WISO-Tipp: Betreuungskräfte aus dem Ausland

Verbraucher | WISO - WISO-Tipp: Betreuungskräfte aus dem Ausland

In Deutschland sind rund 2,9 Millionen Menschen auf Hilfe im Alltag angewiesen. Die meisten davon werden von Ehepartnern oder nahen Verwandten betreut. Doch auch ausländische Betreuungskräfte sind eine Alternative. Worauf Sie dabei achten sollten.

Beitragslänge:
5 min
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Video verfügbar bis 30.10.2018, 19:25

Menschen in Deutschland werden immer älter: Männer im Schnitt 78 und Frauen 83 Jahre alt. Viele davon sind im Alltag auf Hilfe oder sogar Pflege angewiesen. Ein Problem: Oft sind deren Angehörige berufstätig, leben in einer anderen Stadt oder sind selbst schon zu alt, um die Betreuung oder Pflege zu übernehmen. Daher holen sich Angehörige zunehmend Hilfe von Betreuungskräften aus dem Ausland.

Schätzungsweise bis zu 300.000 Betreuungskräfte aus dem Ausland helfen in deutschen Haushalten aus. Die meisten kommen aus Osteuropa – etwa Polen, Litauen oder Ungarn. Rund ein Viertel davon wird über Agenturen nach Deutschland vermittelt.

Entsende- oder Arbeitgeber-Modell

Um die Hilfe einer Betreuungskraft in Anspruch zu nehmen, haben Sie grundsätzlich mehrere Möglichkeiten – darunter zum Beispiel das sogenannte „Entsende-Modell“ oder das „Arbeitgeber-Modell“.

Beim Entsende-Modell schließen Sie in der Regel zwei Verträge ab: einen mit der deutschen Vermittlungsagentur und einen mit der ausländischen Betreuungsagentur. Der Vermittlungsvertrag regelt unter anderem die Vermittlung von Betreuungskräften sowie die Hilfestellung (zum Beispiel als direkter Ansprechpartner) während der Betreuungszeit.
Im Betreuungsvertrag ist unter anderem die Betreuungsleistung der Betreuungskraft im Haushalt geregelt.

Wenn Sie selbst Arbeitgeber einer Betreuungskraft sind, müssen Sie alle Arbeitgeberpflichten nach dem Arbeits- und Sozialversicherungsrecht selbst in die Hand nehmen. Darunter fallen der Arbeitslohn, die Arbeitszeit, sowie Regelungen zum Urlaub und bei Krankheit der Betreuungskraft.

Das Entsende-Modell

„Dieses Modell ist die am häufigsten angebotene Variante für die Entsendung von Betreuungskräften aus dem Ausland“, so Björn Gatzer. Er ist als Jurist bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg für die Bereiche Versicherung, Pflege und Gesundheit zuständig. „Rund 400 Unternehmen bieten in Deutschland eine häusliche Versorgung durch Betreuungskräfte an, die im Haushalt pflegebedürftiger Personen arbeiten und wohnen“, so Gatzer.

„Das hat Vor- aber auch Nachteile. Vorteil: Die Betreuungskraft ist zum Beispiel in Polen oder einem anderen EU-Staat gemeldet und dort sozialversichert. Der deutsche Mindestlohn wird gezahlt“, erklärt Gatzer. „Nachteil: Der Stab an Betreuungskräften ist oft sehr klein. Das Personal wird daher alle zwei bis drei Monate gewechselt. Und: Meist haben Kunden wenig oder gar keinen Einfluss darauf, wer als Betreuungskraft nach Hause vermittelt wird.“

Was leisten Vermittlungs- und Betreuungsagentur?

Das Prinzip des Entsendemodells ist einfach: Die Vermittlungsagentur hat in der Regel ihren Sitz in Deutschland. Sie ist Ihr direkter Ansprechpartner während der Betreuungszeit. Die Vermittlungsagentur informiert Sie, klärt Sie über Ihren Bedarf auf und macht Personalvorschläge. Von der Vermittlungsagentur erhalten Sie auch den Betreuungsvertrag.

Die Betreuungsagentur dagegen sitzt im (EU-)Ausland. Sie entsendet die Betreuungskraft nach Deutschland. „Die Betreuungsagentur ist damit auch weisungsbefugter Arbeitgeber der Betreuungskraft. Außerdem muss sie die Sozialversicherung übernehmen“, erklärt Petra Hegemann. Sie ist Leiterin des Projekts „Marktprüfung ambulante Pflegeverträge“ bei der Verbraucherzentrale Berlin.

Mit ein Grund, warum die Vermittlung von Betreuungskräften aus dem EU-Ausland boomt, die durch das sogenannte „Entsende-Modell“ nach Deutschland vermittelt werden: „Dieses Modell ist für viele Angehörige eine unkomplizierte Möglichkeit fürsorglicher Hilfe im Alltag. Viele Angehörige sind berufstätig und möchten Oma oder Opa, Mama oder Papa nicht in einem Pflegeheim unterbringen, sondern Zuhause lassen“, erzählt Angela Lehnert. Sie ist Geschäftsführerin der Vermittlungsagentur „Die Perspektive“.

„Genau da setzen wir als Dienstleister an“, ergänzt Krystian Temi. Er ist einer von zwei Geschäftsführern der Vermittlungsagentur „Pflegeherzen“ im Saarland. „Wir vermitteln seriöse Betreuungskräfte aus osteuropäischen Ländern, die sich auf Basis ordentlicher Arbeitsverträge rund um die Uhr um die Pflegebedürftigen kümmern.“

Grundsätzlich gilt: Eine 24-Stunden-Betreuung durch eine einzige Betreuungskraft ist nicht legal. Denn „Pflege und Betreuung rund um die Uhr ist aufgrund von Arbeitszeitvorschriften nur möglich, wenn verschiedene Personen in Schichten arbeiten“, so Petra Hegemann von der Verbraucherzentrale Berlin.

Im Übrigen: Unterschreiben Sie bei sich Zuhause einen Vertrag während eines Besuchs des Vermittlers, dann handelt es sich dabei um einen sogenannten Außergeschäftsraumvertrag. Haben Sie die Vertragsverhandlungen sowie Vertragsabschlüsse ausschließlich per Telefon, Email oder gar schriftlich geführt, dann handelt es sich um einen sog. Fernabsatzvertrag. „In beiden Fällen haben Sie ein Widerrufsrecht, und zwar für 14 Tage“, so Petra Hegemann von der VZ Berlin. „Sind Sie über dieses Widerrufsrecht nicht ordnungsgemäß informiert worden, können Sie noch ein Jahr und 14 Tage nach Vertragsschluss widerrufen.“

Die Tricks der Agenturen

Viele Agenturen locken Kunden mit niedrigen monatlichen Kosten. Allerdings: Eine umfangreiche Dienstleistung kostet zwischen 2600 Euro und 3000 Euro. „Qualität hat ihren Preis“, sagt Angela Lehnert von der Vermittlungsagentur „Die Perspektive“.

„Die Betreuungskraft soll ordentlich verdienen. Das ist harte Arbeit. Es gibt viele Kriterien, die Rückschlüsse auf die Qualität einer Agentur haben.“

„Wenn eine Agentur Ihnen das Blaue vom Himmel verspricht, dann ist das nicht glaubwürdig“, meint Krystian Temi von den „Pflegeherzen“. „Uns als Dienstleister ist Transparenz wichtig – vor allem mit Blick auf Abläufe, Kosten und korrekter Formalien.“

Doch insbesondere in Punkto Formalien sei Vorsicht geboten, so Jurist Gatzer. Er verweist hier auf das sogenannte A1-Formular. „Das sollte jede Betreuungskraft, die über eine Agentur nach Deutschland vermittelt wird, vorzeigen.“ Denn: „Die Bescheinigung zeigt, dass die Betreuungskraft im Herkunftsland sozialversichert und damit ordentlich angemeldet ist – also nicht schwarz arbeitet oder scheinselbstständig ist.“

WISO-Tipp: Vergleichen Sie immer mehrere Vermittlungsagenturen! Rufen oder schreiben Sie dazu mehrere Anbieter an. Lassen Sie sich die Vertragsunterlagen zuschicken und vergleichen Sie die Angebote und Verträge.

Betreuung oder Pflege – wer macht was?

Und, ganz wichtig: Die Aufgaben der Betreuungskraft liegen im Haushalt – etwa Einkaufen, Speisen zubereiten, Körperhygiene. Die medizinische und pflegerische Versorgung darf die Betreuungskraft in der Regel nicht ausführen – also Verbände wechseln, Medikamente verabreichen oder Spritzen geben. Das dürfen nur Fachpflegekräfte tun, die bei ambulanten Pflegediensten zu finden sind. Daher klären Sie rechtzeitig die Beauftragung eines ambulanten Pflegedienstes, welcher eine fachgerechte Pflege mindestens einmal in der Woche sicherstellt.

Das Arbeitgeber-Modell

„Selbst der Arbeitgeber einer Betreuungskraft zu sein – das ist nicht das gängigste Modell“, weiß Björn Gatzer. „Man muss sich als Arbeitgeber um sehr viel kümmern: Arbeits- und Urlaubszeiten, Nachtarbeit und Schichten, Gehalt. Zudem schrecken Kosten und Arbeitgeberpflichten viele Angehörige ab.“

WISO-Tipp: Sie können die Kosten der Haushalts- oder Betreuungskraft als haushaltsnahe Dienstleistung von der Steuer absetzen. Um bis zu 4.000 Euro jährlich – oder um maximal 20 Prozent der tatsächlichen Kosten. Außerdem können Sie bei Anerkennung eines Pflegegrades bis zu 900 Euro von der Pflegekasse erhalten.

„Es ist aber das Modell, in dem Betroffene oder Angehörige alles selbst steuern und transparent regeln können, zum Beispiel wie viel Lohn gezahlt wird und dass die soziale Absicherung stimmt“, ergänzt Petra Hegemann von der VZ in Berlin. Generell gilt: Sie dürfen Arbeitnehmer aus osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten problemlos anstellen – eine Arbeitserlaubnis dazu ist nicht erforderlich. Bei der Suche und Auswahl von geeigneten Betreuungskräften behilflich: zum Beispiel die Arbeitsagentur oder Verbände wie die Caritas.

Regeln für Arbeitsschutz beachten

Wichtig: Wollen Sie Arbeitgeber einer Betreuungskraft sein, dann müssen Sie sich an die Regeln des Arbeitsschutzes halten. Heißt: Die Betreuungsraft darf an Werktagen nicht mehr als acht Stunden arbeiten, das sind maximal 48 Stunden pro Woche. Damit einher geht ein Urlaubsanspruch von mindestens 24 Werktagen pro Jahr. Und der in Deutschland geltende allgemeine Mindestlohn ist zu zahlen – seit dem 1. Januar 2017 sind das 8,84 Euro pro Stunde. Vorteil: „Sie als Arbeitgeber können mit der Betreuungskraft direkt aushandeln, wann diese arbeiten soll, welchen Aufgaben sie nachgehen soll“, erklärt Gatzer. Die Form der Flexibilität muss jedoch im Rahmen der tariflichen und gesetzlichen Möglichkeiten ausgehandelt werden.

Wichtig: Die Betreuungskraft kann – und darf alleine – keine Rund-um-die-Uhr-Versorgung erbringen. Heißt: Sie als Arbeitgeber müssen dafür Sorge tragen, dass in den Zeiten, zu denen die Haushaltshilfe frei hat, die Betreuung des Pflegebedürftigen anders abgesichert wird. Idealerweise organisieren Sie ein soziales Netzwerk vor Ort aus Angehörigen oder Nachbarn, die beispielsweise im Notfall Ansprechpartner für den Hausnotrufdienst sind. Oder an freien Tagen (Sonn- bzw. Feiertage) beim Pflegebedürftigen nach dem rechten schauen.

Linkliste

Infos rund um Pflegeverträge, Vermittlungsagenturen und ambulanter Pflege der Verbraucherzentralen: www.pflegevertraege.de.
Bedingungen und Voraussetzungen zur legalen Beschäftigung osteuropäischer Haushaltshilfen/Betreuungskräfte/Pflegerinnen der Verbraucherzentrale (pdf).

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