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Liebe auf Zeit – Bereitschaftspflegefamilien

Pflegekinder aufnehmen und für sie sorgen

von Matthias Nick

Bereitschaftspflege ist eine besondere Form der Pflege. Muss ein minderjähriges Kind durch das Jugendamt aus seiner leiblichen Familie herausgenommen werden, so muss es Familien geben, die Tag und Nacht bereit stehen, ein solches Kind in Obhut zu nehmen.

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28 min
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05.06.2020
Video verfügbar bis 05.06.2021

Meist sind die Gründe für eine Inobhutnahme Alkohol- und Drogenkonsum im familiären Umfeld, physische oder psychische Gewaltanwendung oder gar sexueller Missbrauch durch die leiblichen Eltern. Seit einigen Jahren ist die Problematik der unbegleiteten Einreise von Flüchtlingskindern dazugekommen. In Deutschland nehmen die Jugendämter Jahr für Jahr mehr als 50.000 Kinder in Obhut.

Bereitschaftspflege für die Kinder

Die Idee der Bereitschaftspflege ist, dass es diesen Kindern ermöglicht werden soll, in einem familiären Umfeld unterzukommen. Alle Kinderpsychologen sind sich einig, dass im Vergleich zu einem Kinderheim die Aufnahme in einer Bereitschaftspflegefamilie der bessere Weg für die betroffenen Minderjährigen ist, da sie hier anders als in einer Unterbringung (oft erstmals) funktionierende familiäre Strukturen kennenlernen können.

Von Bereitschaftspflege zur Dauerpflege

Jetzt könnte man fragen, warum kommen diese Kinder nicht direkt in Dauerpflegefamilien? Bereitschaftspflegefamilien verpflichten sich u.a., dass ein Elternteil nicht arbeitet, immer ein freies Kinderzimmer zur Verfügung steht, genauso wie Kleidung, Windeln und viele andere Dinge mehr – für jedes Alter.

Eine Dauerpflegefamilie, die ein Kind nach dieser Überbrückungszeit (in der Regel für immer) aufnimmt, benötigt einfach logistisch, aber auch emotional eine gewisse Vorbereitungszeit. Zu dieser sogenannten „Anbahnung“ später mehr.

Pflegekind adoptieren

Der Unterschied zur Adoption übrigens: bei der Pflegschaft (sowohl bei der Dauerpflege- als auch bei der Bereitschaftspflege) bleibt das Sorgerecht für das oder die betroffenen Kinder bei den leiblichen Eltern oder beim Jugendamt, bei der Adoption geht das Sorgerecht des Kindes auf die Adoptiveltern über. Adoptivkinder sind rechtlich, auch erbrechtlich, leiblichen Kindern gleichgestellt, Pflegekinder nicht.

Hintergrund ist, dass der Staat beim Pflegschaftsverhältnis davon ausgeht, dass die Kinder (im Idealfall), auch wenn das selten passiert, wieder zu den leiblichen Eltern zurückkehren sollen. Deshalb bekommen übrigens Adoptiveltern auch Elterngeld, Pflegeeltern hingegen nicht, doch zur Bezahlung später mehr. Das Fazit vorweg: Bereitschaftspflege ist Berufung, kein Beruf!

Pflegekind aufnehmen

Bereitschaftspflege“familien“ (ja, auch die eigenen leiblichen Kinder) müssen physisch und psychisch hoch belastbar sein. Das klingt sehr einfach und pauschal, aber als Interessierter muss man sich vor Augen halten: Die aufzunehmenden Kinder sind psychisch und oft auch physisch krank und bedürfen einer enormen Betreuung.

Die Betreuung oder gar Erziehung ist somit überhaupt nicht mit der der eigenen leiblichen Kinder zu vergleichen. Ein alleinerziehender Elternteil kommt für Bereitschaftspflege grundsätzlich nicht in Betracht. Und ja: auch die eigenen leiblichen Kinder müssen „mitziehen“, sonst wird das Projekt „Bereitschaftspflege“ scheitern.

Pflegeeltern werden

  • Das Kind benötigt ein eigenes Zimmer, die Räumlichkeiten dürfen nicht zu beengt sein. Grob gesagt: ein Jugendamt wird einer Familie, die mit zwei eigenen Kindern in einer Vierzimmerwohnung lebt, keinen Bereitschaftspflegeplatz zugestehen.
  • Ein Elternteil darf nicht berufstätig sein – auch wenn mal ein Bereitschaftspflegeplatz nicht belegt ist.
  • Erwähnt werden muss, dass zusätzlich sowohl ein einwandfreies (erweitertes) polizeiliches Führungszeugnis,
  • ein Gesundheitsattest der Pflegeeltern ohne Befund,
  • finanzielle Sicherheit (Interessenten dürfen nicht auf das Pflegegeld angewiesen sein),
  • eine zum Teil mehrwöchige Aus- und regelmäßige Weiterbildungen selbstverständlich sind.

Anbahnungsphase Pflegekind

Es muss klar sein, dass das eigene Haus „gläsern“ wird: regelmäßige Besuche des Jugendamtes, in vielen Fällen der leiblichen Eltern und bei der Abgabe des Kindes wochenlange Besuche der künftigen Dauerpflegeeltern sind nicht zu vermeiden (Anbahnung).

Durch die Unplanbarkeit der Aufnahme eines Kindes ist eine hohe zeitliche und psychische Flexibilität unumgänglich - und was häufig unterschätzt wird: die Familie muss bereit und in der Lage sein, nachdem sie sich über Monate an ein neues Familienmitglied gewöhnt hat, dies auch wieder abzugeben. Diese psychische Belastung wird oftmals unterschätzt!

Bereitschaftspflege: Rechte und Pflichten

Eine Bereitschaftspflegefamilie hat wenig Rechte, dafür aber umso mehr Pflichten:

  • sie darf nicht bei der Aufnahme und vor allem auch nicht bei der Abgabe des Kindes mitreden. Die Entscheidung liegt einzig beim zuständigen Jugendamt. (Man gewährt den Familien höchstens Empfehlungen.)
  • Grundsätzlich bleibt auch während der Bereitschaftspflegezeit das Sorgerecht des Kindes bei den leiblichen Eltern (oder in Sonderfällen beim Jugendamt).

Die Bereitschaftspflegeeltern erhalten das Sorgerecht so gut wie nie! Das hat entscheidende Auswirkungen auch auf den Alltag: Impfungen, der Schulbesuch und sogar der Urlaub muss mit den leiblichen Eltern oder dem Jugendamt im Voraus abgeklärt werden. Ohne deren Zustimmung findet zum Beispiel kein Urlaub außerhalb der eigenen vier Wände statt.

Pflegegeld für Pflegekinder

Bereitschaftspflegeeltern erhalten Pflegegeld nach §33 SGB VIII. Die Berechnung ist hoch kompliziert und variiert teilweise von Jugendamt zu Jugendamt und liegt ganz grob zwischen 1.200 und 1.500 Euro.

Die Honorierung des Ehrenamtes „Bereitschaftspflege“ setzt sich zusammen aus den Kosten für den Sachaufwand und den Kosten für Pflege und Erziehung (auch hier gibt es schon Unterschiede: vom doppelten bis zum dreifachen Satz des Erziehungsbetrages) und weiteren Leistungen. Dazu gibt es Einmalleistungen wie zum Beispiel zur Erstausstattung des Pflegekindes. Die Fragen der Versteuerung bzw. Steuerfreibeträgen sind noch viel komplizierter und häufig nur in der Einzelfallkonstellation zu klären. Das Pflegegeld hört sich zunächst sehr hoch an. Sehr viel Geld: Ja, aber.

Pflegekind und Kindergeld

Vom Pflegegeld muss dann alles für das Kind bezahlt werden, von der Windel bis zur Busfahrkarte in die Schule. Grundsätzlich gibt es dann eben für Pflegekinder auch kein Elterngeld, weil die Beziehung (anders als beim leiblichen oder Adoptivkind) nicht auf Dauer ausgelegt ist. Außerdem muss beachtet werden, dass dieser „Job“ eben nicht zu einer Kranken-, Sozialversicherungs- oder Rentenpflicht mit Beiträgen des Arbeitsgebers führt. Er ist eher mit dem eines Selbständigen zu vergleichen, der sich selbst (ohne Arbeitgeberzuschüsse) um Vorsorge, Absicherung und Versicherungen kümmern muss. Eine Rente wird nicht erwirtschaftet!

Außerdem gilt: kein Kind, kein Geld (bis auf einen kleinen Betrag für die Bereitstellungskosten des leeren Zimmers). Rechnet man das Pflegegeld auf einen Stundenlohn bei notwendiger 24/7-Betreuung des zum Teil hochschwierigen Kindes um, so ist jedem klar, dass wahrscheinlich keine deutsche Bereitschaftspflegefamilie diese Betreuung wegen des Geldes macht.

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