WISO-Tipp: Urlaub von der Pflege

Verbraucher | WISO - WISO-Tipp: Urlaub von der Pflege

Die Betreuung von kranken Angehörigen zu Hause – das ist für pflegende Angehörige eine große Herausforderung. Denn oft fehlt Zeit für Erholung. Die Folge: Stress und Überlastung. Wie pflegende Angehörige Urlaub von der Pflege nehmen können.

Beitragslänge:
5 min
Datum:
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Video verfügbar bis 12.06.2018, 19:25

Im Schnitt werden Männer heute 78 und Frauen 83 Jahre alt. Unterschiedliche Faktoren sind dafür ausschlaggebend: verbesserte Arbeitsbedingungen, moderne medizinische Versorgung und eine wachsende Lebensqualität. Diese – im Grunde positiven – Entwicklungen bringen allerdings mit sich, dass immer mehr Menschen auf Unterstützung im Alter angewiesen sind. Insgesamt sind derzeit rund 2,9 Millionen Menschen in Deutschland auf Pflege angewiesen.

Davon werden fast zwei Millionen Deutsche Zuhause gepflegt: Die meisten davon – etwa 1,4 Millionen – von Ehepartnern oder nahen Verwandten. Das kostet Zeit und Kraft und ist für pflegende Angehörige emotional sowie körperlich anstrengend. Und dennoch: Nur etwa jeder vierte pflegende Angehörige nimmt sich regelmäßig eine Auszeit. Dabei ist eine Auszeit oft der einzige Weg, zum Beispiel wichtige Tagesgeschäfte zu erledigen und – noch wichtiger! – die Akkus wieder aufzutanken.

Die Verhinderungspflege

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten Urlaub von der Pflege zu machen: die Verhinderungs- bzw. die Kurzzeitpflege.

Bei der Verhinderungspflege erhält der Pflegebedürftige einen Zuschuss für den Einsatz einer Ersatzpflegeperson. Die Pflegekasse übernimmt die Kosten der heimischen Pflege und Versorgung von bis zu 1612 Euro – und zwar über einen Zeitraum von sechs Wochen pro Kalenderjahr. Voraussetzung: Der Pflegebedürftige hat mindestens Pflegegrad 2 und wurde zuvor mindestens sechs Monate in der häuslichen Umgebung gepflegt.

Die Ersatzpflege führt entweder eine ehrenamtliche Pflegeperson oder ein professioneller Pflegedienst aus. Meistens springen jedoch Verwandte ein. Achtung: In dem Fall übernimmt die Pflegekasse aber nicht 1612 Euro – sondern nur Kosten in Höhe des 1,5fachen des Pflegegeldes.

So viel übernimmt die Pflegekasse an Kosten

Übrigens: Pflegen nahe Angehörige – also Kinder, Enkel, Schwiegerkinder – eine pflegebedürftige Person Zuhause, können angefallene Kosten bei der Pflegekasse geltend gemacht werden – etwa Fahrtkosten oder Verdienstausfall. WISO-Tipp: Sammeln Sie entsprechende Belege. Senden Sie diese an die Pflegekasse und beantragen Sie die Übernahme der Kosten.

Sinnvoller ist es, wenn ein Außenstehender – zum Beispiel der Nachbar oder eine professionelle Pflegeperson – die Pflege durchführt. Dann übernimmt die Pflegekasse für die Verhinderungspflege 1612 Euro im Jahr, die auf sechs Wochen verteilt werden können.

Die Kurzzeitpflege

Ist eine Pflege – vorübergehend – zu Hause nicht möglich ist, besteht die Möglichkeit, den Pflegebedürftigen in einem Pflegeheim unterzubringen: in der sog. Kurzzeitpflege.

Der Antrag zur Kurzzeitpflege muss bei der Pflegekasse gestellt werden, bevor diese in Anspruch genommen wird. Ist das der Fall, übernimmt die Pflegekasse dann die Kosten von bis zu 1612 Euro für acht Wochen im Jahr – für pflegebedingte Aufwendungen, Sicherstellung der medizinischen Behandlungspflege sowie Ausführung der sozialen Betreuung.

Generell gilt: Anspruch auf eine Kurzzeitpflege haben alle Pflegebedürftigen ab Pflegegrad 2. Der Höchstbetrag – 1621 Euro – gilt dann genauso bei Pflegegrad 5. Wichtig: Die Einrichtung, die eine Kurzzeitpflege übernimmt, muss von der Pflegekasse zugelassen sein.

