„Eltern-Kind-Kur – was Sie wissen sollten“

Interview mit Anne Schilling

Anne Schilling ist Geschäftsführerin der Elly Heuss-Knapp-Stiftung, Müttergenesungswerk und beantwortet Fragen zur Eltern-Kind-Kur.

Frau Schilling, worin sehen Sie die Ursache für Überbelastungen bei Müttern und Vätern, die zu einer Kur-Maßnahme führen können?

Das Problem liegt oft in den gesellschaftlichen Erwartungen an Eltern. Wir wissen, dass sich junge Frauen und Männer eine Familie wünschen und sich gleichberechtigt um diese kümmern möchten. Das, was aber dann in der Regel passiert, wenn das erste Kind kommt, ist, dass die Frau Zuhause bleibt und der Mann Vollzeit weiterarbeitet. Und bei der Frau wirken plötzlich alte Klischees, die sie für sich eigentlich gar nicht gesehen hatte. Dieses traditionelle Mutterbild verlangt von ihr die ständige Verfügbarkeit ihrer Familie gegenüber und eine (un)ausgesprochene Verantwortung für die gesamte Hausarbeit. Dabei werden die eigenen Bedürfnisse zurückgestellt.

Gleichzeitig wird die Frau aber auch mit dem heutigen Frauenbild konfrontiert: Wir erwarten, dass sie erwerbstätig ist, vielleicht auch Karriere macht. Wir erwarten, dass sie sich gesellschaftlich engagiert, dass sie für den Bildungserfolg ihrer Kinder Verantwortung trägt. Auch Erwartungen an die Pflege werden vor allem an die Frau gestellt. Wir haben also ein altes Mutterbild, das wirkt und welches überlagert wird von neuen Ansprüchen. Und dieser Kreislauf sorgt für große Belastungssituationen.

Und welchem Druck sind Väter ausgesetzt, der sie in solch eine Belastungssituation bringt?

Bei den Vätern haben wir vergleichsweise noch nicht so viele Daten. Aber wir sehen oft, dass Väter heute eine andere Beziehung zu ihren Kindern wollen, indem sie mehr Zeit mit ihnen verbringen möchten. Hinzu kommt, dass 70 Prozent der Männer in unseren Vater-Kind-Maßnahmen Vollzeiterwerbstätige sind. Väter bezeichnen daher im Vergleich zu Müttern in höherem Maße die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Belastung. Sie wollen die Entwicklung ihrer Kinder begleiten, sind aber jobbedingt viel abwesend. Das zerreißt sie. Zudem sehen wir auch ganz deutlich, dass die Belastungen, die an Mütter und Väter gestellt sind, bei allen Schichten angekommen sind.

Glauben Sie, dass es ein gesellschaftliches Stigma ist, als Betroffener Hilfe im Rahmen einer Mutter-/Vater-Kind-Kur zu suchen?

Wir erleben zunehmend, dass Mütter aber auch Väter viel zu lange warten und sich erst relativ spät Unterstützung suchen, weil sie es alleine schaffen wollen. Vor allem die Frauen in unseren Kliniken versuchen lange, den Erwartungen, die von außen an sie herangetragen werden, zu genügen, denn sie wollen es richtig machen und eine gute Mutter sein. Das mag auch lange so funktionieren. Aber wenn dann noch etwas hinzukommt, was nicht einkalkuliert war, wie ein Partnerschaftskonflikt, eine Trennung, ein Pflegefall, ein Unfall oder eine Erwerbslosigkeit, dann bricht dieses Konstrukt zusammen.

Der gesellschaftliche Druck steht den Betroffenen dann oftmals im Weg, um zu sagen „Ich bin eine gute Mutter, aber jetzt brauche ich Unterstützung“. Eigentlich sollte der einmalige Gedanke „Ich kann nicht mehr“ schon ein Auslöser sein, um nach Unterstützung zu schauen oder eine Beratungsstelle aufzusuchen. Stattdessen werden aber Warnsignale einer Belastungs- und Erschöpfungssituation wie Schlafstörungen, schnelle Gereiztheit, ständige Schwächung des Immunsystems ignoriert.

