Nahverkehr auf Abruf

Per Handy den Bus vor die Haustür rufen

Verbraucher | WISO - Nahverkehr auf Abruf

Kein Fahrplan, keine Haltestellen: Beim Nahverkehr auf Abruf kommt der Bus dank App bis vor die Haustür. In Duisburg und im Odenwald testen zwei Pilotprojekte das Konzept. Das Ziel: Mehr ÖPNV-Kunden, weniger Autos auf den Straßen. Kann das klappen?

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 25.06.2019, 19:25

Selbst bestimmen wann der Bus fährt - in Duisburg geht das. „Mybus“ heißt das Pilotprojekt der Verkehrsgesellschaft DVG. Mit einer App auf dem Smartphone rufen Kunden den Kleinbus direkt vor ihre Haustür. Eine Software koordiniert die Fahrtwünsche und berechnet die optimale Route, gegebenenfalls steigen unterwegs Fahrgäste zu. Rund 12.000-mal wurde die App seit dem Projektstart im Oktober heruntergeladen, knapp 100-mal wird der Bus jede Woche gebucht.

Ergänzung zum klassischen ÖPNV

„Was Besseres gibt es eigentlich nicht“, findet David Meyer. Der Student nutzt das Angebot fast jedes Wochenende. „Mybus fährt ja zum Glück auch zu Zeiten, wo die Busse eben nicht mehr fahren.“ Bis vier Uhr nachts sind die Kleinbusse Freitag und Samstag unterwegs. „Deswegen ist es schon ziemlich praktisch“, findet Meyer. Und mit 3,20 Euro für eine einfach Fahrt auch ziemlich günstig. Die Taxiunternehmen sehen das Angebot entsprechend kritisch.

„Mybus soll unseren ÖPNV ergänzen“, erklärt Projektleiterin Birgit Adler. „Wir wollen eine Mobilitätskette von Haustür zu Haustür organisieren – möglicherweise auch als Zubringer zu einer Straßenbahn oder einem Busverknüpfungspunkt.“ Die größte Kritik der Nutzer: Dass es das Angebot bislang nur in drei Duisburger Stadtteilen gibt. Eine Erweiterung des Gebietes ist im Gespräch.

„Flexibilisierung ist notwendig.“

Den Nahverkehr stärker auf die Bedürfnisse der Menschen zuschneiden, das sehen auch Verkehrsforscher als zentrales Erfolgskriterium für das Angebot auf Abruf. „Die Flexibilisierung ist notwendig“, erklärt Martin Lanzendorf, Professor für Mobilitätsforschung an der Goethe Universität in Frankfurt am Main gegenüber WISO. “Es gibt ja keinen Grund, dass in den Randzeiten große Busse durch die Gegend fahren.“ Der klassische ÖPNV sei zu lückenhaft, so Lanzendorf, weil er nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten fahre. „Eine Lücke, die durch flexible Angebote gelöst werden könnte.“

In ganz Deutschland laufen ähnliche Testprojekte: In Schorndorf wie in Berlin, in Nordhessen und in Bad Birnbach bei Passau. Überall geht es dabei auch um die Frage: Können on-demand-Angebote den ÖPNV so attraktiv machen, dass Menschen ihr Auto stehen lassen?

„Es ist auf alle Fälle ein Mittel, um den PKW-Verkehr zu reduzieren“, sagt Martin Kagerbauer, Verkehrsplaner am Karlsruhe Institut für Technologie. „Das gilt vor allem auch in ländlichen Bereichen, wo es eher unwahrscheinlich ist, dass Personen die gleichen Verbindungen und Wege fahren - und dann auch noch zur gleichen Zeit.“

Mobilitätsgarantie im Odenwald

Ob Arztbesuch, Einkauf oder Training - in ländlichen Gebieten ist all das ohne eigenes Auto oft eine Herausforderung. Die Antwort im Odenwaldkreis ist eine neue Buchungsplattform: Odenwaldmobil kombiniert das bestehende Busangebot, Mitfahrgelegenheit und taxiähnliche Fahrten. Das Versprechen: Eine Mobilitätsgarantie. Jeder soll garantiert dahin kommt, wo er hinwill – auch abends und am Wochenende.

„Auf der App, am PC oder telefonisch bekommt jeder Fahrgast für seine Wunschzeit mindestens ein Angebot“, erklärt Stefan Reinhardt von der Odenwald-Regional-Gesellschaft. Fahren weder Bus noch Zug, gibt es hier noch das so genannte taxOMobil. Anders als in Duisburg sind die Taxifahrer bei „Garantiert mobil“ Teil des Konzepts.

„Sie können zwischen 5 und 22 Uhr zu jeder Minute Ihr eigenes taxOMobil zu Ihnen nach Hause bestellen. Sie müssen es knapp 60 Minuten vorher anmelden und dann steht das taxOMobil zur Wunschzeit bei Ihnen zu Hause vor der Haustür und bringt sie eben innerhalb des Odenwaldkreises in das nächstgelegene Zentrum“, so Reinhardt. Fahrgäste zahlen je nach Entfernung 3-25 Euro Zuschlag zu ihrem ÖPNV-Ticket. Frühbucher oder Mitfahrer können bis zu 50 Prozent sparen - Taxi teilen digital. Eine charmante Idee, nur genutzt wird sie bislang kaum. Gerade mal zehn Buchungen pro Woche gibt es im ganzen Odenwaldkreis.

Mitfahrgelegenheiten: Angebot ohne Nachfrage

Eine Besonderheit bei Odenwaldmobil: Auf der Plattform können theoretisch auch Privatpersonen Mitfahrgelegenheiten anbieten, 12 Cent Entschädigung gibt es dafür. Personenbeförderung durch Privatpersonen – eine rechtliche Grauzone. Das Pilotprojekt hat eine Ausnahmegenehmigung vom Regierungspräsidium. Eine gute Idee – nur leider nutzt sie noch niemand. Bis zu 140 Angebote für Mitnahmefahrten gab es in den ersten Wochen auf der Plattform – aber keine Nachfrage. „Im ländlichen Bereich ist die Wahrscheinlichkeit, dass mehrere Personen zur gleichen Zeit den gleichen Weg zurück legen wollen, relativ gering“, erläutert Verkehrsplaner Kagerbauer.

Skepsis spielt bei manchen sicher auch eine Rolle, die Macher setzen auf den Faktor Zeit. „Es braucht eben seine Zeit, um Mobilität zu verändern“, beobachtet Stefan Reinhardt. „Der Mensch ist einfach an seinen Pkw gewöhnt. Aber da fängt ein Prozess des Umdenkens an und genau darauf setzt Garantiert mobil.“

Technik und Akzeptanz testen

Duisburg und der Odenwaldkreis: Seit gut einem halben Jahr testen sie Busse auf Abruf. Die Pilotprojekte sind bislang nur erste Schritte, um die Technik zu testen - und die Akzeptanz der Bürger. Ob das Konzept wirklich zu weniger Autoverkehr führt hängt am Ende von einer Frage ab: Ob die Kunden den Bus auch rufen und dann wirklich auf das eigene Auto verzichten.

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