Überstunden - was darf der Chef

Welche Rechte Sie als Arbeitnehmer haben

Verbraucher | WISO - Überstunden - was darf der Chef

Überstunden müssen abgeleistet werden, wenn sie in einer entsprechenden Klausel im Arbeitsvertrag vereinbart wurden. Was der Chef darf und welche Rechte Arbeitnehmer haben, beantwortet der WISO-Tipp.

Beitragslänge:
4 min
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Video verfügbar bis 13.12.2016, 00:00

Überstunden gehören in Deutschland zum Arbeitsalltag und sind an der Tagesordnung. Laut einer Studie der Bundesagentur für Arbeit machen Arbeitnehmer in Deutschland fast neun Überstunden im Monat. Im Jahr sind das rund 108 Überstunden. Aber: Was darf der Chef tatsächlich verlangen?

Was als Überstunde zählt, ist klar definiert: die Überschreitung der für den Arbeitnehmer geltenden regelmäßig Arbeitszeit. Das heißt: Überstunden leistet der Arbeitnehmer, wenn er über die für ihn geltende Arbeitszeit hinaus arbeitet. Die Arbeitszeit eines Arbeitnehmers ist in der Regel in einem Tarif- oder Arbeitsvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung festgehalten.

Überstunden durch Projekte und Kundenmeetings

Auch Kristina Hamann muss oft viele Überstunden machen. Sie arbeitet als IT-Expertin bei einem Münchener Software-Unternehmen und betreut dort große Firmen. Ein Job, bei dem zwangsläufig Überstunden anfallen, da oft Projekte abgeschlossen werden oder viele Kundenmeetings anstehen. Eigentlich hat Kristina Hamann mit ihrem Arbeitgeber eine vier-Tage-Woche vereinbart, doch häufig kommt sie auch an einem fünften Tag ins Büro, obwohl sie eigentlich frei hätte. Für die Mutter zweier Kinder ist das nicht immer einfach. „Ich muss sehr oft, kurzfristig auch länger bleiben. Ich kann nicht pünktlich den Stift fallen lassen, um die Kinder abholen zu können. Dann muss ich das so organisieren, dass mein Mann das erledigt. Im Notfall müssen auch mal Freunde oder Bekannte aushelfen“, erzählt sie.

In Kristina Hamanns Vertrag ist explizit die Verpflichtung zu Überstunden festgehalten. Doch das ist für sie kein Problem. Kristina Hamann ist ehrgeizig, möchte Projekte erfolgreich abschließen und als Informatikerin beruflich viel erreichen. Die Kundenzufriedenheit liegt ihr besonders am Herzen. Ohne Überstunden ist das nicht möglich.

Wann muss man Überstunden machen?

Grundsätzlich gilt: Überstunden müssen nur dann geleistet werden, wenn diese in einem Arbeits- oder Tarifvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung schriftlich vereinbart worden sind. Besteht keine ausdrückliche Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, muss der Arbeitnehmer keine Überstunden leisten, das heißt, er muss nicht länger als die vertraglich vereinbarte Zeit arbeiten. Der Arbeitgeber ist nicht allein aufgrund seines Weisungsrechts berechtigt Überstunden anzuordnen.

Doch es gibt Ausnahmen: In Not- oder Katastrophenfällen, wie beispielsweise Brand, Überschwemmung oder Hochwasser, können Arbeitnehmer zu Überstunden verpflichtet werden. Achtung: Kapazitätsengpässe oder vermehrter Arbeitsanfall gelten nicht als Notfälle und reichen als Begründung nicht aus. Oft enthalten Tarifverträge Regelungen darüber, wann wie viele Überstunden der Arbeitgeber vom Arbeitnehmer verlangen darf. Wichtig: auch in Ihrem Arbeitsvertrag sollte genau festgelegt sein, wie viele Überstunden Ihr Chef höchstens anordnen darf.

