da den Anschluss nicht zu verlieren und ebenfalls mit zu verhandeln. Auch bei dem jüngsten Streit um das CETA-Abkommen mit Kanada haben ja die Mitgliedsstaaten die Verhandlungsmacht der EU in Frage gestellt und auf eine Zustimmungspflicht der nationalen Parlamente gepocht. Gut möglich, dass einige EU-Staaten darauf dringen werden, die Beziehungen mit Großbritannien trotz Brexit offen zu halten. Mit seinen Äußerungen zu einem möglichen Abkommen mit Großbritannien hat Trump die Verhandlungsposition von Theresa May gegenüber der EU in jedem Fall gestärkt.

Was könnte die EU tun, um die negativen Folgen für ihre Mitglieder möglichst gering zu halten?

Die EU kann erstmal gar nichts tun, um Großbritannien oder die USA von ihren Plänen abzuhalten. Aber sie kann sich selbst gut aufstellen. Und das würde bedeuten: Möglichst schnell mit beiden Partnern Freihandelsabkommen auszuhandeln und zu vermeiden, dass diese sich gegenseitig miteinander besser stellen als mit der EU. Das dürfte zwar angesichts der großen Proteste gegen TTIP nicht so einfach werden, aber auch die USA und Großbritannien werden nicht über Nacht zu einem Abkommen finden. Es gibt auch zwischen diesen beiden Akteuren viele Interessenkonflikte. Wichtig wäre für die EU auch, die Beziehungen zu diversifizieren. Also: Sich weniger abhängig von den USA machen und für andere Handelspartner öffnen – dabei könnte auch Asien eine Rolle spielen. Nur wenn man sich breiter aufstellt, wird man von solchen „Unglücken“, als welches die Wahl Trumps sich entpuppen könnte, weniger getroffen.

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