Wann bemerken Betroffene: Jetzt brauche ich Hilfe? 

Der Umschaltpunkt bei den Menschen ist an verschiedenen Stellen. Das können Tränenflüsse wegen Kleinigkeiten sein, das Anschreien der Kinder, ein  Zusammenbruch an einem Tag, an dem irgendetwas nicht mehr funktioniert. Auch die Wege zur Hilfe sind verschieden. Wir wissen, dass ganz viele Mütter und Väter über Freunde oder Bekannte auf Hilfe aufmerksam gemacht werden, die dann zu einer Beratungsstelle oder Kur-Maßnahme führt. Etwa gleich viele Betroffene kommen aber auch direkt zu unseren Beratungsstelle oder über einen Arzt zu uns.

Wie kann eine Kur-Maßnahme einer Mutter oder einem Vater helfen, den alltäglichen Belastungen entgegenzuwirken?

Ein zentraler Punkt ist das Herausnehmen aus dem Alltag. Sie haben bei einer Kur-Maßnahme die Chance, von außen ohne Alltagsbelastungen und mit Unterstützung von Experten auf ihre individuelle Situation zu schauen. Wir erleben in diesen Kur-Maßnahmen, dass die Teilnehmer dieses Miteinander unter Müttern oder unter Vätern und den Austausch mit Gleichgesinnten innerhalb der drei Wochen als Bereicherung empfinden, da sie erkennen, dass es den anderen genauso geht und dass es eben kein individuelles Problem ist, sondern viel mit Rollenbildern und Erwartungen zu tun hat. Diese sind für Mütter und Väter verschieden, deshalb gibt es bei uns Kurmaßnahmen für Mütter und Kurmaßnahmen für Väter. Das verändert die Sicht und den Umgang mit Gesundheit und mit Belastungen.

Wie kann man sich dann einen Kur-Aufenthalt vorstellen? Ist er vergleichbar mit einem Krankenhausaufenthalt?

Eine Mutter-/Vater-Kind-Kur hat überhaupt nichts mit einem Krankenhausaufenthalt zu tun, denn letzterer ist eine Akutversorgung. Am Anfang einer Kur haben Mütter und Väter eine ärztliche Untersuchung, in der sie gemeinsam mit dem Arzt und den Therapeuten einen individuellen Therapie-Plan erarbeiten. Dabei werden individuelle Ziele und Schwerpunkte berücksichtigt. Dieser Plan besteht aus medizinischen, physiotherapeutischen und sozialpsychologischen Elementen und kann gegebenenfalls angepasst werden, je nach dem, wie sie sich in dieser Zeit entwickeln.

Es gibt auch sportliche oder kreative Angebote, Entspannungsübungen und Gesprächsgruppen je nach spezifischer Belastungssituation, in der sie sich befinden. Spezielle Mutter-/Vater-Kind-Interaktionen stärken zudem die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. 

Worin liegt das langfristige Ziel einer Mutter-/Vater-Kind-Kur?

Bei der ganzheitlichen Kurmaßnahme geht es immer auch um eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Das, was gestärkt werden soll, ist die Achtsamkeit sich selbst gegenüber und die Selbstfürsorge. Denn die Versuchung, es immer allen recht zu machen und sich selbst dabei zu vergessen, ist nicht gesundheitsfördernd. Mütter und Väter brauchen eigene Kraftquellen. Sie müssen ihre eigenen Bedürfnisse auf das gleiche Niveau heben wie die der Kinder und ihres Partners beziehungsweise ihrer Partnerin. Darüber hinaus geht es um eine Verbesserung der gesundheitlichen Situation und um einen anderen Umgang mit Gesundheitsproblemen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet