Pool-Check: Risiko Ansaugpumpen

Wie sicher sind Hotelpools?

Verbraucher | WISO - Pool-Check: Risiko Ansaugpumpen

2011 starben drei Kinder durch ungesicherte Ansaugpumpen in Hotelpools. Danach sollten die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verbessert werden. Doch ist das so? WISO hat erneut Hotelpools geprüft.

Beitragslänge:
10 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 15.06.2017, 12:00

Die meisten schweren Unfälle in Pools passieren durch Ansaugpumpen. Jedes Jahr sterben Kinder, weil sie sich davon nicht mehr losreißen können. Es kommt zu inneren Verletzungen und die Opfer ertrinken. Für die Poolsicherheit gibt es keine einheitlichen internationalen Vorschriften. Wer ist verantwortlich für sichere Hotelpools? Wie kann man sich schützen?

Es war 2011, als der achtjährige Lucas Göb auf einer spanischen Insel in einem Hotel-Pool ertrank. „Lucas war ein guter Schwimmer und hatte Spaß am Tauchen“, sagt seine Mutter Ulrike Göb. Es war das Ende des ersten Urlaubstags, als Lucas noch einmal in den Hotelpool sprang, doch plötzlich kam er nicht mehr hoch. „Zwei Badegäste haben das gesehen und ihn mit aller Kraft aus dem Wasser gezogen“, sagt sie. Er wurde vom Gitter angesaugt und konnte sich nicht mehr alleine losreißen. Ein Alptraum für die Eltern.

Risiko Ansaugpumpe

Der Grund für schwere Unfälle im Pool sind zu stark eingestellte Ansaugvorrichtungen. Gefährlich wird es, wenn der ganze Körper die Ansaugöffnung verdeckt, denn dann entsteht ein Vakuum. „Der Sog kann so stark sein, dass selbst Erwachsene sterben können“, erklärt uns Ulrike Göb an ihrem Test-Pool. Er gehört zum Verein parents4safety, gegründet von Eltern, die ihre Kinder in Pools verloren haben, so wie die Göbs. Seither kämpfen die Mitglieder für mehr Sicherheit in Hotelpools. „Eltern können nur dann selbst die Gefahren einschätzen, wenn sie wissen, worauf sie achten sollen“, sagt Göb. Deshalb hat der der Verein für Eltern eine Checkliste ausgearbeitet, die man sich kostenlos herunterladen kann.

Keine einheitlichen Bestimmungen

Das große Problem: „Es gibt keine einheitlichen internationalen Standards für die Poolsicherheit“, weiß Olaf Seiche vom TÜV-Rheinland. Er ist Pool-Inspektor und testet seit vielen Jahren für Reiseveranstalter, Hoteliers und Schwimmbad-Betreiber Pool-Anlagen. „Überall gibt es Beanstandungen, auch in Deutschland ist nicht alles einwandfrei“, weiß Seiche - und das, obwohl hierzulande die Bauvorschriften, gesetzlichen DIN-Normen, Richtwerte für das Strömungsvolumen von Ansaugpumpen und technische Vorgaben strenger gehandhabt werden als anderswo in Europa.

Was wird getestet – und wie?

Olaf Seiche
Pool-Inspektor Olaf Seiche vom TÜV Rheinland Quelle: ZDF

Zu Seiches Pool-Test gehört ein Koffer mit einem Strömungsmessgerät, einem Zollstock, einer Haar-Attrappe und ein kleines Handtuch. Mit diesen Utensilien lässt sich herausfinden, ob Ansaugpumpen gefährlich sind. Das Handtuch dient dem Vortest: Erst wenn sich das Tuch am Gitter festgesaugt hat, setzt er das Gerät für die Volumenstrommessung ein. „Damit wird die Geschwindigkeit des Wassers gemessen, wie es aus dem Pool abgesaugt wird“, sagt Seiche. In Deutschland liegt der Richtwert bei 0,5 Meter pro Sekunde. Alles  darüber gilt als gefährlich.

Seiche überprüft außerdem alle Öffnungen: Sind die Abdeckungen der Ansaugvorrichtungen einwandfrei? Sind die Gitter groß genug und decken sie die ganze Öffnung ab? Sind die Gitterrost-Schlitze nicht zu breit und nicht zu schmahl? Eine Ansaugung der Haare kann lebensgefährlich sein, wie ein Versuch im Test-Pool zeigt. „Wenn Haare angesaugt werden, verknoten sie sich hinter dem Ansauggitter, sodass man sich nicht mehr befreien kann“, sagt Ulrike Göb.

Warum Mallorca?

Lucas' Tod ist jetzt fünf Jahre her. Was ist seither passiert? „Ich glaube, da hat sich nicht viel getan“, meint Ulrike Göb vor dem WISO-Check. Ihr Verein sammelt weltweit alle bekannt gewordenen Unfälle durch Ansaugpumpen. Am häufigsten trifft es Kinder zwischen sieben und elf Jahren. Sie können bereits schwimmen und werden im Pool deshalb weniger streng beobachtet. Die meisten Meldungen erhält der Verein parents4safety aus Spanien. Wir wollen deshalb prüfen, wie es um die Pool-Sicherheit auf Mallorca aussieht, Deutschlands beliebtester Ferieninsel.

Zuletzt hat der Verband der Reiseveranstalter vor drei Jahren auf Mallorca über 1000 Hotels getestet. „In 230 Hotels wurden Pools mit sogenannten A-Mängeln gefunden“, weiß Seiche. Ein A-Mängel stellt nach der DRV-Checkliste immer eine Gefahr für Leib und Leben dar. WISO will mit dem Pool-Experten herausfinden, ob sich seit 2011 etwas verändert hat. Wir haben eine Vorauswahl von 36 Hotels mit Wasserrutschen und Wasserspielanlagen getroffen. „Immer da, wo Attraktionen im Pool eingebaut sind, wie Springbrunnen oder Rutschen, kann es gefährlich werden“, sagt Seiche. Denn dafür müsse viel Wasser im Umlauf sein, bewegt und damit auch angesaugt werden.

Familienhotels zuerst

Unzureichend gesicherte Ansaugpumpe in einem Hotel-Pool
Unzureichend gesicherte Ansaugpumpe in einem Hotel-Pool Quelle: ZDF

Wir haben zehn Familienhotels untersucht. Es handelte sich durchweg um Drei- und Vier-Sterne-Hotels, meist große Hotelanlage mit vielen Pools, die bei allen maßgeblichen deutschen Reiseveranstaltern gebucht werden können. Viele Hotels gibt es bereits seit den 70er-, 80er- und 90er-Jahren. Einige wurde saniert, renoviert und umgebaut. Auch die Pools? Wir finden schmuddelige Poolanlagen, mit Dreck, Schimmel, abgesprungenen Fließen, scharfe Kanten und schlecht montierten Ansauggittern. Auch fehlt mal eine Poolaufsicht oder die Trennung zwischen Nichtschwimmer- und Schwimmerbecker ist nicht deutlich genug. Ist das ein Indiz für wenig Sorgfalt und gefährliche Ansaugpumpen? Immerhin: Solche lebensbedrohlichen Mängel finden wir nicht!

„Auf Mallorca wurde im wahrsten Sinne des Wortes viel geschraubt“, fällt Olaf Seiche auf. In vielen Pools wurden die Ansaugvorrichtungen nachträglich mit zusätzlichen Edelstahlgittern abgesichert. Perfekt sind gewölbte, dreidimensionale Gitter. „Dadurch lässt sich eine Vakuumbildung ausschließen, denn kein Körper kann mehr die Öffnung vollständig abdecken“, sagt der Experte.

