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Tag vor der Brexit-Abstimmung

Wie geht es einer deutschen Firma kurz vor der Entscheidung?

von Karen Grass

Ein deutsches Mittelstandsunternehmen bereitet sich auf einen möglichen harten Brexit vor. Was für Konsequenzen muss die Firma ziehen? Was sagt der Handelsverband DIHK?

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 10.12.2019

Was macht ein ein harter Brexit mit der deutschen Wirtschaft? WISO hat beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag nachgefragt.

Inwiefern sehen Sie die deutsche Wirtschaft und insbesondere ihre Mitglieder gut auf den Brexit vorbereitet?

Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer: Der Brexit konfrontiert die Unternehmen auf beiden Seiten des Kanals mit umfassenden Herausforderungen - die je nach unterschiedlichen zukünftigen Beziehungen anders ausfallen können. Dabei hat es allein das lange politische Hin und Her für die Unternehmen schon bis dato äußerst schwierig gemacht, sich entsprechend vorzubereiten. Leider muss die Wirtschaft bis heute mit verschiedenen Szenarien arbeiten. Das heißt auch mit dem Szenario, dass es bis Ende März keinen Deal geben könnte. 

Welche Fragen sind für die deutsche Wirtschaft noch offen, wo herrschen die größten Unsicherheiten für deutsche Firmen?

Wansleben: Für die Unternehmen muss Klarheit herrschen, ob am 30. März 2019 ein ungeregelter Brexit droht oder ob die Briten dem Ausstiegsabkommen zustimmen. Das ist ja noch völlig offen. Es gibt momentan also immer noch mehr Fragen als Antworten.

Wie sollten Unternehmen damit umgehen?

Wansleben: Der DIHK rät Unternehmen, die in Geschäftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich stehen, dringend, sich mit den Folgen des Brexit auseinanderzusetzen. Die Brexit-Checkliste des DIHK hilft dabei, sich mit den drohenden Veränderungen zu beschäftigen und erste Vorkehrungen zu treffen. Mehr als 17.000 Mal wurde unser Brexit-Online-Tool in den letzten Wochen aufgerufen, woran deutlich wird, dass der Beratungsbedarf bei den Unternehmen sehr hoch ist. Es ist wichtig, dass die Unternehmen sowohl die drohende Einführung von Zöllen und vor allem die notwendige Anmeldung von Waren bei den Zollämtern berücksichtigen. Der DIHK rechnet mit mindestens 10 Millionen zusätzlichen Zollanmeldungen, die nach dem Brexit pro Jahr notwendig werden. Allein die dann entstehende Zollbürokratie führt zu mindestens 200 Millionen Euro zusätzlichen Kosten pro Jahr für deutsche Unternehmen. Und von möglichen Zöllen haben wir dann überhaupt noch nicht gesprochen.

Wo gibt es die größten Probleme bei der Vorbereitung - ohne bereits zu wissen, ob es einen Deal (und welchen) zwischen UK und der EU geben wird?

Wansleben: Die Unternehmen stehen vor einem Dilemma: Jede Vorbereitung auf den Brexit verursacht Kosten, die im Fall einer Einigung auf einen geregelten Brexit dann unnötig verursacht wurden. Die Unsicherheit bei den Unternehmen führt dazu, dass sie abwägen müssen, ob sich zum Beispiel das Anmieten zusätzlicher Lagerflächen lohnt, obwohl noch immer nicht klar ist, ob die Briten dem Ausstiegsabkommen zustimmen oder nicht. Zusätzliche Lagerflächen wären nötig, um dem drohenden Lieferengpässen bei einem No-Deal-Szenario entgegenzuwirken. Es ist ein bisschen wie bei dem Kaninchen vor der Schlange: Die Unternehmen können vieles, was da kommen kann, nicht beeinflussen.  

Welche Informationen haben Sie von der Bundesregierung: Was wird im Falle eines harten Brexit konkret kurzfristig getan, um die Folgen für Firmen abzufedern?

Wansleben: Die Bundesregierung ist derzeit dabei, Notfallgesetze zu beschließen. Diese betreffen insbesondere die mehr als 9.000 Unternehmen britischen Rechts, die in Deutschland ihren Verwaltungssitz haben. Dies sind u. a. sogenannte Limiteds, die aufgrund der Niederlassungsfreiheit der EU in Deutschland tätig sein dürfen. Hier helfen die Gesetze dabei, dass betroffene Unternehmen mehr Zeit bekommen, sich beispielsweise nach deutschem Gesellschaftsrecht (GmbH) neu aufzustellen. Auch in den Bereichen Steuern und Versicherungen arbeitet die Bundesregierung an ähnlichen Gesetzen.

Inwiefern halten Sie die Vorbereitungen der Bundesregierung auch für das Szenario eines No-Deal für ausreichend?

Wansleben: Insbesondere beim Thema Zollinfrastruktur sehen wir noch Ausbaubedarf. Für die Zollabwicklung an den deutschen See- und Wasserhäfen sind zusätzliche Zollbeamte notwendig, aber auch physische Infrastruktur, um lange Staus nach dem Brexit möglichst zu vermeiden.

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