Überstunden in Eigenregie

Wer glaubt in Eigenregie, also von sich aus, Überstunden machen und dafür noch mehr Freizeit bekommen zu können - der täuscht sich. Denn nur für angeordnete oder vom Chef geduldete Überstunden besteht ein Anspruch auf Ausgleich. Und das muss der Arbeitnehmer belegen können, zum Beispiel schriftlich durch Emails, in denen der Arbeitnehmer den Chef rechtzeitig über die bevorstehenden Überstunden informiert wird. Es ist wichtig, dass der Chef rechtzeitig informiert wird, damit er noch Zeit hat, um reagieren zu können.

Gibt es eine Höchstgrenze für Überstunden?

Zeitliche Grenzen für Überstunden ergeben sich aus dem Arbeitszeitgesetz. Dort sind Höchstgrenzen für die Arbeitszeit festgelegt. Demnach darf die Arbeitszeit eines Arbeitnehmers auf bis zu zehn Stunden (in Ausnahmefällen sogar auf zwölf Stunden) verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Monaten im Durchschnitt acht Stunden täglich nicht überschritten werden, das heißt, wenn der Arbeitnehmer innerhalb der nächsten sechs Monate einen Freizeitausgleich bekommt und auch mal früher gehen kann. Im Durchschnitt dürfen acht Stunden Arbeitszeit nicht überschritten werden.

Arbeitnehmer können Überstunden ablehnen, wenn sie mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten sollen, dafür aber innerhalb der folgenden sechs Monate nach Rücksprache mit dem Vorgesetzten keinen Ausgleich erhalten können. In einigen Tarifverträgen kann die Arbeitszeit auch über zehn Stunden hinaus verlängert werden, wenn zum Beispiel ein Teil der Arbeit sogenannte Arbeitsbereitschaft ist. Das betrifft vor allem diejenigen, die eine Rufbereitschaft haben, wie beispielsweise Ärzte.

Kristina Hamann möchte Karriere machen, gleichzeitig möchte sie viel Zeit für Ihre Familie haben. Ein Balance-Akt, der auch mal sehr kompliziert werden kann und nicht immer gelingt. Doch eine wichtige Voraussetzung dafür hat Kristina Hamann bereits in ihrem Arbeitsvertrag geschaffen: Sie hat schriftlich mit ihrem Chef vereinbart, für die geleisteten Überstunden Freizeitausgleich zu bekommen.

Gemeinsam mit Chef Lösung finden

Kristina Hamann hat ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef. Wenn beispielsweise Überstunden anstehen, sie aber keinen Babysitter findet oder die Überstunden Überhand nehmen, sucht sie das Gespräch mit ihm. Gemeinsam finden sie meist eine Lösung. In solchen Fällen springt dann entweder ein Kollege ein oder der Kundentermin wird abgesagt. Ein Glücksfall, denn nicht immer haben Vorgesetzte Verständnis für die Mitarbeiter und nicht immer gibt es genaue Regelungen zu Überstunden.

Überstunden genau protokollieren

Grundsätzlich ist es daher ratsam, dass Arbeitnehmer ganz genau protokollieren, wann und wie viele Überstunden sie geleistet haben und welche Arbeit verrichtet wurde. Das sollten Arbeitnehmer dann von ihren Vorgesetzten abzeichnen lassen. Denn im Streitfall trägt der Arbeitnehmer die Beweislast. Er muss belegen, dass der Arbeitgeber die Überstunden angeordnet oder sie geduldet hat. Kann der Arbeitnehmer das nicht, könnte er vor Gericht scheitern.

Arbeitnehmer sollten daher, bevor sie Überstunden machen, ihren Chef über die folgenden Überstunden informieren und auch anschließend. Dazu reicht eine E-Mail aus. Werden Überstunden zu einem dauerhaften Zustand oder erhalten Sie keinen Ausgleich, suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Chef. Sollte der Konflikt nicht zu lösen sein, wenden Sie sich an Ihren Betriebsrat oder einen Fachanwalt für Arbeitsrecht.

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