Übrigens: Das Pflegegeld wird während der Kurzzeitpflege bis zu acht Wochen zu 50 Prozent weiterbezahlt. Allerdings: Die Kosten – zum Beispiel für Unterkunft und Verpflegung – die während der Kurzzeitpflege entstehen, muss der Pflegebedürftige grundsätzlich selbst tragen. Da Einrichtungen die Kurzzeitpflege für jeden Pflegegrad unterschiedlich berechnen, verbraucht ein Pflegebedürftiger mit Pflegegrad 5 den Höchstbetrag wesentlich schneller. Die Kurzzeitpflege ist also die teurere Variante.

Der Entlastungsbetrag

Seit Januar 2017 haben alle Pflegebedürftigen von Pflegegrad 1 bis 5 bei ambulanter Pflege einen Anspruch auf einen Entlastungsbetrag von 125 Euro monatlich. Mit diesem Entlastungsbetrag können sogenannte Entlastungsleistungen genutzt werden. Diese Entlastungsleistungen sollen sowohl Pflegebedürftigen als auch deren Angehörige entlasten.

Mit Kostenerstattungsprinzip in Vorleistung

Entlastungsleistungen basieren auf dem Kostenerstattungsprinzip, geben die Verbaucherzentralen zu bedenken. Das heißt: Patienten – oder pflegende Angehörige mit entsprechender Betreuungsvollmacht – müssen zunächst in Vorleistung gehen. Erst wenn die Rechnungen über die Entlastungsleistungen bei der Pflegekasse eingereicht werden, wird ein Betrag bis 125 Euro erstattet.

WISO-Tipp: Fragen Sie vor der Nutzung einer Leistung bei Ihrer Pflegekasse nach, welche Anbieter – zum Beispiel professionelle Pflegedienste – für Entlastungsleistungen in Frage kommen. So stellen Sie sicher, dass Ihnen die Entlastungsleistungen im Rahmen der 125 Euro auch erstattet werden. Denn: Der Anbieter einer Entlastungsleistung muss landesrechtlich anerkannt sein, damit Sie den Entlastungsbetrag von der Pflegekasse erstattet bekommen. Informationen, welche Anbieter in Ihrem Bundesland anerkannt sind, erhalten Sie telefonisch oder im Kundencenter Ihrer Pflegekasse, bei den Pflegestützpunkten in Ihrer Nähe oder bei den Verbraucherzentralen. 

Wenn Entlastungsbeträge nicht genutzt werden

Wird der Entlastungsbetrag von 125 Euro monatlich nicht vollständig ausgeschöpft oder gar verwendet, kann man die  Überschüsse ansparen und später nutzen. Werden zum Beispiel in den Monaten von Januar bis Mai keine Entlastungsleistungen genutzt, stehen Patienten oder pflegenden Angehörigen im Juni ein Betrag von 750 Euro zur Verfügung (125 Euro x 6 Monate). Insgesamt können nicht genutzte Ansprüche eines Jahres bis zum 30. Juni des Folgejahres genutzt werden. Erst dann verfallen die Ansprüche.

Besonderheiten bei den Entlastungsleistungen

Pflegebedürftige mit einem Pflegegrad von 2 bis 5 haben die Möglichkeit bis zu 40 Prozent Ihrer Pflegesachleistungen als Entlastungsleistung in Anspruch zu nehmen. Pflegesachleistungen sind Dienstleistungen, die zum Beispiel von einem ambulanten Pflegedienst erbracht werden. Dieser kommt nach Hause und übernimmt beispielsweise Dinge wie die Grundpflege, hauswirtschaftliche Tätigkeiten oder die rein häusliche Betreuung. Um 40 Prozent der Pflegesachleistungen als Entlastungsleistung nutzen zu können, muss ein Antrag gestellt werden.

WISO-Tipp: Fragen Sie bei Ihrer Pflegekasse nach, ob und wie das in Ihrem bestimmten Fall möglich ist. Alternativ können Sie sich an die Pflegestützpunkte oder die Verbraucherzentrale in Ihrer Nähe wenden.

Mehr herausholen aus Verhinderungs- bzw. Kurzzeitpflege

Die Mittel von der Kurzzeitpflege können in die Verhinderungspflege verschoben werden. Heißt: Von der Kurzzeitpflege kann die Hälfte der 1.612 Euro für die Verhinderungspflege eingesetzt werden – also 806 Euro. Insgesamt stehen dann dem Patienten – im Rahmen der Verhinderungspflege und für eine Dauer von bis zu sechs Wochen – maximal  2.418 Euro zur Verfügung.

Eine weitere Möglichkeit: Die Kombination der Kurzzeit- mit der Verhinderungspflege.
Das ist dann möglich, wenn die Mittel aus der Verhinderungspflege noch nicht verbraucht wurden. Somit verlängert sich der Anspruch insgesamt auf bis zu acht Wochen – und es können im Kalenderjahr zwei Mal 1612 Euro abgerufen werden. Heißt: Die Pflegekasse übernimmt dann Kosten in Höhe von 3.224 Euro.

Eine Beispielrechnung: Der pflegebedürftige Patient hat Pflegegrad 3 und ist ab Mai 2017 für acht Wochen in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Das Pflegeheim berechnet für zwei Monate 4.000 Euro für die Pflege und 1.000 Euro Hotelkosten.

Beispielrechnung
KOSTEN ERSTATTUNG
Kosten für Pflege
(8 Wochen)
4.000 Euro
Erstattung über Kurzzeitpflege 1.612 Euro
Erstattung über Verhinderungspflege 1.612 Euro
Hotelkosten 1.000 Euro
Entlastungsbetrag für 9 Monate à 125 Euro 1.125 Euro
Gesamt 5.000 Euro 4.349 Euro
Pflegebedürftige zahlt für 8 Wochen Heimunterbringung selbst 651 €

Wichtig: Bis zu diesem Zeitpunkt hat die zu pflegende Person noch keine Verhinderungspflege in Anspruch genommen, außerdem keine Entlastungsbeträge erhalten (dazu später mehr unter dem Punkt „Der Entlastungsbetrag“). Und: Die entstehenden Pflegekosten können zu 100 Prozent aus der Kurzzeitpflege sowie zu 100 Prozent aus der Verhinderungspflege bezahlt werden.

Hilfe für pflegende Angehörige

Die Pflege eines Angehörigen ist emotional und körperlich fordernd. Hohe Kosten, behördliche Gänge sowie gesetzliche Tücken im Pflegealltag stellen pflegende Angehörige vor gewaltige Herausforderungen. Besonders Laien sind dann auf Rat und Unterstützung angewiesen.

Sind Sie pflegender Angehöriger, dann können Sie sich bei diversen Beratungsstellen Hilfe holen. Hier wird Ihnen zum Beispiel erklärt, wie Sie stressige Situationen bewältigen können, welche staatlichen Hilfen es gibt oder welche finanziellen Unterstützungsleistungen Pflegekassen bieten. Ein Überblick:

Möglichkeit 1: Pflegestützpunkte

In vielen Bundesländern haben Kommunen und Pflegekassen die so genannten Pflegestützpunkte eingerichtet. Eine Übersicht liefert die bundesweite Datenbank mit Adressen der Pflegestützpunkte.

Möglichkeit 2: Pflegeberatung per Telefon

Seit dem 1. Januar 2016 hat auch jeder pflegende Angehörige einen Anspruch auf eine individuelle Fallbegleitung und Pflegeberatung durch die Pflegekasse. Unter der Nummer 030-20179131 können sich Interessenten beim Pflegetelefon dann von Montag bis Donnerstag zwischen 09:00 und 18:00 Uhr informieren, falls Probleme und Überforderungssituationen bei der Pflege eintreten.

Und: Sowohl im Internet als auch über Telefon 030/340 60 66-02 informiert Sie das Bundesministerium für Gesundheit von Montag bis Freitag über die rechtlichen Rahmenbedingungen der Pflegeversicherung.

Möglichkeit 3: Selbsthilfegruppen

Angehörigenkreise, Behindertenorganisationen und Selbsthilfegruppen bieten einen Ort für intensive Gespräche oder einen Erfahrungsaustausch. Adressen von Gruppen in Ihrer Nähe erfahren Sie zum Beispiel über nakos.de. In vielen Städten bieten Beratungsstellen, Wohlfahrtsverbände oder Pflegedienste Gesprächskreise an, in den sich pflegende Angehörige austauschen können.

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