Stadthotel und Schmuddelecken

Den Test setzen wir in den Stadtvierteln von Mallorca fort. Wir gehen in El Arenal in das nächst gelegene Drei-Sterne-Hotel und finden einen unauffälligen Pool. Keine Wasserspiele, keine Rutsche, keine Fontäne. Doch Seiche will sich die vielen Öffnungen genauer anschauen. „Überall, wo Wasser in den Pool hineingepumpt wird, ist es ungefährlich, wo Wasser aus dem Pool abgesogen wird, kann es gefährlich sein“, sagt Seiche. Tatsächlich findet der Experte ein nicht abgedecktes Loch in der Seitenwand. Die Sogkraft ist sehr stark. Seine Messung zeigt einen Wert von 1,6 Metern pro Sekunde. Der Wert des Ansaugvolumens ist drei Mal so hoch wie der deutsche Richtwert. „In diesen Pool würde ich nicht schwimmen gehen und auch keine Kinder schwimmen lassen. Das ist brandgefährlich“, warnt Seiche.

Nord-Süd-Gefälle

Olaf Seiche weiß aus seiner beruflichen Erfahrung, dass nicht in allen Urlaubsländern mit den Risiken durch Ansaugpumpen gleich gut umgegangen wird. „Je südlicher man sich im Mittelmeerraum umsieht, desto gefährlicher sind die Pools“, sagt Seiche. Das sah er vor zwei Jahren in der Türkei und im vergangenen Jahr in Tunesien. Der Verband der Reiseveranstalter, DRV, und auch das größte deutsche Touristikunternehmen, TUI, widersprechen. „Wir können kein Nord-Süd-Gefälle feststellen“, sagt Ulrich Heuer, Krisenmanager der TUI. In Ägypten haben wir 2016 aktuelle Ergebnisse: 99,9 Prozent aller getesteten Pools seien demnach sicher.

Haftung und Kontrolle

Kommt es zu einem Unfall im Hotel, wird zunächst der Hotelier zur Rechenschaft herangezogen. „Die Verantwortung für den Betrieb und die Sicherheit des Swimming-Pools obliegt den Hotelbetreibern“, sagt Pressesprecher Torsten Schäfer vom DVR. Im Reiserecht sind die Meinungen und Urteile jedoch breiter ausgelegt. „Der Reiseveranstalter muss im Rahmen seiner Sorgfaltspflicht Verantwortung gegenüber seinen Kunden übernehmen“, sagt der Rechtsanwalt Kay Rodegra, Experte für Reiserecht. So können Reiseveranstalter zu Schadenersatz und Schmerzensgeld herangezogen werden, wenn sie ihre Verkehrssicherungspflichten verletzten. Dazu gehören auch regelmäßige Stichproben durch sachkundige Beauftragte. Werden dabei Mängel entdeckt, müssen diese unverzüglich abgestellt werden.

Der Druck hat sich gelohnt

Erst nach dem Tod von Lucas Göb haben die Reiseveranstalter in einer konzertierten Aktion Hotelpools unter die Lupe genommen. „Erst durch den Druck der betroffenen Eltern und der Medien sind die Reiseveranstalter tätig geworden“, sagt Olaf Seiche. Die Leitung der Pool-Tests hatte damals der Deutsche Reiseverband, DRV. Ziel des Projektes war es, mit den zusätzlichen Überprüfungen auch neue Prüfkriterien zu entwickeln. Seit 2014 schicken die Reiseveranstalter wieder in Eigenregie Pool-Inspekteure in die Hotels. Dabei kommt es auch zu Konflikten, wenn das jeweilige Landesrecht weniger strenge Regeln vorsieht als sie vom deutschen Reiseveranstalter verlangt werden.

„Die Hoteliers zeigen sich nicht immer kooperationsbereit, wenn wir mit unseren härteren deutschen Vorschriften kommen“, sagt Ulrich Heuer von der TUI. Es fehlt uns dann an Überzeugungskraft, wenn sich der Hotelier querstellt. Zwingen könne man ihn nicht. Ein Druckmittel, das Hotel aus dem Katalog zu streichen, kommt zwar vor, aber dabei handelt es sich um seltene Einzelfälle. Für Ulrike Göb bleibt das unbefriedigend: „Wir kämpfen so lang weiter, bis jeder Pool sicher ist oder bis es eine gesetzliche Regelung dafür gibt.“

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet